1. Home
  2. Familie
  3. Stress: «So ein Arsch»

Stress«So ein Arsch»

Zoff in der Lehre, Konflikte mit den Eltern, Zukunftsangst und Erwartungsdruck: Stress ist Alltag – über einen Drittel der Jugendlichen macht er sogar krank. Stifte sagen, was sie nervt und wie sie sich abreagieren.

Heute gibts Stress in der Schule. Doch das Dutzend junger Männer in der Berufsschule Dietikon bleibt cool. Dass der Begriff aus dem angelsächsischen Sprachraum stammt und Druck, Spannung bedeutet, interessiert sie mässig. Dass es positiven und negativen Stress gibt, schon eher. Und noch mehr, dass auch Langeweile ein Stressfaktor sein kann. Beim Zitat von Hans Selye, dem Vater der Stressforschung, kommen einige sogar ins Grübeln: «Stress ist nicht etwas, das vermieden werden sollte. Im Gegenteil, er kann nicht vermieden werden, da man, um zu leben, gewisse lebenserhaltende Energie benötigt. Die komplette Freiheit von Stress kann nur nach dem Tode erwartet werden.»

Das Interesse scheint geweckt. Also, die Herren, was stresst Sie? Die Antwor-ten der Berufsschüler kommen ohne Zögern: «Wenn man einen Scheissjob machen muss, und ein anderer sagt grinsend: ‹Was für ein lässiger Job.›» – «Nachdem ich die Maschine erstmals alleine eingerichtet hatte, wusste der Chef nichts anderes zu sagen als: ‹Zu langsam.› So ein Arsch!» – «Als ich mich einmal bei meinem Ausbilder beklagte, sagte er so richtig von oben herab: ‹Was willst du, du warst es, der diese Ausbildung gewählt hat.›» – «Wann endlich merken meine Eltern, dass sie mit Druck gar nichts erreichen? Druck erzeugt nur Gegendruck.»

Auch die jungen Frauen und Männer, die im Zürcher Verlagshaus Jean Frey AG ihre Lehre absolvieren, lassen beim Thema Stress Dampf ab: «Machsch no schnell?! Ich kann es nicht mehr hören. Nur weil ich Lehrling bin, soll ich es noch schnell machen können.» – «Es nervt einfach, wenn Lehrer in ihrer Erwachsenensprache unterrichten und sich einen Deut darum kümmern, ob wir sie verstehen.» – «Ich kann zu Hause sagen, was ich will. Meine Eltern sind immer auf der Seite der Schule.» – «Diese ständige Anmache, selbst von Erwachsenen! Was für armselige Typen.»


Test: Wie viel Vertrauen hast Du in Dein Leben?

>> PDF Dokument (64 KB) herunterladen.


Fluchen und Schlafstörungen


So vielfältig die Stresserfahrungen sind, so einheitlich sind die Auslöser: mangelnde Wertschätzung, mangelnde Akzeptanz, mangelnder Respekt. Der gemeinsame Nenner all dieser Stressfaktoren heisst: «Ich fühle mich nicht ernst genommen.»

Unterschiedlich sind die Wirkungen von Stress bei den befragten Lehrlingen: «Ich werde immer aggressiver und fluche, was das Zeug hält.» – «Ich kriege den Kopf nicht mehr frei. Meine Gedanken drehen sich nur noch darum.» – «Ich ziehe mich völlig zurück und will nicht angesprochen werden.» – «Mir wird es zum Teil richtig schlecht.» – «Vorgestern konnte ich nicht einmal schlafen wegen meinem Chef.»

Letzten November gab eine landesweite Studie der Universitäten Lausanne und Bern Einblick in die Gesundheit und den Lebensstil der 16- bis 20-Jährigen in der Schweiz. Darin finden sich zahlreiche Ergebnisse, die ganz oder teilweise mit Stress verbunden sind:

  • Fast die Hälfte der jungen Frauen und ein Drittel der jungen Männer berichten von psychischen oder körperlichen Beschwerden, die durch Stress verursacht sind.
  • Eine Belastung stellt auch die Sorge um die berufliche Zukunft dar: Ein Fünftel der Befragten hätten sich Unterstützung dabei gewünscht.
  • Ebenfalls ein Fünftel hatten sich im letzten Jahr ernsthaft damit beschäftigt, wie sie sich umbringen könnten.
  • Acht von hundert Frauen und drei von hundert Männern gaben an, sie hätten im Lauf ihres Lebens bereits einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Und fast gleich viele hätten sich selbst getötet, wenn sie die Gelegenheit dazu gehabt hätten.
  • Jede fünfte befragte Frau und jeder vierte Mann waren in den letzten zwölf Monaten ein Opfer von Diebstahl, Erpressung oder Gewalt. Und ein vergleichbarer Anteil der Befragten gab an, dass sie mindestens einmal pro Woche verspottet oder sonst wie gedemütigt wurden.


Zwar stimmen diese Zahlen nachdenklich. Tatsache bleibt: Die Mehrheit der Jugendlichen fühlt sich in guter psychischer Verfassung – offenbar können die einen besser mit Stressfaktoren umgehen als die andern. Doch was macht den stresslindernden Unterschied?

Freunde sind wichtig


Die Lehrlinge der Berufsschule Dietikon brauchen nicht lange zu suchen: «Ob man Zoff hat mit den Eltern oder sie einen unterstützen.» – «Genügend Geld.» – «Ein Job, der einigermassen sicher ist.» – «Tolle Freundinnen oder Freunde, mit denen man über alles reden kann.» – «Erwachsene, die einen ernst nehmen.» – «Je besser man ausgebildet ist, desto grösser sind die Jobchancen – selbst in einer Krise.» Auch der «Glaube an sich selbst» wird von den jungen Männern genannt und die Grundsatzfrage, «ob man das Glas als halb voll oder als halb leer» ansieht.

Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky entwickelte einen Fragebogen (siehe Artikel zum Thema «Test: Wie viel Vertrauen hast du in dein Leben?»), mit dem sich ermitteln lässt, wie gross und wie stabil das Vertrauen in die eigene Person ist.

Den Dietiker Schülern fehlt die Zeit zum Ausfüllen. Aber – ja keinen Stress – das können sie ja zu Hause machen.

Veröffentlicht am 30. Juli 2004