Lebensfreude war Nicole fremd», sagt Andrin, ihr Freund: «Ich versuchte, ihr welche zu schenken.» Linda, Nicoles Freundin: «Früher plauderte sie gern und viel. Dann wurde sie immer schweigsamer.» Paula Galli, die Mutter: «Nicole hätte nicht sterben müssen.»

Samstag, 28. August 2004. Nicole Galli, 19 Jahre alt, wird tot in einem Notzimmer des Sozialdienstes Dübendorf aufgefunden. Das Gesicht voran, war sie in ihr Kissen gesunken und erstickt. Laut Dienstarzt handelte es sich um einen Unfall. Es ist das Ende einer Geschichte, die innerhalb weniger Wochen eine höchst dramatische Wende nahm.

Quelle: Ursula Meisser

Handgreiflich gegen die Eltern

Nicole Galli war ein unauffälliges Kind. Ihre Schulleistungen erregten keinerlei Aufsehen. «Sie war die Zuverlässigkeit in Person», erinnert sich die Mutter. Und Linda: «Sie erhielt immer, was sie wollte. Sie hatte einen stillen Charme.»

Lebensmitteltechnologin, Schuhverkäuferin, Apothekergehilfin: Nicole hätte jede Lehrstelle erhalten, für die sie sich bewarb. In der Konstrukteurfirma, für die sie sich entschied, war sie die einzige Lehrtochter – «und wohl etwas überfordert», sagt die Mutter. «Sie büffelte jeden Abend wie wahnsinnig.» Und sie begann zu kiffen.

Februar 2002. Kurz nach dem Abbruch ihrer ersten Lehre verliert Nicole ihr Portemonnaie. Darin befinden sich ein paar Gramm Haschisch. Unglücklicherweise handelt es sich beim Finder ausgerechnet um den Dorfpolizisten. Mit dem Fund konfrontiert, rastet sie aus. Sie greift ihre Eltern handgreiflich an, beschimpft sie mit «Hure, Hurensohn». In Absprache mit dem Hausarzt wird Nicole für einige Wochen in eine psychiatrische Klinik gebracht.

«Sie konnte wegen der kleinsten Dinge furchtbar wütend werden», sagt Andrin, ihr Freund. «Aber wenn man ihr zeigte, dass man sie gern hat, beruhigte sie sich. Jedenfalls in meinen Armen.»

«Eine Pubertätskrise»

Aus der «Zuverlässigkeit in Person» war ein äusserst launischer Mensch geworden. «Ab 16 wusste man nie mehr genau, ob das wirklich stimmt, was sie da erzählt», sagt die Mutter. Nicole begann sich selber zu verletzen; sie entwickelte Essstörungen, nach den Mahlzeiten erbrach sie alles wieder. Laut Angaben von Freunden rauchte sie bis zu 15 Joints am Tag. Die jetzt beginnende Entwicklung hinterliess alle, die das Mädchen kannten, zwischen Ratlosigkeit und Entsetzen.

Mehrmals bedrohte Nicole ihre Umgebung mit dem Messer. Die Eltern baten das Jugendamt um Unterstützung. Nicole sollte einen Beistand erhalten. Man riet davon ab: «Es handelt sich hier um eine Pubertätskrise», hiess es.

«Wir sassen oft am See», sagt Linda. «Nicole erzählte immer weniger von sich. Und immer häufiger kam der Satz: ‹Für mich hats keinen Platz.›»

Anfang 2004, nach einem Zusammenbruch zu Hause, folgte wieder ein Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik. Mutter Galli: «Sie wurde auf Entzug gesetzt, fing an, Sport zu machen, sie war gut drauf. Es schien, dass sie sich in die Normalität zurückbewegte.» Es kam anders. Am Ostersonntag sprang Nicole durchs offene Klinikfenster ins Freie.

Andrin: «Nicole war sehr leicht zu verführen. Im guten wie im schlechten Sinn. Ich weiss nicht, welche Drogen sie nach der Klinik nahm. Von ihrem Hausarzt erhielt sie zusätzlich Unmengen von Medikamenten. Ich konnte sie nicht davon abhalten, all das Zeug zu nehmen.»

Im April 2004 meldete sich Nicole beim Sozialdienst Dübendorf. Dort erklärte sie, ihre Eltern hätten sie vor die Tür gestellt. Sie bat ihre Mutter eindringlich, bei Nachfragen dasselbe zu behaupten. «Kommt nicht in Frage», sagte die Mutter.

«Nicole wollte unbedingt ein eigenes Zimmer», sagt Linda. «Einfach Distanz von allem.» Am 26. April half die Mutter ihrer Tochter, Spiegel, Kleiderständer, Besteck und Kochgeräte ins Notzimmer einzuräumen. Aus Gründen des Persönlichkeits- und Datenschutzes wurde bei den Eltern nicht nach den familiären Verhältnissen der Volljährigen nachgefragt.

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Das Heroin wird immer wichtiger

«Notzimmer tragen dazu bei, die Obdachlosigkeit von volljährigen Personen zu vermeiden», heisst es im Konzept des Amts. Es handelt sich dabei um ein niederschwelliges Angebot mit minimaler Betreuung: Der Kontakt mit den Sozialarbeitern ist unregelmässig, von Seiten der Klientel besteht dazu keine Verpflichtung.

Die Hausordnung aber ist klar: «Es ist verboten, im Haus illegale Suchtmittel zu konsumieren. Personen mit einer akuten psychischen Erkrankung oder einer Suchterkrankung können nicht aufgenommen werden.»

