Ich spiele Lotto. Und wer Lotto spielt, hat schon verloren. Er schätzt die Chance, aus eigener Kraft zu Wohlstand zu kommen, nicht wesentlich höher ein als 1 zu 8,15 Millionen. Dies entspricht der Gewinn­chance für den Sechser – und der Wahrscheinlichkeit, aus einem 12'200 Meter hohen «Einfränkler»-Turm die richtige Münze zu haschen: ein Griff nach den Sternen!

In der Tat ist die Vorstellung, sich dank Lot­to­glück sozial nach oben zu katapultieren, am unteren Rand der Mittelschicht am stärksten verbreitet, wie Soziologen nachgewiesen haben. Es würde mich aber nicht wundern, hätte das Spielfieber mittlerweile höhere Sphären erreicht. Denn ich bin ein Mittelständler und mit einem verfügbaren Äqui­valenz­einkommen (siehe Artikel zum Thema «Der bedrohte Mittelstand») von 3885 Franken ein ziemlich klassischer. Den­noch setze auch ich im Streben nach finanzieller Sorglosigkeit für mich und meine Familie weniger aufs Humankapital als aufs pure Glück. Und das ist desillusionierend.

Ich hatte es mir anders vorgestellt, als ich und meine Frau – frisch ab Uni und die ersten guten Jobs an Land – ins Abenteuer Familie stolperten. Ich, 27. Sie, 28. Beide Journalisten bei guten Verlagen. Klar, man mahnte uns: «Kinder, das kostet!» Und als der Storch an die Tür klopfte, klapperten uns die Zähne. Doch wir wollten nicht warten auf den grossen Zaster, der womöglich nie kommt und wenn doch, einem schnell den Kopf verdreht. Wem einmal der süsse Duft von Geld, Macht und Ruhm in die Nase stieg, muss sehr bewusst auf die Karriere­bremse treten, soll es mit dem Kinderkriegen noch was werden – vor allem Frau. Wie schwer das fällt, zeigt die Geburtenrate.

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Mit Karacho in die Doppelverdiener-Falle

Wir wagten den Schritt ohne dickes Sparbüchlein. Denn hey! Gute Ausbildung, gu­ter Job, gute Arbeitsmoral – das im Doppelpack; das belohnt das Leben. Denkste!

Seit der Geburt des ersten Kindes teilen wir uns ein Arbeitspensum von 140 Prozent. Fast sieben Jahre sind seither vergangen, ein zweites Kind ist da. Vieles ist gewachsen. Die Wohnfläche: 90 Quadratmeter. Die Mietkosten: 2500 Franken – im Zuge der See­feldisierung der Stadt Zürich auch im «Arbeiterquartier» Wipkingen «markt- und quartierüblich». Die Krankenkassenprämien: 700 Franken – bei höchsten Franchi­sen. Die Betreuungskosten: 900 Franken für zwei Tage Krip­pe für Liv, zweimal Mittag­essen und Nachmittagshort für Fin. Das Auto: ein Kombi aus Japan und dritter Hand. Die multimediale Grundausstattung: Handy, PC, Hispeed-Internet. Und ja, auch unsere Löhne sind gestiegen. Eins aber blieb über die Jahre unverändert: die schwarze Null am Monatsende auf unseren Konten.

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Und das Verrückte: Wir können es anstellen, wie wir wollen, das Resultat bleibt dasselbe. Arbeitet meine Frau nicht, verdienen wir weniger, zahlen dafür weniger Steu­ern, haben ein günstigeres Lebens­modell, profitieren von allerlei Ergänzungsleistungen und Subventionen. Arbeiten wir beide, verdienen wir mehr, zahlen aber auch mehr Steuern, haben hö­here Alltagskosten und rasseln vorbei an sämtli­chen Subventionstöpfen. Vermutlich gibt es irgendwo einen goldenen Schnitt, das ideale Modell mit der perfekten Work-Life-Money-Bilanz. Allein ich scheue mich, mein Lebens- und Familienmodell nach Empfeh­lungen eines Finanzexperten auszurichten.

Klar, unsereiner darf nicht jammern. Wir haben zu essen, mehr als genug. Wir haben ein Dach über dem Kopf, schöner als nötig. Und wir können uns den Luxus erlauben, einmal im Jahr in die Ferien zu fahren. Ich erwarte sie denn auch bereits, die Leserbriefe. Die bösen: «Doppelverdiener, Stadtwohnung, Kinder fremdbetreut – und dann noch klagen!» Die ­missgünstigen: «Ich bin alleinerziehende Mutter und verdiene 2000 Franken. Ihre Probleme möchte ich haben!» Und die besserwisserischen: «Ziehen Sie aufs Land, verzichten Sie auf Luxus wie Auswärtsessen, Auto, iPhone, dann klappts auch mit dem Sparen.»

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Das Wasser reicht immer schön unters Kinn

Sie alle haben recht. Eine professionelle Budgetberatung fände wohl das eine oder andere faule Ei in unserem Nest. Und würden wir uns selbst kasteien, wir brächten es auf ein nettes Pölsterchen. Doch gehört es nicht just zum Selbstverständnis der Mittel­schicht, dass wir uns was gönnen dürfen, ja, gönnen dürfen müssen? Wird nicht gerade die Mittelschicht als das Rückgrat der Wirtschaft gepriesen und ihr Konsum als die Konjunkturlokomotive? Ich brauche mich jedenfalls für keine meiner Ausgaben zu schämen, auch nicht für die 120 Franken monatlich für die irakische Putzfrau, die meiner Frau alle zwei Wochen unter die Arme greift. Die eine kann das Geld gebrauchen, die andere die Unterstützung.

Ich würde gern mehr ausgeben, zum Beispiel für nachhaltige Dinge. Doch statt das Pult für den Sohn beim Quartierschreiner in Auftrag zu geben, renne ich samstags wie die anderen Lemminge zu Ikea. Dabei weiss ich, dass Handgemachtes die bessere Investition wäre, weil es auch in zehn Jahren noch gerade steht. Doch das Kurzzeitgedächtnis prägt die moderne Welt, und da schmerzen die 1500 Franken aufs Mal – wenn man sie überhaupt «vorig» hat – mehr als die 300 Franken alle fünf Jahre.

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Die Zwangsausgaben, die Alltagskosten und all die «ausserordentlichen» Rechnun­gen, die es einem auf der Wohl­stands­insel Schweiz jeden Monat ins Haus weht, das hängt wie Blei an den Fesseln. Das Wasser reicht immer schön unters Kinn. Solange nichts Unvorhergesehenes passiert, geht man nicht unter. Schwimmt mit. Doch man darf sich keine Schwächen erlauben. Wird man arbeitslos, leistet sich einen beruf­lichen Fehltritt, wird krank oder verliert die Kraft, wirds schnell turbulent im Hamsterrad.

Ich frage mich, was Brady Dougan zu seiner Liebsten sagt, wenn er dieser Tage von der CS nach Hause kommt mit dem grossen Zahltag von geschätzten 90 Millionen Franken im Gepäck und sie ihn fragt: «Honey, wie war der Tag?» Vermutlich wird er nur profan antworten: «Okay. Reichst du mir mal bitte die Lachspastete?»

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Wenn ich dagegen mit dem Lotto­gewinn nach Hause komme, dann aber Party, liebe Nachbarn. Unsereiner hat eben noch Träume – und das ist gut so.