Gossau im Zürcher Oberland. Eine ruhige Landgemeinde, nicht reich und nicht arm, gut durchmischte Bevölkerung – Schweizer Durchschnitt. 9000 Menschen wohnen hier, rund 750 Kinder besuchen die örtliche Primarschule.

Im Zimmer von Lehrer Peter Bührer ist es eng und unruhig: Dicht gedrängt sitzen mehr als 30 Schüler in den Bankreihen. Hinten verstehen sie nicht, was vorne gesagt wird. Rechts müsste Bührer etwas erklären, links eine Rangelei unterbinden. Der Lehrer wird laut, stellt sich vor die Klasse – er paukt den Stoff vor, die Mädchen und Buben beten ihn bestenfalls nach. Zum Glück ist die Szene nur simuliert, um für den Beobachter die sich anbahnenden Auswirkungen der Sparmassnahmen im Bildungswesen darzustellen.

Als das Foto im Kasten ist, kann Peter Bührer wieder so unterrichten, wie es die eigene Überzeugung und die Anforderungen einer modernen Schule von ihm verlangen: bedarfsgerecht auf die Kinder eingehen und sie, etwa in Gruppenprojekten, zu eigenständiger Denkarbeit animieren. Alles andere wäre für ihn ein Rückschritt in Verhältnisse, die mit den heutigen gesellschaftlichen Realitäten nichts mehr zu tun haben.

Deshalb ist die Nachstellung des Frontalunterrichts alter Prägung für den 42-jährigen Pädagogen kein Gag, sondern das Mahnmal einer schleichenden Entwicklung unter dem Diktat des Sparens: In den kontinuierlich vergrösserten Klassen sitzen immer mehr Kinder mit einem hohen Betreuungsbedarf, doch gleichzeitig werden die Ressourcen für deren Integration gekürzt. «Mühsam erkämpfte Errungenschaften für eine bessere Volksschule werden kurzerhand wieder weggespart», sagt Bührer. «Das ist ein Qualitätsabbau, den wir uns nicht leisten können.»

Dreimal Milchkuh = einmal Schüler


Wie wahr. Spätestens seit der Pisa-Studie von 2001, als die Schweizer Eleven im internationalen Leistungsvergleich bloss im Mittelfeld landeten, gilt das helvetische Bildungswesen als Sorgenkind. Und erst noch als kostspieliges: Zwar investiert die Schweiz pro Jahr in einen Primarschüler (12000 Franken) nur gerade dreimal so viel wie in eine Milchkuh (4000 Franken), dennoch ist die hiesige Schule eine der teuersten der Welt. Dazu trägt neben dem hohen Lohnniveau die zersplitterte Struktur bei: In ungelösten Schnittstellenproblemen zwischen den kantonalen Systemen verpufft viel Geld.

Im Zielkonflikt zwischen schnellen Spareffekten und längerfristigen pädagogischen Ansprüchen sind die Prioritäten in der Realpolitik freilich gesetzt (siehe Nebenartikel «Finanzierung: Ein Spar-Tabu wäre falsch»). Trotz hehren Beteuerungen, der Ressource Bildung besondere Sorge zu tragen, werden in den meisten Kantonen an allen Ecken und Enden schulische Angebote gestrichen – nicht durch einen radikalen Kahlschlag, sondern als Summe von einzelnen, teils gestaffelt wirksamen Abbaumassnahmen (siehe Nebenartikel «Sparen an der Schule: Eine Bestandesaufnahme in den Kantonen»). Die gängige Formel: weniger Lehrer, mehr Schüler pro Klasse, weniger individuelle Förderung.

Für Jürgen Oelkers, Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Zürich, birgt diese Häppchenpolitik Gefahren. «Im Moment wird noch auf hohem Niveau gespart», sagt er, «und die einzelnen Kürzungen in den Randfächern fallen im Kerngeschäft bislang kaum ins Gewicht.» Seine Sorge gelte jedoch der schleichenden Auszehrung: «Das Risiko ist gross, dass Sparen Weitersparen bedeutet.»

