Die Glocke mit dem abgegriffenen Hanfseil im Flur gehört zum unverzichtbaren Inventar des Hauses. Ihr Ruf duldet kein Säumen. Im Sprechzimmer steht Pater Hilaire Tornay mitten im Gespräch auf, lächelt mit hochgezogenen Augenbrauen, sagt «die Glocke...», macht eine entschuldigende Handbewegung und enteilt in Richtung Krypta.

Das kleine Sprechzimmer im weitläufigen fünfstöckigen Hospiz auf dem Grossen St. Bernhard misst wenige Quadratmeter. Hier pflegen die Mönche des Ordens des heiligen Bernhard sich die Fragen, Sorgen und Nöte anzuhören, die die Pilger durch das Val d’Entremont zu ihnen hochtragen. Rund zwei Stunden dauert der Fussmarsch auf der zugeschneiten Passstrasse, vorbei an den zwei skurrilen, pilzförmigen Entlüftungsrohren des Tunnels des Grossen St. Bernhard.

Durch doppelte Fenster geht der Blick auf den spiegelglatt gefrorenen See. Die Gebäude am gegenüberliegenden Ufer – ein Hotel, eine Grenzstation und ein kleines, ovales Wärterhäuschen – liegen bereits in Italien. Bretterverschläge sichern die Fenster im Erdgeschoss, Geisterstadtatmosphäre. Mitte Oktober wird die Passstrasse für den Verkehr gesperrt. Das Hospiz, auf 2473 Meter über Meer gelegen, eingebettet zwischen dem Mont Mort und der Chenalette, ist dann nur noch zu Fuss zu erreichen.

Der Gesang der Mauern


In der Krypta steht Pater Yvon vor dem Altar, das vom häufigen Gebrauch zerschlissene Brevier in der Hand haltend. Teile des Mauerwerks der Krypta sind fast 1000 Jahre alt. Heute hängen am Deckengewölbe Niedervoltlampen, und entlang den weiss gekalkten Wänden ziehen sich die Leitungen der Zentralheizung. Auf dem Altar wiegt ein Lufthauch die Flamme des ewigen Lichts.

Es ist 18.40 Uhr. Die kleine Gemeinschaft der vier Mönche hat sich nach den unverrückbaren Regeln des Ordens zum Abendlob, der «Vêpres», zusammengefunden. «In meiner Not habe ich zum Herrn geschrien, und er hat mir geantwortet», geht das im Chor gesprochene Gebet.

Nach der «Vêpres» steht im Refektorium, zubereitet vom Koch des Hospizes, das Abendessen auf dem Tisch. Rahmschnitzel mit Spaghetti, dazu Salat und Wein. Der Wein heisst «Chant des murs», der «Gesang der Mauern». Die stille Einkehr von eben weicht einer fröhlichen Aufgeräumtheit. Beobachter heisse also die Zeitschrift, fragt Pater Hilaire zwischen zwei Bissen, ja ob sie denn etwas zu tun habe mit dem «Osservatore Romano», der Zeitung des Vatikans. Heiterkeit am Tisch.

Wenn die Japaner kommen


Im Umgang mit den Medien ist den Mönchen inzwischen auch ein gewisses Mass an Sarkasmus nicht fremd. Als die Ordensgemeinschaft vor wenigen Wochen bekannt gab, dass sie die weltberühmte Zucht von Bernhardinerhunden verkauft, sei ein Mediengewitter ohnegleichen losgegangen, sagt Prior Jean-Marie Lovey. Sogar eine japanische Fernsehstation habe sich gemeldet. Dabei bleibe trotz Verkauf fast alles beim Alten. «Wenn wir bekannt gegeben hätten, dass sich unser Orden auflöst, hätte das nicht einmal halb so viel Medienrummel ausgelöst», sagt Jean-Marie, sichtlich etwas pikiert.

Zum Dessert werden Joghurts gereicht. Prior Jean-Marie klaubt die Papieretikette vom Becher; auf dem Hospiz wird der Abfall minuziös getrennt. Brennbares wird verbrannt, der Rest wird gestapelt und ins Tal geschafft, sobald die Strasse wieder offen ist. Der Sommer dauert selten länger als vier Monate. Gerade Zeit genug, um das Hospiz wieder wintertauglich zu machen. In den Vorratskammern werden rund eine Tonne Fleisch, 900 Kilo Käse und eine halbe Tonne Teigwaren gebunkert, für die Heizung wird der Tank nachgefüllt. Rund 75000 Liter Öl verfeuert die Heizung in einem einzigen Winter.

Und immer gibt es etwas zu reparieren. Das ist Pater Hilaires Aufgabe. Wenn etwas kaputtgegangen ist, sieht man ihn mit seinem Werkzeugkasten durch die steinernen Flure des Hauses gehen. «Wir müssen im Winter hier oben möglichst autonom sein. Die Handwerker kommen mit dem Helikopter. Das kostet ein Vermögen», sagt Pater Hilaire.

