Kathrina Heeb (Name geändert) fiel aus allen Wolken: Plötzlich erfuhr sie, dass hinter ihrem Rücken Mitarbeitende des Bistums St. Gallen ihre Freunde über intime Details aus ihrem Eheleben aushorchten. Sie wollten wissen, ob Heeb ihrem Mann stets treu gewesen war, wie die Beziehung begonnen hatte und wie diese bis zur Scheidung verlaufen war.

Für die Ostschweizerin war die Liebesgeschichte eigentlich längst vom Tisch: 2003 hatte sie sich zivilrechtlich scheiden lassen, und damit gehörte ihre Ehe der Vergangenheit an. Das dachte sie zumindest, bis ein Jahr später ein Brief vom Bistum St. Gallen bei ihr eintraf. Ihr Exmann wolle, dass die Ehe auch von der Kirche aufgelöst werde, stand darin. Da das kanonische Recht der römisch-katholischen Kirche keine Scheidung kennt, gibts nur eine Möglichkeit: Das bischöfliche Gericht muss beweisen, dass die Brautleute das Eheband gar nie geknüpft haben.

Kein Kinderwunsch, keine Ehe
Schweizweit werden jährlich 150 Anträge auf Prüfung der Ehe eingereicht. In 80 bis 90 Prozent der Fälle gelten die Ehen danach als nie geschlossen. Gründe für eine solche Nichtigkeitserklärung sind etwa Betrug und Hinterlist oder Zwang. Ebenso kann eine Ehe für ungültig erklärt werden, wenn ein Paar von Anfang an kategorisch ausschliesst, Kinder zu bekommen.

Solche Gründe wollte das bischöfliche Gericht finden. Deshalb schrieben die Mitarbeitenden des Bistums einen Brief mit Fragen in gedrechselter Sprache: «Steht die Ungültigkeit der Ehe fest aufgrund mangelnden Ehekonsenses wegen innerer Unfreiheit des Ehemannes und psychischer Unreife der Ehepartner zur Zeit der Trauung?», wurde Heeb gefragt. «Oder wegen Vortäuschung des Ja-Wortes der Ehefrau aus ehefremden Motiven? Wegen Ausschlusses der ehelichen Treue?» Die Mittdreissigerin empfand die Fragen als verdeckte Vorwürfe.

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Das Bistum bot Heeb ein klärendes Gespräch an. Doch sie lehnte ab und wollte auch vor dem kirchlichen Gericht nicht aussagen. «Mein Mann und ich hatten uns in ehrlicher Absicht das Ja-Wort gegeben. Wir haben uns geliebt, sogar ein Wunschkind entstand in unserer Ehe», begründet Heeb ihre ablehnende Haltung. «Es kann keine Frage sein: Diese Ehe gab es einmal.» Sie schickte dem bischöflichen Gericht ihre Stellungnahme und klinkte sich aus dem Verfahren aus.

Ohne ihre Einwilligung stellte das kirchliche Gericht nun auf eigene Faust Nachforschungen an und frage Heebs Freunde aus. «Sogar eine handschriftliche Probe haben sie verlangt, um meinen Charakter zu analysieren.»

«Ein starkes Stück»
Heikel, findet Rechtsanwalt Christoph Bürgi aus St. Gallen. «In der Schweiz ist die Trennung von Staat und Kirche vollzogen, wobei das staatliche Gericht über dem kirchlichen steht.» Deshalb wandle das Bistum auf schmalem Grat. «Wenn Mitarbeitende der Kirche hinter dem Rücken der Betroffenen forschen, geht es in Richtung Persönlichkeitsverletzung.» Dass sich das Bistum zudem Handschriftenproben ohne Wissen der Frau verschafft habe, findet er «ein starkes Stück». Hätte Heeb reagiert, hätte das Bistum die Überprüfung eventuell wegen Unzulässigkeit einstellen müssen. Bürgi: «Beim ersten Anzeichen von Persönlichkeitsverletzung hätte die Frau vorsorgliche Massnahmen beim Zivilgericht fordern können.» Dafür ist es zu spät. Für das Bistum ist der Fall erledigt. Das Urteil liegt derzeit bei der zweiten Instanz in Rom, die bestätigen soll, dass Kathrina Heebs Ehe nie existiert hat.

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Die Nichtigkeitserklärung eröffnet eine neue Form des Scheidungskampfes: Ein Expartner hat damit ein weiteres Mittel zur Demütigung. Das Bistum St. Gallen sieht das anders. Das Verfahren sei ein gängiges, so Josef Kaufmann, Offizial des Bistums, und diene beiden Partnern, weil sie danach wieder kirchlich heiraten können. Es sei absolut legitim: «Das kirchliche Gericht muss die Gültigkeit einer Ehe prüfen, wenn ein Partner ein Gesuch stellt. Das kann die andere Partei nicht verhindern.» Sie könne auch nicht verhindern, dass das bischöfliche Gericht die Schrift von einem geschulten Psychologen analysieren lasse, «um das Geschehene zu erklären». Dies sei keine Persönlichkeitsverletzung, sagt Kaufmann. «Bei Briefen, Fotos und rechtmässigen Tonbandaufnahmen handelt es sich um gemeinsames Gut.» Bistumsmitarbeiter dürften dieses Material verwenden, wenn es ihnen der eine Partner freiwillig übergeben habe. Wer kooperiere, könne Einfluss auf das Verfahren nehmen. Wer aber die Zusammenarbeit verweigere, habe wenig Anrecht auf Informationen. So werden nur die Eröffnung des Verfahrens und das Endurteil kommuniziert.

Für Kathrina Heeb ist aber nicht nur das Vorgehen, sondern auch das kirchliche Urteil, ihre Ehe habe nie existiert, eine «absolute Frechheit». «Die Kirche kann die Vergangenheit nicht einfach auslöschen und Geschehenes leugnen.»

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So scheiden sich die Geister

  • Katholische Kirche: Geschiedene Paare können ihre Ehe durch ein Bistum kirchenrechtlich für ungültig erklären lassen. Die Überprüfung einer Ehe dauert durchschnittlich ein Jahr. Haben die Richter ihr Urteil gefällt, schicken sie es nach Rom zum Berufungsgericht. Die erste Instanz besteht aus mindestens drei Richtern. Unterstützt werden sie von Notaren. Auch zum Prozess gehören die sogenannten Verteidiger des Ehebandes, deren Aufgabe es ist, alles an-zuführen, was für die Gültigkeit der Ehe spricht. Den Parteien steht es frei, zivile Anwälte hinzuzuziehen. Das Gericht seinerseits lässt sich häufig von Psychologen beraten. Im Normalfall kostet ein solches Verfahren den Antragsteller 400 Franken.

  • Evangelische Kirche: In der evangelischen Kirche existieren keine Nichtigkeitserklärungen. «Genau das ist der grosse Unterschied: Wir kennen keine kirchliche Gerichtsbarkeit in Ehe- und Familienfragen», sagt Markus Sahli, Mitarbeiter des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds. Die Kirche anerkennt die zivile Trauung als Eheschliessung. Beim kirchlichen Gottesdienst bittet der Pfarrer nur noch um den Segen für das Paar. «Schon Luther sagte: ‹Die Ehe ist ein weltlich Ding.› Und daran hält sich die evangelische Kirche.» Geschiedene können in einer evangelischen Kirche jederzeit wieder heiraten.
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