Trübe Aussichten, die Markus Moor, Sekundarlehrer im aargauischen Kaisten, zu einem Feldversuch inspirierten: Um die Folgen einer ungebremsten Sparwut aufzuzeigen, pferchte er während einer Woche bis zu 30 Schüler in Klassenzimmer, die ursprünglich für 20 konzipiert worden waren. Musische Fächer und der Sportunterricht wurden gestrichen. «Das Perfide ist, dass der Bevölkerung die Sparmassnahmen im Bildungswesen unter der Prämisse verkauft werden, sie hätten keine Leistungseinbussen zur Folge. Aber das stimmt nicht», begründet Moor seine Aktion. «Die Jugendlichen beklagten sich vermehrt über starkes Kopfweh. Ausserdem fühlten sie sich untereinander nicht mehr wohl, und die Hackordnung wurde verschärft – das sind typische Stresssymptome», so sein Résumé.

«Hauptsache, man hat gespart»


Dass Kinder und Jugendliche unter solchen Umständen weniger lernfähig sind, leuchtet ein. Schüler Alessandro Urso bringt es auf den Punkt: «Mit so vielen Leuten in einer Klasse kann man überhaupt nicht konzentriert arbeiten. Ende der Woche war ich völlig erschöpft, auch weil wir keinen Sport hatten.»

Andernorts sind die Auswirkungen der Sparübungen kein Spiel mehr, wie der Augenschein in der stellvertretend ausgewählten Gemeinde Gossau zeigt. Hier sehen die neuen Tatsachen bei den Lehrerstellen so aus: Auf das laufende Schuljahr hin wurden zwei Vollzeiteinheiten gestrichen, fünf weitere verschwinden in den nächsten zwei Jahren. Mit jedem Lehrerstellenabbau nähert sich die Schülerzahl pro Klasse weiter der 30er-Grenze. Von den 42 Vollzeiteinheiten, die der Kanton der Gossauer Primarschule aufgrund von Schülerzahlen und Bevölkerungsstruktur zubilligt, wird somit jede sechste gestrichen – ein Beitrag zum happigen 470-Millionen-Brocken, den der Kanton Zürich bis 2007 bei der Bildung abzwackt.

Gar halbiert werden musste im Sommer das Angebot in der Handarbeit – ersatzlos: die Kinder der 5. und 6. Klasse haben weniger Lektionen. Unterstufenlehrerin Silvia Noser ärgert sich über die Systematik, mit der die musischen und gestalterischen Fächer nach und nach abgeschossen würden. «Dabei ist erwiesen, dass eine einseitige Ausrichtung auf die kopf-lastigen Fächer zu schlechteren Schulleistungen führt. Doch es zählt nicht mehr, ob etwas pädagogisch sinnvoll ist oder nicht. Hauptsache, man hat gespart.»

Unter diesem Motto trifft das finanzielle Fallbeil auch Förderangebote, die anerkanntermassen einen Fortschritt im Bildungswesen darstellen. Beispiel: die integrative Schulungsform (ISF). Bei der ISF werden Schüler mit besonderen Bedürfnissen in die Regelklasse integriert und nur in einzelnen Teilbereichen in Kleinklassen unterrichtet. Begleitet wird der Unterricht von schulischen Heilpädagogen. «Die integrative Schulungsform hat sich bei uns sehr bewährt. Alle Kinder profitieren von dieser Unterrichtsart», halten Guido Rohr und Erika Schäpper fest. Sie unterrichten seit Jahren Klassen mit mehreren ISF-Kindern im zürcherischen Nürensdorf.

Trotz Erfolgen wird abgebaut


Trotz den guten Erfahrungen sahen sich Schulpflege und Lehrerschaft angesichts der kantonalen Sparvorgaben genötigt, bei der ISF den Hebel anzusetzen – die Alternative wäre gewesen, die ohnehin schon grossen Klassen mit zusätzlichen Schülern weiter zu vergrössern. Das ISF-Pensum wurde um 20 Prozent gekürzt. Die Kinder erhalten nur noch acht statt zehn Lektionen in der Kleinklasse. Ausgerechnet in anspruchsvollen Fächern wie Geometrie und Französisch sitzen die Lernschwachen und Verhaltensauffälligen ohne zusätzlichen Stützunterricht in der Regelklasse.

