Beobachter: Spüren Sie die Krise bei Ihrer Beratungstätigkeit für die Mütterhilfe?
Susan Calderin: Ja. Die Fälle sind häufiger und komplexer geworden. Viele Menschen aus der unteren Mittelschicht haben ihren Job verloren. Und ihre Hoffnung. Diese Perspektivlosigkeit belastet die Eltern sehr. Das wirkt sich auch auf die Kinder aus.

Beobachter: Können Sie Beispiele nennen?
Calderin: Eine Mutter organisierte Krippenplätze für ihre zwei Kinder, weil sie wieder Teilzeit arbeiten wollte. Nun findet sie keinen Job, muss aber die Plätze zahlen. Sie ist am Verzweifeln. Oder eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern, die in einer Fabrik arbeitet. Laufend werden Mitarbeiter entlassen. Die Übriggebliebenen müssen die zusätzliche Arbeit machen. Dadurch ist sie zeitlich noch mehr eingespannt in ihrem bereits sehr ausgefüllten Alltag. Und ständig hat sie Angst, die Nächste zu sein, die gehen muss. Sie fragt sich: Wenn die Kinder krank werden und ich kurz fehle, werden sie mir dann kündigen? Erschreckend, welchen Druck manche Familien im Moment aushalten müssen.

Beobachter: Nehmen mit dem Druck auch Fälle von Misshandlung zu?
Calderin: Zahlen haben wir nicht. Aber die Vermutung liegt nahe, dass Eltern viel schneller an ihre Grenzen gelangen – und dann auch zu weit gehen.

Beobachter: Wie hilft die Stiftung Mütterhilfe?
Calderin: Die Eltern können regelmässig für Beratungsgespräche zu uns kommen. Wichtig ist, ihnen klarzumachen, dass nicht sie schuld sind an der prekären Situation, sondern die angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt und dass ein Grossteil der Arbeitgeber sparen muss. Viele Eltern plagt ein enormes Schuldgefühl.

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Beobachter: Reicht denn gutes Zureden?
Calderin: Es erleichtert. Aber es stimmt schon, manchmal fühle ich mich angesichts der Schicksale selbst ziemlich ohnmächtig.

Infos und Beratung

www.muetterhilfe.ch, Tel. 044 241 63 43