Die Eltern von Elias * und Jan * trennen sich im November 2016. Die beiden Buben sind damals vier und zwei Jahre alt. Nach der Trennung wollen sie den Vater je länger, je weniger sehen. Trotzdem versucht die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Oberland Ost, die vereinbarten Besuche beim Vater durchzusetzen. Christine W., die Mutter der zwei Buben, versucht ihre Söhne zu schützen.

Daraus entwickelt sich ein bitterer Kampf um das Wohl der Kinder. Alle Parteien sind überzeugt, dass sie nur das Beste für die beiden wollen. Doch das Kindeswohl bleibt auf der Strecke. Elias und Jan leiden unter dem Konflikt ihrer hoffnungslos zerstrittenen Eltern.

Die Ausgangslage: Nach der Trennung unterzeichnen die Eltern eine private Trennungsvereinbarung. Darin wird festgehalten, dass die Kinder bei der Mutter wohnen bleiben, den Vater treffen sie jeweils nach gemeinsamer Absprache.

Doch am 30. Mai 2018 eröffnet die Kesb ein Kinderschutzverfahren, der Vater hatte eine Gefährdungsmeldung gemacht. Gemäss Akten erklärte er sinngemäss, er ­könne das Kontaktrecht zu seinen Kindern nicht mehr wie vereinbart wahrnehmen. Sechs Wochen später eröffnet die Kesb vorsorglich eine Beistandschaft Kesb-Entscheid Was braucht es, damit die Kesb einen Beistand einsetzt? . Kurz darauf zieht Christine W. zu ihrem neuen Partner nach Luzern.

Es folgt ein Hickhack. Der Vater fordert, dass die Kinder an ihren alten Wohnort zurückgebracht werden. Eine Gutachterin soll ein Fachgutachten ausarbeiten, das regelt, wie der Verkehr mit dem Vater ausgestaltet wird. Kurze Zeit später wird sie wegen Befangenheit abgesetzt.

Nach einer weiteren Gefährdungsmeldung durch den Vater installiert die Kesb eine Familienbegleitung bei Christine W. und ihrem Partner. Die zeitlich limitierten Begleitungen führt eine sozialpädagogisch ausgebildete Fachperson durch.

Begleitete Ferien

Im Dezember 2018 habe ihr der ältere Sohn, Elias, gesagt, dass der Vater ihn schlage Kindesschutzmassnahmen Verdacht auf Missbrauch? Nicht zögern! . «Ich fragte ihn, ob er nicht gehorcht habe», sagt Christine W. Elias habe verneint und gemeint, er habe gespielt, und da habe ihn der Papa auf den Hinterkopf ­gehauen. Das meldet die Mutter der Kesb Oberland Ost. «Nur auf grossen Druck willigte die Behörde in eine Befragung von Elias ein», sagt Christine W. Noch bevor der Bub befragt wird, verfügt die Kesb, dass die Kinder die Weihnachtsferien beim Vater ­verbringen – und dabei von einem Sozialpädagogen begleitet werden.

Die Anhörung von Elias findet am 19. Dezember statt und dauert 35 Minuten. Das Protokoll und der Kurzbericht der Kinderschutzgruppe des Inselspitals Bern liegen der Kesb Oberland Ost am 27. Dezember vor. Darin steht, Elias berichte von einem unabsichtlichen und absichtlichen Schlagen durch den Vater.

Als die Buben in den Weihnachtsferien beim Vater sind, telefoniert Christine W. ­jeden Abend mit dem Sozialpädagogen. Er sagt ihr, dass alles okay sei. «Doch als die Kinder zurückkamen, waren sie völlig verstört», sagt die Mutter. Elias soll gesagt ­haben, das sei das letzte Mal gewesen, dass er beim Vater gewesen sei. Da wolle er nie mehr hin. «Er wollte mir nicht sagen, ­weshalb.» In der folgenden Nacht habe er 39,4 Grad Fieber bekommen, habe sich eingenässt und Albträume gehabt.