Pater Hilaire kennt das Hospiz schon aus seiner Jugend, als er 1956, als 20-Jähriger, hier sein Noviziat machte. Damals seien im Winter nur wenige Räume geheizt worden – und auch die nur zeitweise. Die Wäsche, die im Estrich zum Trocknen aufgehängt wurde, sei sofort gefroren. «Wenn sich die Leintücher nach zwei Wochen wieder zu bewegen begannen, wusste man, dass sie trocken sind», sagt Pater Hilaire. Nach dem Noviziat studiert er Theologie, wird Lehrer am Seminar der Kongregation in Martigny. Die innerkirchlichen Unruhen des zweiten vatikanischen Konzils dringen bis ins Wallis vor. Spannungen am Seminar machen ein Unterrichten schwierig, Pater Hilaire kann nach Rom ausweichen, wo er 14 Jahre lang als Sekretär eines Kardinals arbeitet. Zurück in der Schweiz, übernimmt er die Pfarrgemeinde von Martigny, seit drei Jahren lebt er auf dem Hospiz. «Ich bin hinaufgekommen, um hier zu sterben», sagt er im Scherz.

Das Martyrium des Pater Robert


Um 20.45 Uhr läutet die Glocke zu den «Complies», dem Abendgebet. Anschliessend ziehen sich die Patres wie jeden Montag zurück, um gegenseitige Zwiesprache zu üben. «Michel wird euch im Speisesaal noch eine Weile Gesellschaft leisten», sagt Prior Jean-Marie. Michel Fellay war Ingenieur bei der Swisscom. Als er 55 war, hatten sie keine Verwendung mehr für ihn. Er wurde frühpensioniert. Jetzt besorgt er die Buchhaltung des Hospizes.

Michel schenkt jedem ein Glas «Chant des murs» ein und erzählt, wie das gekommen ist. Eigentlich wäre Pater Robert (Name geändert) als Buchhalter vorgesehen gewesen. Aber eines Morgens war der Pater verschwunden. Er hatte das Weite gesucht. «Neun Jahre ist Pater Robert Mönch gewesen, und während der ganzen Zeit konnte er zu niemandem über seine Zweifel sprechen. Es muss ein Martyrium für ihn gewesen sein.» Jetzt, so sagt Fellay, lebt er in der Ebene, ist glücklich mit einer Russin verheiratet und bleibt dem Orden in Freundschaft verbunden.

Mit am Tisch sitzt auch Arnaud (Name geändert). Während er spricht, dreht er sein Weinglas immer genau um eine Vierteldrehung weiter, konzentriert, als verlange die Tätigkeit grösste Aufmerksamkeit. Ein Lastwagenfahrer hat ein Rotlicht missachtet. Arnauds Frau und Kind waren sofort tot. «Aber das ist ein Detail», sagt er mit einer Mischung aus Bitterkeit und Weinseligkeit. Er hat seit jenem Ereignis nicht wieder Fuss gefasst. In einer französischen Grossstadt lebte er als Obdachloser, fünf Jahre lang. Bis ihm ein Pfarrer den Weg hier hinauf gewiesen hat. «Ich hatte kein gutes Leben da unten. Es machte mich aggressiv», sagt er.

Die toten Brüder wurden eingemauert


Das Wetter in der Umgebung des Hospizes wechselt ständig. Innert Minuten verschwindet das ganze Haus im Nebel. Dann wieder ist klare Nacht. Es scheint der Mond, die Gebäude werfen Schatten. Auch die Morgue, ein kleines, fensterloses Steinhaus hinter dem Hospiz. Hier ruhen die Leichen, die man früher in der beinhart gefrorenen Erde nicht beerdigen konnte. Die trockene Gebirgsluft hat sie mumifiziert. Alte Fotografien des Innenraums zeigen die toten Körper, an der Wand lehnend – als warteten sie darauf, abgeholt zu werden. Vor Jahren hat man die Morgue zugemauert, damit, wie Prior Jean-Marie mit feinem Lächeln sagt, «die, die draussen sind, nicht hinein können, und die, die drinnen sind, nicht hinaus».

In Sichtweite der Morgue trotzt auf einem Steinsockel die mehr als mannshohe Bronzestatue des heiligen Bernhard dem eisigen Wind. In der Hand eine Kette und an der Kette – den Teufel. Es ist die für den Ordensgründer typische Darstellung: der heilige Bernhard als Bändiger des Bösen. Der Teufel symbolisiert die bösen Mächte des Gebirges: Eiseskälte, Schnee, Sturm und Nebel.