Zu den Errungenschaften, die sich in den letzten Jahren im Bildungssystem etabliert haben, gehört auch die Förderung von Hochbegabten. Und auch hier lautet die Devise: zwei Schritte vor, anderthalb zurück. Seit 2002 leitet beispielsweise Urs Grazioli im Kanton Graubünden ein entsprechendes Pilotprojekt, in das rund 30 Schüler eingebunden sind. «Spätestens 2007/08 wird das Projekt aus finanzpolitischen Erwägungen aber definitiv abgebrochen», sagt Grazioli. Die Folge: Private Anbieter entdecken die Marktlücke. Doch nur wohlhabende Familien oder Gemeinden können sich den zusätzlichen Förderunterricht leisten. Die Entwicklung in Richtung Zweiklassengesellschaft ist im Bündnerland bereits manifest: «Tatsächlich haben wir im Kanton reichere Gemeinden wie St. Moritz oder Vals, die das Projekt aus eigener Kraft weiterziehen werden», weiss Grazioli.

Pech, wer es sich nicht leisten kann


Das zurückgestutzte Bündner Projekt steht exemplarisch für den Mechanismus, wie der Volksschule schrittweise die Mittel entzogen werden: Vom Bund über die Kantone werden die Kostenanteile nach unten auf die Gemeinden und teils weiter auf die Eltern abgewälzt. Glücklich, wer sich da ein Angebot noch leisten kann oder will – die anderen haben eben Pech gehabt.

«Wenn das in diesem Stil weitergeht, haben wir in zehn Jahren eine Zweiklassenschule», stellt Marcel Lenggenhager nüchtern fest. Zu befürchten sei eine zunehmende Abwanderung zu privaten Anbietern (siehe Nebenartikel «Privatschulen: Eine kostspielige Alternative»). Der Präsident der Primarschulpflege Gossau ist als FDP-Mitglied keiner, der dem Staat alle Verantwortung überlassen will, doch der Erhalt einer starken staatlichen Schule liegt ihm am Herzen. Dafür wird er in zehn Tagen vor dem Gossauer Stimmvolk kämpfen, wenn er der Gemeindeversammlung eine Steuerfusserhöhung um zwei Prozentpunkte beantragt.

Präsentiert wird dabei auch die Folie «Sonderschulung». Sie zeigt eine steil ansteigende rote Kurve mit den Aufwendungen der Schulgemeinde für externe sonderpädagogische Massnahmen, dazu eine sinkende blaue Linie mit den entsprechenden Staatsbeiträgen. «Die Schule muss immer mehr Aufgaben übernehmen, die auf die Veränderungen in der Gesellschaft zurückzuführen sind», sagt Lenggenhager dazu. «Konsequenterweise sollte die Gesellschaft der Schule dafür auch die nötigen Mittel zur Verfügung stellen.»

Weit in eine gesellschaftliche Problematik reicht zum Beispiel die Schularbeit hinein, die in einem vollgestellten kleinen Klassenzimmer in einer Luzerner Vorortsgemeinde betrieben wird. «Hier unterrichte ich zeitweise bis zu neun Kinder aus unterschiedlichen Nationen und Kulturkreisen – gleichzeitig», erzählt Monica Schybli, Lehrerin für Deutsch für Fremdsprachige (DfF). Einige Klassen in ihrem Schulhaus haben einen Ausländeranteil von mehr als 50 Prozent, die Anzahl ausländischer Schüler hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Dennoch hat die Gemeinde aus Kostengründen beschlossen, den DfF-Unterricht um 20 Prozent zurückzufahren.

Neu erhalten fremdsprachige Kinder höchstens zwei Jahre DfF. «Mir tut es weh, wenn ich Kinder aus dem Sprachstützunterricht entlassen muss, die ihn noch dringend nötig hätten», erklärt Schybli. Schliesslich sei der Spracherwerb nur ein Teil des Unterrichts. «Mindestens so wichtig sind die Integration und die Sozialisierung der Kinder. Sie lernen in einem geschützten Raum unsere Spielregeln und unsere Kultur kennen.»