Sistiertes Besuchsrecht

«Als ich meine Kinder so sah, sagte ich: Jetzt ist Schluss. Ich zwinge meine Söhne nicht länger. Aus all dem, was sie mir erzählten, ist nachvoll­ziehbar, warum sie sich geweigert haben.» Die Kesb habe trotzdem weitere begleitete Besuche verfügt. Das könne ihre Kinder ­lediglich vor Gewalt schützen. «Aber was passiert mit einem Kind, wenn es unter Zwang den Vater sehen muss?», fragt ­Christine W.

Das nächste Wochenende beim Vater findet nicht statt. In den Akten ist vermerkt: Als die Familienbegleiterin die Kinder abholen wollte, habe die Mutter gesagt, dass die Kinder nicht zum Vater möchten. Jan wolle nicht zum Papa, weil dieser Elias schlage. Elias wolle nicht, da er von ihm geschlagen werde. Der Vater habe das akzeptiert und sei gegangen.

Am 15. Januar reicht er eine weitere Gefährdungsmeldung bei der Kesb ein. Zum Besuchswochenende, das nicht stattgefunden hat, ist in den Akten zu lesen: Die Verweigerungshaltung der Kinder sei nach den sehr herzlich und ohne Probleme verlau­fenen Weihnachtsferien äusserst auffällig gewesen. Es sei ein krasser Stimmungswechsel feststellbar. Weiter steht: Die bisherigen Massnahmen genügten offenbar nicht, um das Kindeswohl zu schützen. Der Rechtsanwalt des Vaters beantragt deshalb, dass die beiden Kinder sofort ausserhalb des Domizils der Mutter platziert werden.

Am 22. Januar folgt die Antwort von Christine W.s Anwalt: Er reicht ebenfalls eine Gefährdungsmeldung ein und beantragt, dass das Besuchsrecht superprovisorisch sistiert wird. Aus dem Kurzbericht und dem Protokoll der Kinderschutzgruppe ginge hervor, dass Elias vom Vater geschlagen werde. Die Aussagen des Kindes seien differenziert, altersadäquat und plausibel.

Beide Buben seien mit Fieber von den ­Besuchswochenenden nach Hause gekommen und hätten nicht oder nur schwer einschlafen können. Der Vater gefährde mit seinem Verhalten das Wohl der Kinder. Die zwangsweise Durchsetzung des Besuchsrechts Besuchsrecht Lasst die Vernunft walten wirke sich schädlich auf sie aus. Ihren Willen zu brechen, stelle eine eigenständige Kindeswohlgefährdung dar.

Gemäss Unterlagen hat der Sozialpädagoge, der die Kinder beim Vater begleitet, jedoch den Eindruck, dass sie sich beim ­Vater wohl gefühlt haben. Der Vater habe sich auch kooperativ verhalten. Gewalt oder übertriebene Härte habe er keine festgestellt. Die Wochenenden beim Vater seien wünschenswert und auch nötig, damit sich die Kinder nicht von ihm entfremden.

Entfremdung verhindern

Den Akten ist zu entnehmen, dass die Kesb Oberland Ost meint, es sei schwierig einzuschätzen, ob Elias’ Aussagen stimmen. Man müsse sich fragen, ob sie den tatsächlichen Begebenheiten entsprechen. Genauso gut sei vorstellbar, dass der Stimmungswechsel von Elias – und von Jan – aus dem bestehenden Loyalitätskonflikt resultiere und als Abwehrreaktion zu qualifizieren sei. Trotzdem müsse man die Aussagen der Buben ernst nehmen.

Den Kontakt zum Vater abzubrechen, lasse sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht rechtfertigen. Man müsse verhindern, dass es zu einer gänzlichen Entfremdung komme. Begleitete Besuche ermöglichten immerhin einen direkten Kontakt zwischen Kindern und Vater. Falls das die Kinder emotional überfordere oder es andere Probleme geben sollte, könne die Begleitperson intervenieren.

