Sie müssen nicht darüber hinweg, sondern hindurch. Lassen Sie – mit oder ohne therapeutische Hilfe – alle Gefühle hochkommen, drücken Sie sie im Gespräch aus, schreiben Sie sie nieder oder wählen Sie eine künstlerische Form des Ausdrucks, indem Sie malen oder mit Ton arbeiten. Versuchen Sie dann, zu verzeihen oder zumindest sich abzugrenzen, um sich aus der Verstrickung zu lösen.

Rachegedanken sind normal, aber Rache schmeckt nicht süss, wie der Volksmund sagt, sie befreit nicht wirklich. Selbst in der Rechtsprechung hat sie einen schlechten Ruf. Der englische Jurist Francis Bacon meinte schon im 17. Jahrhundert, die Rache sei «eine Art wilde Gerechtigkeit», ein böses Kraut, das die Justiz auszujäten habe. «Indem er der Rache widersteht, zeigt sich der Mensch seinem Gegner überlegen: Es ist die Tat eines Prinzen, zu verzeihen.»

Kein vorschnelles Pseudoverzeihen
Jetzt hat die Schweizer Psychotherapeutin Verena Kast ein sehr lesenswertes Buch zum Thema geschrieben (siehe «Buchtipp»). Wir alle geraten immer wieder in Konflikte, sind gekränkt, spüren Hass, Ressentiments, Neid und Missgunst. Ressentiment heisst wörtlich «immer wiederkehrendes Gefühl», und in der Tat verfolgen uns Hass und Rachegedanken nach einer Verletzung oft Tag und Nacht und lassen uns nicht zur Ruhe kommen. «Versöhnt sein» dagegen, schreibt Kast, «mit andern, mit sich selbst und mit dem Schicksal, gibt ein Mehr an Lebensqualität.»

Es geht nicht um ein vorschnelles Pseudoverzeihen. Die Verletzung muss akzeptiert und dem Verursacher vielleicht auch mitgeteilt werden. Auch kann man eine Versöhnung zwar anstreben, aber nicht «machen». Verzeihung oder Versöhnung ereignen sich, sie sind eine Art Geschenk – eine Belohnung für Menschen, die sich mit der schmerzhaften Situation und ihren eigenen Reaktionen darauf auseinander gesetzt haben. Es geht auch nicht darum, etwas Moralisches oder ethisch Hochstehendes zu leisten. Verzeihen ist ganz nüchtern betrachtet eine seelische Fähigkeit, die es uns ermöglicht, Leid und Schicksalsschläge zu ertragen. Aus der Kränkung wird dann eine Gesundung.

Viele hegen nicht nur einen Groll gegen Menschen, die sie verletzt haben, sondern hadern auch mit dem Schicksal oder mit sich selbst. Verzeihen heisst, dass man nicht länger in der klagenden Opferrolle verharrt. Man wird wieder Herr seines Lebens und gewinnt Selbstbewusstsein und Freiheit zurück. Verzeihen kann laut Kast nur, wer ein gewisses Mass an Verständnis für die Handlungen von andern Menschen aufbringen kann. Ebenso kommt man mit dem Leben und sich selbst umso leichter ins Reine, je besser man sich selbst und die Prinzipien des Lebens versteht.

Der kommende Jahreswechsel ist ein guter Anlass, seelisch wieder einmal aufzuräumen und zu versuchen, sich mit andern, mit sich selbst und mit dem Leben zu versöhnen.

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Buchtipp

Verena Kast: «Wenn wir uns versöhnen»; Kreuz-Verlag, Stuttgart 2005, Fr. 32.60