Beobachter: 1999 bezogen in Bern 1901 Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren Sozialhilfe. Das sind extrem viele. Was wollen Sie dagegen tun?

Ursula Begert: Wir versuchen, Kinder aus Familien mit grossen Defiziten in eine Teilzeit-Tagesbetreuung zu integrieren. Zudem gibt es die Möglichkeit der Familienbegleitung. Doch das ist sehr teuer. Aus finanziellen Gründen können wird diverse Angebote nicht so ausbauen, wie wir das möchten.

Beobachter: Arbeitgeberdirektor Peter Hasler sagt, Firmen seien keine sozialen Organisationen. Fürs Soziale habe der Staat zu sorgen. Sind Sie damit einverstanden?

Begert: Da bin ich vehement anderer Meinung. Auch die Wirtschaft muss Verantwortung mittragen. Das Schlagwort der Linken, wonach die Wirtschaft Gewinne privatisiere und Verluste sozialisiere, habe ich nicht sonderlich gern. Aber Haslers Aussage geht genau in diese Richtung eine solche Entwicklung darf es einfach nicht geben.

Beobachter: Vor kurzem wurde in Bern der so genannte Grundbedarf 2, der die Teilnahme an Kultur- und Sportaktivitäten ermöglichen soll, auf das Minimum von 45 Franken gekürzt. Sind Sie glücklich darüber?

Begert: Ich hätte einem gestuften Modell den Vorzug gegeben, das eine Erhöhung des Betrags für diejenigen Klienten ermöglicht, die sich um eine Wiedereingliederung bemühen. Der Entscheid fiel im Rahmen von Sparmassnahmen. Ich kann dahinter stehen, weil die Fürsorge kein Biotop sein darf, in dem überhaupt nicht gespart wird. Die Herabsetzung des Sackgelds aufs Minimum ist ein Signal nach aussen: Auch die Sozialfürsorge leistet einen Beitrag an die Sparbestrebungen.

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Beobachter: Aber gerade für Kinder wäre doch mal ein Kinobesuch mit Kollegen wichtig.

Begert: Ja, aber man muss auch sehen, dass die Kinder während des Wirtschaftsbooms alles bekamen, was sie wollten. Das ist auch nicht gut. Es ist besser, wenn man von klein auf lernt, dass es auch Einschränkungen gibt. Wegen des Gruppendrucks gehören allerdings all jene, die sich einschränken müssen, sofort nicht mehr dazu.

Beobachter: Ist die Sozialhilfe das einzige Auffangnetz für Familien?

Begert: Das ist heute weitgehend so. Aber es gäbe Möglichkeiten, Familien bereits zu einem früheren Zeitpunkt zu helfen. Ich denke zum Beispiel an steuerliche Begünstigungen und an ein kluges System von Kinderzulagen, das nicht nach dem Giesskannenprinzip funktioniert.

Beobachter: Doch das ist ja nach wie vor Zukunftsmusik.

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Begert: Zwar verkünden Politiker stets vollmundig, Kinder seien unsere Zukunft. Doch wenn es darum geht, Konkretes zu unternehmen, wird es schwierig. Es wird am falschen Ort gespart. Gerade auch im Schulbereich könnte vieles gemacht werden, aber es fehlen die Mittel. Dabei ist Bildung der allerwichtigste Faktor zur Vermeidung von Armut.

Beobachter: Zurzeit ist Ihr Amt mit schweren Vorwürfen konfrontiert: Hilfesuchende würden abgewiesen und Grundrechte verletzt.

Begert: Diese Vorwürfe weise ich klar zurück. Ich poche aber auf eine saubere Abklärung und habe deshalb veranlasst, dass die kritisierten Punkte von der vorgesetzten Stelle gemeinsam mit Fachkräften untersucht werden.