Rund zwei Monate nutzte Nicole den Raum praktisch nicht, wie sich später herausstellte. Mittags tauchte sie jeweils kurz bei ihren Eltern auf; die Nächte verbrachte sie bei Andrin.

Am 4. Mai schrieb Paula Galli an den Sozialdienst Dübendorf: «Nicole ist stark suizidgefährdet. Durch ihren Alkohol-, Pillen- und Cannabiskonsum wird diese Gefährdung noch verstärkt. Das Notzimmer ist unseres Erachtens eine denkbar ungünstige Wohnform.» Das Schreiben blieb unbeantwortet.

«Nicole hatte eine schwere Persönlichkeitsstörung», sagt ihr langjähriger Psychiater. «Sie litt unter grosser Erlebnisarmut. Und da war dieses immerwährende Gefühl, nicht zu genügen.»

«Ich habe alles ausprobiert», sagt Mutter Galli. «Trotz allen Launen suchte ich das Gespräch. Ich nahm sie in die Arme. Ich ignorierte ihre Wut. Ich schrie ihre Schimpfworte zurück. Ich handelte nach der Devise des Arztes, Nicole brauche unendlich Liebe. Wir besuchten mehrere Psychologen, selbst einen Geistheiler. Alles nützte irgendwie. Aber es nützte nie lang.»

«Nicole hätte jemanden gebraucht, der sie 24 Stunden betreute», sagt Andrin.

Am Dienstag, dem 6. Juli, erschien Nicole Galli zu Hause und hinterliess ein Riesenchaos. «Heb d Schnure, du Schlampe», schrie sie ihre Mutter an, als diese sie zur Rede stellen wollte, und drückte Paula Galli an die Wand. «Dann sagte sie: ‹Du wirst mich nie mehr sehen.› Sie sagte es drei Mal. Sie sagte es noch, als sie vor der Haustür stand.»

Sie sollte Recht behalten. Die Eltern haben ihre Tochter nie mehr gesehen.

Nach diesem Abgang führte Mutter Galli ein knapp einstündiges Gespräch mit der Betreuerin des Notzimmers: «Ich halte es nicht mehr aus», sagte Paula Galli. Sie wiederholte, dass ihre Tochter zahlreiche Drogen konsumiere; dass sie alkohol- und suizidgefährdet sei. Die verantwortliche Sozialarbeiterin riet der Mutter, den Kontakt mit ihrem Kind abzubrechen.

«Ich vertraute darauf, dass zu Nicole geschaut würde», sagt Paula Galli.

Der Bruch mit den Eltern veränderte Nicole gründlich. Sie hielt sich fast nur noch im Notzimmer auf. Nachweislich spritzte ihr ein Mitbewohner zum ersten Mal Heroin. «Die Droge war für sie jetzt wichtiger als ich», sagt Andrin. Die Freundschaft ging in die Brüche. Innerhalb von fünf Wochen hatte Nicole Galli über zehn Kilo Körpergewicht verloren.

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«Noch nie einen ähnlichen Fall»

Donnerstag, 26. August. Die Verantwortlichen der Sozialen Dienste drängten Nicole zu einem stationären Entzug in einer auswärtigen Klinik; ein weiterer Verbleib im Notzimmer sei unverantwortlich.

Nicole rastet aus. «Wir hatten keine Möglichkeit, einen fürsorgerischen Freiheitsentzug durchzuführen», sagen die Verantwortlichen.

Um 16 Uhr trifft Nicole schliesslich völlig aufgelöst zum vereinbarten Termin bei ihrem Hausarzt ein. Dieser verabreicht ihr 80 Milligramm Methadon. Die Lehrbücher empfehlen als Erstdosis 30 Milligramm.

Den ärztlichen Rat, sich nach Hause zu begeben, will Nicole nicht befolgen.

22 Uhr 30. Nicole Galli wird zum letzten Mal gesehen. Ein Drogenabhängiger schleppt die junge Frau zum Notzimmer. Den Hausschlüssel findet sie nicht mehr. Ein Mitbewohner öffnet die Tür.

Nicole Galli wurde am Samstag, dem 28. August 2004, tot in ihrem Zimmer aufgefunden. Sie hatte dort gegen 30 Stunden gelegen.

«Ich hatte noch nie einen ähnlichen Fall», sagt Nicoles Hausarzt. «Ich kann mir nicht erklären, wie das passieren konnte.»

Max Freiburghaus, Leiter Soziale Dienste, Dübendorf: «Als Sozialarbeiter fühlen wir uns oft ohnmächtig, entscheidend in das Leben von Hilfesuchenden einzugreifen. Nicole Galli wehrte sich vehement, sich einem Entzug zu unterziehen.»

«Der Entscheid, einen Menschen gegen seinen Willen in eine Klinik einzuweisen, ist äusserst anspruchsvoll», sagt Christoph Häfeli, Dozent an der Hochschule für Soziale Arbeit (HSA), Luzern: «Das Bundesgericht stellt hohe Anforderungen an das Vorliegen der Voraussetzungen. Nach meinem Informationsstand hätte der Hausarzt Nicole aber in eine stationäre Behandlung einweisen müssen. Auch fragt sich, ob der Sozialdienst sich bei diesem Mediziner über die erforderliche Nachbetreuung hätte erkundigen sollen.»

«Kluge Gedanken machen Nicole nicht wieder lebendig», sagt Paula Galli. «Sie hätte nochmals eine Chance verdient. Der Gedanke wird mich ein Leben lang quälen.»

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