Um die beiden Buben zu entlasten, beschränkt die Kesb das Besuchsrecht trotzdem. Der persönliche Verkehr sei auf ein­zelne Besuchstage alle vierzehn Tage zu reduzieren. Eine Fachperson soll die Kinder begleiten. Das soll Druck von ihnen nehmen und ihnen auch ermöglichen, die wichtige Vater-Sohn-Beziehung aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig trägt die Massnahme der Forderung der Mutter Rechnung, dass ihre Kinder angemessen geschützt sind. Das gebe ihr die nötige Sicherheit.

Wie unterschiedlich die Eltern die Weihnachtsferien erlebt haben, ist exemplarisch für den Konflikt. Die Situation ist fest­gefahren. Aussagen und Empfehlungen der Beteiligten widersprechen sich. Und mittendrin stecken Elias und Jan – die offensichtlich leiden. Bleibt eine Frage: Darf man Kinder in einer solchen Konstellation, unabhängig davon, wie sie entstanden ist, zu etwas zwingen?

Empfehlung der Familienbegleiterin ignoriert

Am 25. März liegt der Bericht der Familienbegleiterin vor. Sie hat die Familie zehnmal besucht und auch einen Nachmittag allein mit Christine W.s neuem Partner und den Kindern verbracht. Ihr Urteil: Die Mutter braucht im erziehe­rischen Bereich keine Unterstützung. Die Familienbegleiterin schildert auch eine Situation, in der ihr Jan stolz einen Ast – ­seinen Zauberstab – präsentierte. Auf die Frage, was er damit zaubern wolle, sagte der Junge: Er werde die Beine vom Papa wegzaubern, ­damit er nicht Auto fahren und ihn abholen könne.

Weiter schreibt die Familienbegleiterin: «Solange es keinen Unterbruch in den Besuchen beim Vater und auch kein besseres Einvernehmen auf Elternebene gibt, ist zu erwarten, dass sich der Loyalitätskonflikt der Kinder kaum verändert. Ein Unterbruch des Kontakts könnte in beiden Jungen den Wunsch wecken, ihren Vater wieder zu ­sehen oder anderweitig mit ihm in Kontakt zu sein.»

Obwohl der Bericht eine Pause nahelegt, droht die Kesb der Mutter mit einer Ungehorsamkeitsstrafe, falls sie die Besuchs­regelung Scheidungskinder Besuchen ist nicht genug nicht befolge. Christine W. sagt: «Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Kesb eine Familienbegleitung installiert und dann deren Empfehlungen ignoriert.»
 

«Damit eine Kontaktregelung gelingend umgesetzt werden kann, braucht es die Mitwirkung beider Eltern.»

Jacqueline Büttner, Kesb Oberland Ost


Elias und Jan gehe es in der Zwischenzeit etwas besser, sagt Christine W. Die Buben besuchten eine Therapie bei einer Naturheilpraktikerin. Auf den 2. Juni hat die Kesb ein begleitetes Treffen mit dem Vater angeordnet. «Ich habe meine Kinder gefragt, ob sie hingehen wollen. Ich habe ihnen im Internet den Ort, wo das Treffen stattfinden würde, gezeigt und gesagt, da könnt ihr dann spielen.» Doch Elias und Jan haben abgeblockt. «Sie wurden wütend, weinten und sagten, sie wollten nicht. Das hatten sie mir schon oft gesagt.»

Am 6. Juni reicht die Kesb Oberland Ost wie angedroht eine Strafanzeige gegen Christine W. ein, wegen Ungehorsams gegen eine amtliche Verfügung. Sie habe sich wissentlich und willentlich der Anordnung der Kesb widersetzt.

Christine W. hofft trotzdem, dass die Kesb den Willen ihrer Söhne respektiert. «So, wie die Dinge gelaufen sind, muss man annehmen, dass Kinder keine eigene Meinung haben und wir Erwachsenen frei über sie bestimmen dürfen. Was dabei für psychisch lang anhaltende Schäden entstehen können, scheint nicht relevant zu sein.»

