Unsanft wurde Brigitte Stauffer aus Luzern im letzten Frühling daran erinnert, dass sie einen Vater hat. Dieser befinde sich in einer Notlage, beschied ihr ein Schreiben des Solothurner Amts für Gemeinden und soziale Sicherheit. Es werde nun abgeklärt, ob sie für ihren Vater aufkommen müsse.

Der Brief rief böse Erinnerungen wach. Der Vater hatte die Familie vor 47 Jahren verlassen: Die damals vierjährige Brigitte wurde zu ihren Grosseltern geschickt, ihr Bruder in ein Heim gesteckt. «Nie hatte dieser Mann nach uns Kindern gefragt», sagt Stauffer. «Wir mussten ohne ihn durchkommen. Die Alimente hat er nicht bezahlt.» Stauffer konnte es kaum fassen, dass das Sozialamt nun ihre Steuerdaten anforderte, um Unterstützungsbeiträge für den mittellosen Vater festlegen zu können.

Auf dem Sozialamt zeigte man wenig Verständnis für Stauffers Ärger. Sie solle sich nicht so aufregen, wurde sie von einer Sachbearbeiterin vertröstet; sie werde zu gegebener Zeit über das weitere Vorgehen informiert.

Verzweifelt wandte sich Stauffer an den Beobachter, wo sie schnell beruhigt werden konnte. Dass sich das Amt für die finanziellen Verhältnisse der Angehörigen von Notleidenden interessiere, gehöre zum normalen Prozedere. Massgebend für die Klärung der Unterstützungspflicht sei, ob der Vater seinen Familienpflichten nachgekommen sei – was offenbar nicht der Fall gewesen war.

Tatsächlich wendete sich alles zum Guten: Ein paar Monate später teilte das Sozialamt Brigitte Stauffer mit, dass sie ihrem mittellosen Vater keinen Rappen schulde.