«Mehrkosten bei den Sozialämtern»


Die Fachlehrerin versteht den DfF-Unterricht nicht zuletzt als Gewaltprävention in früher Jugend. «DfF hilft den Kindern auch, ihre Anliegen verbal zu vertreten, statt dreinzuschlagen.» Noch fehlen Langzeiterfahrungen. Doch dass sich Einsparungen im Sprachunterricht mittelfristig bei der Integration ausländischer Kinder rächen werden, daran zweifeln Experten nicht. Denn: Mangelnde Sprachkompetenz führt zu schlechterer Ausbildung und damit zu geringeren Berufschancen.

Am kurzfristigen Denken stören sich auch Charlotte Burkhard, Esther Walz und Madeleine Fiechter: «Die Sparwut bei der Bildung wird unsere Gesellschaft teuer zu stehen kommen. Einsparungen bei den Stützangeboten wie Einschulungsklassen und Deutsch für Fremdsprachige werden später zu Mehrkosten bei den Sozialämtern führen.» Die drei Primarschullehrerinnen leiten im Schulhaus Hugenfeld im aargauischen Rheinfelden so genannte Einschulungsklassen (EK), in denen langsamere Kinder den Stoff der ersten Klasse auf zwei Jahre verteilt vermittelt bekommen.

Konkreter Finanzdruck für Lehrer


Im Schulhaus Hugenfeld wurde die minimale Klassengrösse bei den Einschulungsklassen von 12 auf 15 heraufgesetzt. «Mit solch grossen Klassen brauche ich rund drei Monate länger für den gleichen Stoff. Da die EK-Zeit aber auf zwei Jahre beschränkt ist, sind viele Kinder dann noch nicht so weit, um in eine Regelklasse überzutreten», sagt Charlotte Burkhard.

Unter dem Spardruck werden die Aargauer Lehrpersonen sogar in Versuchung geführt, zum Nachteil der Kinder zu handeln. «Die Lehrer sind aus finanziellen Erwägungen versucht, Schüler in der Regelklasse zu behalten, die eigentlich in eine Kleinklasse gehören», ärgert sich Burkhard. «Denn wer eine Klasse mit 21 statt der Mindestgrösse von 22 Kindern hat, verdient gleich mal 500 Franken weniger im Monat.» Lehrer im «Kulturkanton» wissen neuerdings von Jahr zu Jahr nicht, wie viel sie verdienen – das macht ihren einst angesehenen Beruf zusätzlich unattraktiv.

Der Schaden ist nicht bemessbar


Wie gross ist der Schaden tatsächlich, den die Volksschule unter dem Diktat der Sparminister nimmt? Pädagogikprofessor Jürgen Oelkers vermag es nicht einzuschätzen und findet genau das problematisch: «Es gibt keinerlei Leistungsstandards, um die Qualität der Schule zu messen. Doch wenn unklar ist, welche Ziele zu erreichen sind, lässt sich auch beim Sparen nicht sagen: ‹Bis hierher und nicht weiter!›»

Auf dem richtigen Weg ist für Oelkers die Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) mit ihren Bemühungen für eine bessere Koordination des Schulangebots. Mit dem Projekt Harmonisierung der obligatorischen Schule (HarmoS) will die EDK bis 2007 landesweit verbindliche Standards für die Bereiche Muttersprache, Fremdsprache, Mathematik und Naturwissenschaften festlegen. Damit soll es künftig möglich sein, die Fähigkeiten der Schweizer Schüler nach der 2., 6. und 9. Klasse miteinander zu vergleichen. An HarmoS geknüpft ist auch eine Angleichung der Lehrpläne und die frühere Einschulung.

Wenns ums Sparen geht, ist von koordiniertem Vorgehen bislang allerdings nichts zu spüren: Keine Kuh zu heilig, kein Budgetposten zu gering, um nicht in Aktionismus zu verfallen. So wird im Walliser Grossrat demnächst darüber abgestimmt, ob fortan Pausenäpfel nicht mehr gratis abgegeben werden. Sparpotenzial pro Jahr: 4000 Franken. Über so viel Verhältnisblödsinn kann sich Rolf Eggel, Zentralsekretär des Walliser Lehrerverbands, nur wundern: «Einerseits sollen die Pausenäpfel der Sparwut zum Opfer fallen, anderseits wird im Parlament darüber diskutiert, wie man die Fettleibigkeit bei den Kindern in den Griff kriegen soll.»

Quelle: Balz Murer