Sein bürgerlicher Name lautete Bernhard von Menthon, die Überlieferung datiert sein Wirken auf die Zeit um die erste Jahrtausendwende. Von adeliger Abstammung, folgt er dem Ruf Gottes. Als Erzdiakon von Aosta kümmert sich Bernhard von Menthon um die vielen Reisenden, Pilger und Soldaten, die, oft schwer gezeichnet von den Gefahren der Passüberquerung – Stürme, Lawinen, Wegelagerer –, die italienische Stadt erreichen. Um die Strapazen der Alpenquerung zu lindern, beschliesst er die Gründung des Hospizes. Einige wenige Glaubensbrüder folgen ihm, der Orden des heiligen Bernhard ist geboren.

Die Gemeinschaft lebt fortan nach den Ordensregeln des heiligen Augustinus. Sie verpflichtet sich zu Armut, Keuschheit, Gehorsam und seelsorgerischer Tätigkeit. Diese fällt auf dem Hospiz sehr konkret aus: Hilfe, Verpflegung und Wegleitung für die Passreisenden. Bis zur Einrichtung von Nottelefonen in den Schutzhütten entlang der Passstrasse verlangte es der Ordenskodex, dass jeden Tag zwei Patres mit Führerhunden allfälligen Reisenden entgegengingen, um diese sicher über den Pass zu bringen.

Diese Tradition ist heute noch lebendig. Pater Yvon Kull ist ausgebildeter Bergführer und für die Sicherheit zuständig. Beurteilt er die Lawinengefahr als zu hoch, darf sich niemand auf den Weg in die Berge oder ins Tal machen. Sein grosser Stolz ist der Golden Retriever Justy, ein ganz aussergewöhnlich talentierter Lawinenspürhund, so Pater Yvon: «Ich habe schon zwei Hunde ausgebildet, beide gehörten sie zum Schluss der höchsten Schulungsstufe an. Justy aber übertrifft sie alle.»

Pater Yvon verbringt viel Zeit an der frischen Luft, begleitet Tourenskifahrer auf ihren Wanderungen. In der stillgewaltigen Bergwelt des Mont Fourchon oder des Pain de sucre ist ihm seine Krankheit nur noch ferne Erinnerung. Zweifel an seiner Berufung zum Mönch – und zum mönchischen Leben – trieben ihn in eine langjährige, hartnäckige Depression. Das sei, so sagt er, seine Nacht gewesen, eine schwere Prüfung. Die Rettung, zwei Jahre ist es jetzt her, kam urplötzlich: «Eines Tages wachte ich auf und fühlte mich gesund. Ich hatte die Krankheit besiegt.» Seither ist es nie mehr Nacht geworden in ihm.

Und plötzlich dieser Rummel


Verschlafene Gesichter am Morgen in der Krypta, die Glocke hat geschlagen. Es ist 7.15 Uhr, die Mönche treffen sich zu «Lectures et Laudes», dem Morgengebet. «Lasst uns den Herrn anbeten. Er ist unser Gott», wiederholen die Mönche im Chor, während Prior Jean-Marie die Hymnen spricht. Die Mönche sind an diesem Morgen unter sich. Es ist Zwischensaison.

Später, beim Frühstück, sagt Prior Jean-Marie: «Die Leute begeistern sich: ‹Grossartig, ihr habt ein Haus auf 2400 Metern, in der Einsamkeit, ihr könnt euch der Meditation widmen.› Diese Leute sollen einmal im Februar kommen.» Vor allem an den Wochenenden komme das Haus dann an seine Kapazitätsgrenze. Sämtliche 170 Betten sind belegt, ganze Schulklassen sind da, Skitourenfahrer, Tagestouristen, Pilger, das Hospiz summt wie ein Bienenhaus. Sonntags wird vor vollen Bänken die Messe gelesen in der unlängst renovierten barocken Kirche. Sie ist Bestandteil des Hauses; «Sixtina des Wallis» hat sie der Sittener Bischof genannt.

Als die Kongregation ihn gefragt habe, ob er die Leitung des Hospizes übernehmen würde, sei er etwas eingeschüchtert gewesen, sagt Prior Jean-Marie. «Es ist eine grosse, aber auch eine bereichernde Aufgabe. Die Menschen kommen mit tiefen, schwierigen Fragen hierher, suchen Rat und Begleitung. Und da ist das grosse Haus, die Angestellten, um die man sich kümmern muss.»

Drei Jahre steht er nun bereits dem Hospiz auf dem Grossen St. Bernhard vor. Es sei in der Ordensgemeinschaft üblich, dass man etwa zehn Jahre am gleichen Ort bleibe. Sofern es seine Gesundheit erlaube, habe er noch sieben Jahre vor sich, sagt Prior Jean-Marie, erhebt sich vom Stuhl und enteilt in Richtung Krypta. Die Glocke hat zum «Milieu du jour» gerufen.

Quelle: Ursula Meisser