Es sah gut aus für den von Frau und Kind getrennt lebenden Daniel Rast*. Der regionale Vormundschaftsdienst, der im Auftrag der Aargauer Gemeinde Reitnau das Gesuch des Chauffeurs um eine Ausweitung des Besuchsrechts für seine Tochter prüfte, kommt im April 2011 zum Schluss, dass dieser die dreijährige Tochter durchaus öfter sehen könne – einen Tag pro Woche statt bloss zwei Stunden. Zudem solle ein Beistand darüber wachen, dass Rast sein Besuchsrecht ungehindert wahrnehmen könne. Daniel Rast, der unter dem stark beschränkten Kontakt zu seiner Tochter leidet, beginnt zu hoffen.

Doch dann kommt im August eine Verfügung des Gemeinderats, und der 55-Jährige versteht die Welt nicht mehr: Reitnau lehnt die Ausweitung des Besuchsrechts und eine Beistandschaft ab. Ohne Begründung. Gleichzeitig erklärt er sich für gar nicht zuständig, über Besuchsrechtsfragen zu befinden: Eine Änderung des Besuchsrechts, so der Gemeinderat, könne lediglich das Bezirksgericht beschliessen.

Im Zivilgesetzbuch steht, wies geht

Damit hat sich der Gemeinderat gründlich verschätzt: Er ist nämlich sehr wohl für Besuchsrechtsfragen zuständig. Gemäss Zivilgesetzbuch kommt bei getrennt lebenden Eltern ein Gericht erst dann ins Spiel, wenn gleichzeitig zum Besuchsrecht die Unterhaltsbeiträge zur Debatte stehen oder die elterliche Obhut geändert werden soll – bei Rast alles nicht der Fall. Er hat nun Beschwerde beim Bezirksamt eingelegt, der nächsthöheren Instanz. Die Arbeit des Gemeinderats bezeichnet er als «Skandal». «Das sind gewählte Behörden, und sie machen ihren Job nicht richtig», sagt er. «Sie fällen Entscheide, ohne die gesetz­lichen Grundlagen richtig zu kennen.»

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Tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass sich Reitnau ganz einfach um einen Entscheid gedrückt hat, um sich bei allenfalls auftretenden Schwierigkeiten nicht den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, das Besuchsrecht leichtfertig ausgeweitet zu haben.

Nach dem positiven Bericht des regionalen Vormundschaftsdienstes nämlich forderte der Gemeinderat einen Zusatz­bericht an. Darauf antwortete eine bisher am Verfahren nicht beteiligte Angestellte des Vormundschaftsdienstes, sie empfehle weder eine Ausweitung des Besuchsrechts noch eine Beistandschaft – und sowieso müsse darüber ein Gericht befinden. Dieselbe Stelle, die sich einige Monate davor noch dafür ausgesprochen hatte, dass Daniel Rast seine Tochter öfter sehen kann, kam also plötzlich zu einem anderen Schluss. Und dem Gemeinderat kam das offenbar gerade recht.

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«Wir sind eine Laienbehörde»

Gemeindeschreiber Heinz Wölfli bestreitet zwar, Reitnau habe sich aus der Verantwortung stehlen wollen; die Gemeinde habe ihre Verfügung auf Empfehlung von Fachstellen gefällt. Es sagt aber auch: «Wir sind eine Laienbehörde, und wenn dann etwas passiert, heisst es wieder, da hätten Leute etwas entschieden, die keine Ahnung haben. Jetzt liegt der Fall in den Händen einer Fachinstanz, darüber sind wir froh.»

Für Rasts Anwältin Esther Lüscher zeigt sich hier, wie schnell speziell kleinere Gemeinden an Grenzen stossen: «Das Vormundschaftsrecht ist komplex. Da schieben manche Behörden die Verantwortung lieber ab, statt zu entscheiden, wie sie es ­eigentlich müssen.» Abhilfe dürfte die ­Professionalisierung des Vormundschaftswesens schaffen, die 2013 erfolgen soll. Die Gemeinden treten dann nach gut 100 Jahren ihre Kompetenzen in diesem Bereich an kantonale Fachbehörden ab.

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Immerhin: Reitnau werde den Anweisungen einer höheren Instanz widerspruchslos folgen, sagt Wölfli. Für Daniel Rast ein schwacher Trost: Wegen Behörden, die ihre Verantwortung nicht wahrnähmen, müsse er einen Umweg über Beschwerden machen – «und wer darunter leidet, sind ein Kind und sein Vater, die sich über Monate kaum sehen können».

*Name geändert