Am anderen Ende der Leitung erzählt der Junge, er habe eine der blauen Tabletten, die im Nachttisch seines Vaters lagen, geschluckt und davon Kopfschmerzen bekommen. Nun will er von der Beraterin der Telefonhilfe 147 wissen, welcher Wirkstoff in dieser Kapsel steckt. Doch die Mitarbeiterin der Pro Juventute merkt anhand von Fangfragen schnell, dass der Junge die Viagra-Story erfunden hat und nur ihr Wissen über die Potenzpille testen will, um sich einen Spass daraus zu machen. Sie verbindet ihn mit einem Band, auf dem eine freundliche Computerstimme auf die Informationen unter www.147.ch verweist. Damit ist die Leitung wieder frei für Kinder und Jugendliche, die tatsächlich in Not sind, weil sie zum Beispiel extremen Zoff mit den Eltern haben oder vor Liebeskummer nicht mehr ein noch aus wissen.
Mit Scherzanrufen haben fast alle Beratungshotlines zu tun. Bei der 147er-Nummer etwa machen sich Jugendliche nicht nur regelmässig mit Fragen über Viagra einen Jux, auch vorgetäuschte Schwangerschaften und Ähnliches finden einige offenbar sehr unterhaltsam. Dadurch sind die Notrufleitungen häufig unnötig verstopft. So suchte im Jahr 2007 von 270'000 Anrufern lediglich rund ein Viertel tatsächlich Rat. Bei 38 Prozent hingegen handelte es sich um Scherzanrufe. Bei rund einem Drittel aller Anrufe blieb es still in der Leitung. Und die restlichen Anrufer beschimpften die Pro-Juventute-Berater oder hatten sich verwählt. Solch sinnlose Telefonate kosteten die Hotline-Angestellten rund einen Drittel ihrer Arbeitszeit.

Wer missbraucht, wird gesperrt

Pro Juventute sagt den Spassvögeln nun mit einer neuen Software den Kampf an. Bevor man an der Hotline mit einem Berater oder einer Beraterin verbunden wird, muss man seit einigen Wochen sein Anliegen deklarieren: Taste 1 für Notfälle, Taste 2 für Beratungsgespräche, Taste 3 für Informationen. Die Angestellten erkennen dadurch am Bildschirm die Dringlichkeit eines Anrufs und nehmen den Notfall zuerst entgegen. Der Missbrauch der Notruftaste wird mit einer temporären Sperrung der Telefonnummer quittiert. Jugendliche, die am Telefon stumm bleiben, werden auf ein Band umgeleitet, wo eine Computerstimme sie informiert, dass sie ihre Fragen auch anonym via SMS stellen können. Wer die Taste 3 drückt, wird auf die Website verwiesen.

Doch die Scherzanrufer sollen nicht ungeprüft vergrault werden: Fachleute mutmassen, dass sie vielleicht doch ein ernsthaftes Problem haben, aber erst nach wiederholten Anrufen den Mut haben, damit herauszurücken. «Ist das der Fall, würden diese Anrufe in einem anderen Licht erscheinen, und wir müssten sie ernster nehmen», sagt Urs Kiener, Leiter der Pro-Juventute-Beratung 147. Darum will man mehr über sie erfahren. Derzeit werden an der Uni Bern 13'617 Anrufe analysiert, die bei der Nummer 147 aufgenommen wurden.

Die ersten Ergebnisse zeigen, dass bei weniger als einem Prozent der Juxanrufer das erste Telefonat doch noch in ein Beratungsgespräch mündet. Die weitere Auswertung wird ergeben, ob sich die Beratungsquote bei wiederholten Anrufen derselben Personen erhöht. Bis dahin will die Pro Juventute Aufklärung betreiben: Im Sommer soll an Schulen ein Film gezeigt werden, der deutlich macht, dass solche fahrlässigen Spässchen die Leitungen verstopfen, wodurch Jugendliche in Not womöglich nicht durchkommen - wer weiss, mit welchen Folgen.

Quelle: www.pro-juventute.ch
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