Bundesgericht will regelmässigen Kontakt zu beiden Elternteilen

Ihr Anwalt versuchte mehrfach, den Fall der Kesb Luzern zu übertragen, dem neuen Wohnort der Mutter. Dies, um einen unbelasteten Blick zu ermöglichen. Das wurde stets abgelehnt. Christine W. will weiterhin auf die Wünsche ihrer Buben hören: «Was wäre ich für eine Mutter, wenn ich meinen Kindern in den Rücken fallen würde?»

Der Vater bestreitet die Schläge. Mit Hinweis auf das laufende und hochkomplexe Verfahren hat er seine Aussagen gegenüber dem Beobachter zurückgezogen.

Jacqueline Büttner von der Kesb Oberland Ost darf sich zum laufenden Verfahren nicht äussern. Sie sagt: «Hochstrittige Besuchsrechtskonflikte, bei denen die Eltern das Kind in einen Loyalitätskonflikt bringen, sind mit rechtlichen Mitteln allein nicht zu lösen. Damit eine Kontaktregelung gelingend umgesetzt werden kann, braucht es die Mitwirkung beider Eltern.»

Ziel der Kesb sei, dass die Eltern den ­Fokus auf ihr Kind richten. Ausserdem wolle die Behörde beiden Eltern den Kontakt zum Kind in dessen Interesse ermöglichen. «Wenn Eltern streiten, leidet das Kind. Wie das Bundesgericht in konstanter Rechtsprechung festhält, ist der regelmässige Kontakt des Kindes zu beiden Elternteilen von zentraler Bedeutung für dessen Entwicklung.»

Ein Ende des Verfahrens ist nicht in Sicht. Elias und Jan leiden weiter.


* Name geändert

Kindswohl: Zum Wohl des Kindes

Kindeswohl ist ein unbestimmter Rechtsbegriff, der gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen ist. Allgemein geht es um die Schaffung von günstigen Lebensumständen, ­damit sich ein Kind psychisch, physisch, geistig und sozial gesund ent­wickeln kann. Dazu gehören Dinge wie: dem Kind ­Nahrung geben, ihm ein Dach über dem Kopf bieten und es vor körper­licher und seelischer Gewalt schützen.

Wenn das Kindeswohl in ­Gefahr ist, kann jedermann eine Gefährdungsmeldung an die Kindes- und Er­wachsenenschutzbehörde (Kesb) machen.

Ein Leit­faden der Kindesschutzkommission des Kantons Zürich ­definiert fünf ­Formen der Gefährdung:
 

  • Vernachlässigung

un­zureichende Pflege, Ernährung und gesundheitliche Fürsorge, zu geringe Zuwendung
 

  • Körperliche Gewalt

alle ­Arten von Gewalteinwirkung auf den Körper des Kindes
 

  • Psychische Gewalt

abweisende Haltung gegenüber dem Kind; ihm das Gefühl vermitteln, wertlos zu sein; übertriebene ­Erwartungen; dauernde Überbehütung
 

  • Sexuelle Gewalt

sexuelle Handlungen, die ­Erwachsene oder Jugendliche an oder vor einem Kind vornehmen
 

  • Erwachsenenkonflikte

vor dem Kind ausgetragene Partnerschaftskonflikte; häusliche Gewalt; dauernder Streit zwischen Eltern, gegenseitige Schuldzuweisungen; Versuche eines Elternteils, das Kind als Bündnispartner zu gewinnen

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Leben die Eltern nach einer Scheidung getrennt voneinander, hat der Elternteil, der nicht mit dem Kind zusammenlebt, Anspruch auf persönlichen Kontakt. Auf Guider erfahren Sie als Mitglied, wie Sie das Besuchsrecht und die Betreuungsanteile regeln können und was zum Beispiel rechtlich bei einem Wegzug mit dem Kind gilt.

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