Fritz Meier (Name geändert) war vergönnt, wovon viele Väter träumen. Er und seine Lebenspartnerin tauschten die üblichen Rollen: Mami ging arbeiten, während Papi zu Hause blieb und die Kinder betreute. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Heute streitet das Paar darum, ob der Vater seine beiden sieben- und achtjährigen Buben an zwei oder nur an einem Wochenende pro Monat sehen darf.

Gestritten wird mit allem Drum und Dran: Sozialarbeiter und Vormundschaftsbehörde sind eingeschaltet, der Vater und die Mutter beschäftigen je einen Anwalt. Die Buben erhalten einen Beistand, und ein Psychologe muss im Auftrag des Bezirksgerichts die Kinder begutachten, bevor dieses entscheidet. Dass der Konflikt mit dem Urteil der Richter beendet ist, daran glaubt Fritz Meier nicht. Er schätzt die bisherigen Kosten auf rund 50'000 Franken. Mangels eigener Mittel haben die Staatskasse und damit die Steuerzahler den Hauptanteil der Rechnung zu berappen.

Kein Einzelfall – das Beobachter-Beratungszentrum erfährt täglich von ähnlichen Kinderschicksalen. «Gezänk um die Kinder ist Gift für die Kinderseele», sagt Mario Wolf, Chefarzt und Geschäftsführer beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst des Kantons Graubünden. Und je länger der Streit dauere, umso schlimmer seien die Folgen: Sie reichen von nachlassenden Schulleistungen über Anpassungsstörungen bis zu Depressionen. «Viel sinnvoller, als Gerichte und Gutachter zu beschäftigen, wäre eine Familienmediation», ist Kinderpsychiater Wolf überzeugt.

Ein Coach, der nichts erzwingt
Die Familienmediation ist ein aussergerichtliches Verfahren. Die Aufgabe der Mediatoren – oft ein Mann und eine Frau gemeinsam – besteht darin, das Gespräch unter den Expartnern in konstruktive Bahnen zu lenken. Im Gegensatz zur Vormundschaftsbehörde oder dem Gericht können Mediatoren keine Urteile fällen und nichts erzwingen. Und im Gegensatz zu Anwälten ergreifen sie keine Partei. Ihre Rolle ähnelt jener eines Coachs, der das Elternteam bei der Konfliktlösung begleitet. Statt die Verantwortung an Anwälte und Richter zu delegieren, suchen beide Elternteile mit Hilfe der Mediatoren eigenverantwortlich nach einer Lösung. Von zentraler Bedeutung sind die Kinder, die immer mit einbezogen werden.

«Ich hätte gern eine Mediation gemacht», sagt Fritz Meier. Doch seine frühere Partnerin habe davon nichts wissen wollen. Tatsächlich ist eine Mediation in der Schweiz nur möglich, wenn sich beide Elternteile freiwillig darauf einlassen. Dies im Gegensatz zu einigen Bundesstaaten in den USA, wo Mediation seit den siebziger Jahren erfolgreich angewandt wird.

In der Schweiz leistet der Bezirk Bülach im Kanton Zürich Pionierarbeit: Im Rahmen eines einjährigen Projekts kann die Vormundschaftsbehörde oder das Gericht Eltern anweisen, sich bei der Mediationsstelle für ein erstes Gespräch zu melden. «Beim Konflikt um die Kinder entwickelt sich oft eine Eigendynamik, die die Eltern selber gar nicht mehr stoppen können», so Projektleiterin Renate Vogel.

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Schneller, billiger, kinderfreundlicher
Nach der ersten angeordneten Sitzung bei der Mediationsstelle Bülach entscheiden die Eltern selber, ob sie sich auf das Projekt einlassen. Die Eltern erhalten eine Kostengutsprache für fünf Sitzungen. «Alle 15 Elternpaare, die bisher eine solche Weisung erhielten, liessen sich nach dem behördlichen Anstoss auf die Mediation ein», freut sich Renate Vogel. Zehn Paaren gelang es schliesslich nach fünf bis acht Sitzungen, ihren Konflikt selber zu lösen. Die Vollkosten für eine Mediation belaufen sich laut Vogel auf total 4250 Franken. Ein Klacks im Vergleich zu den Kosten, die entstehen, wenn sich die Behörden einschalten müssen.

Die Familienmediation kann Elternkonflikte schneller, billiger und kinderfreundlicher beilegen. Dennoch will die Schweizer Gesetzgebung von einer angeordneten Mediation bisher nichts wissen. Sogar die bei der Revision des Scheidungsrechts vorgesehenen Bestimmungen zur blossen Förderung der Mediation wurden aus dem Gesetz gestrichen. Und der Vorentwurf zur eidgenössischen Zivilprozessordnung schenkt der Mediation kaum Beachtung. «Der Vorentwurf wird nun überarbeitet», sagt Ruth Reusser vom Bundesamt für Justiz. Verschiedene Kreise hätten im Vernehmlassungsverfahren das Anliegen geäussert, der Mediation einen prominenteren Platz einzuräumen. Der bundesrätliche Entwurf soll im Lauf des nächsten Jahres vorliegen.

National- und Ständerat werden es dann in der Hand haben, Korrekturen am Gesetz vorzunehmen. Der Beobachter wollte von den Bundesratsparteien heute schon wissen, ob sie sich für eine bessere Verankerung der Familienmediation einsetzen werden. «Die FDP hat das Thema bisher noch nicht diskutiert, weil noch keine konkreten Vorstösse vorliegen und das Pilotprojekt Bülach noch nicht ausgewertet ist», erklärt Pressechef Christian Weber.

«Die SP überlegt sich, familienrechtliche Streitigkeiten aus dem bisherigen System herauszulösen, indem zum Beispiel Familiengerichte geschaffen würden», sagt SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr. Was richterlich verordnete Mediation angeht, ist Fehr skeptisch, schliesst sie aber für spezielle Fälle nicht aus. Die Eltern sollten sich dabei an den Kosten sozialverträglich beteiligen. Die SVP wiederum will von einer Verankerung der Mediation im Gesetz nichts wissen. «Das Grundübel des Scheidungsrechts ist die Schlechterstellung der Männer. Besser wäre ein Scheidungsrecht, das die elterliche Sorge nicht fast automatisch der Mutter garantiert», argumentiert Mediensprecher Roman S. Jäggi.

Immerhin halte die CVP eine Unterstützung der Mediation im Gesetz für wünschenswert, so Generalsekretär Reto Nause. «Die Mediation soll aber weder vom Richter verordnet werden, noch sollen die vollen Kosten übernommen werden.»

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