Über dem Quartier Lorraine in Bern reissen die Wolken auf. Durch ein Dachfenster fällt mildes Herbstlicht in das Wohnzimmer von Marcelle Burkhardt. Die 72-Jährige lehnt sich entspannt auf ihrem Sofa zurück. «Es kam der Moment, einen neuen Lebensabschnitt anzufangen, sich gegenseitig zu begleiten», sagt die Bernerin, deren Kinder schon längst erwachsen sind. Zusammen mit fünf Männern und ebenso vielen Frauen hat sie 1995 die Hausgemeinschaft «füfefüfzg» gegründet und eine Liegenschaft erworben.

Die 4,5-Zimmer-Wohnung, in der Marcelle Burkhardt zusammen mit einer der Frauen lebt, ist auf zwei Etagen gebaut. Der Wohnraum strahlt mit dem Holzofen und den antiken Möbeln viel Gemütlichkeit aus, die Küche wiederum ist top­modern und ergonomisch ausgestattet.

Beim Projekt «füfefüfzg», das sieben Wohnungen umfasst, steht das Gemeinschaftliche im Zentrum. Und entsprechend offen und einladend ist die Architektur: Auffallend etwa ist das viele Glas, das sich nicht nur zwischen Treppenhaus und Wohnräumen findet, sondern auch in den Türen. Glas lässt ein Maximum an Tageslicht ins Innere dringen und erleichtert Begegnung und Kommunikation.

«Vollmondsuppe» im «Chaos»



Das Haus besteht aber nicht nur aus Wohnungen. Es gibt zur gemeinsamen Nutzung einen Keller, einen Weinkeller, eine Werkstatt, einen Hof und den Veranstaltungsraum, den die Bewohner «Chaos» nennen. Hier haben schon Ausstellungen, Vorträge und Kurse stattgefunden, zudem natürlich private Anlässe. Im «Chaos» findet monatlich auch die «Vollmondsuppe» statt; immer zu Vollmond trifft sich die Hausgemeinschaft zu einem gemütlichen Abend mit Suppe und Brot, Gäste aus dem Quartier sind willkommen. Selbst Marcelle Burkhardts fünf Kinder und zwölf Grosskinder finden im «Chaos» genügend Platz, wenn sich die Familie wieder einmal zusammenrottet. Wird es spät, steht ausserdem ein Gästezimmer zur Verfügung.

Die Initianten von «füfefüfzg» – darunter das Architektenpaar Sonja und Urs Grandjean – demonstrieren mit ihrem Bau, wie selbstständiges Wohnen im Alter möglich ist: Die Wohnungen in der umgebauten 100-jährigen Liegenschaft sind mit einem Lift erschlossen und weitgehend hindernisfrei. Küche, Bad und Beleuchtung erfüllen hohe ergonomische Anforderungen. Die Grundrisse sind so konzipiert, dass nachträgliche Änderungen – etwa eine andere Raumaufteilung – ohne grossen Aufwand zu realisieren sind.

Dieser Standard ist freilich nicht die Norm, sondern die Ausnahme. Viele ältere Wohnhäuser werden den Bedürfnissen betagter Bewohner in keiner Weise gerecht. Das gilt für Einfamilienhäuser, in denen der Wohnraum über mehrere Geschosse verteilt und sogar nur über steile Treppen zugänglich ist. Auch eingeschossige Wohnräume und Treppenhäuser mit Lift genügen nicht, um von altersgerechter Architektur sprechen zu können, sagt Rosmarie Okle von Pro Senectute Bern und präzisiert: «Viele Wohnhäuser verfügen zwar über einen Lift, sind aber oft nur über Schwellen und Treppen zugänglich.»

Hindernisse aus dem Weg räumen



Türschwellen – im Eingangsbereich eines Hauses oder in der Wohnung – sind unnötige Hindernisse. Im altersgerechten Haus nichts verloren haben potenzielle Unfallverursacher: nicht fest verlegte Teppiche, lose herumliegende Stromkabel.

Wichtig sind gute Lichtquellen, sowohl im Hauseingang, in Treppenhaus und Keller wie in allen Wohnräumen, denn im Alter lässt die Sehkraft erfahrungsgemäss nach. Im ideal ausgerüsteten Haus hat es zudem Handläufe bei den Treppen sowie Haltegriffe in Bad und WC. Und zu guter Letzt ist darauf zu achten, dass Türen auch für Rollstühle breit genug sind und tendenziell enge Räume wie Küche, Bad oder auch Balkon und Lift genügend Bewegungsspielraum bieten. Immer mehr Menschen wünschen sich, in ihrer gewohnten Umgebung alt zu werden. Diese rechtzeitig dafür auszurüsten lohnt sich auch finanziell. Laut Hubert Wagner, Ressortleiter Wohnberatung bei Pro Senectute Kanton Zürich, ist das Leben im eigenen Zuhause die günstigste Variante: «Der Umzug in ein Heim oder eine andere Institution ist meist mit höheren Fixkosten verbunden.»

Marcelle Burkhardt entschied sich für die Hausgemeinschaft, weil ihr Nähe und Austausch wichtig sind: «Unsere Wohnform schafft den Rahmen für gegenseitige Hilfe im Alter.» In gewisser Weise zwinge sie auch, Kontakte zu unterhalten und so drohender Vereinsamung vorzubeugen. Sie sagt: «Das A und O einer solchen Gemeinschaft ist, dass man bereit ist, sich mit den anderen auseinander zu setzen und wenn nötig Konflikte auszutragen.» Obwohl das manchmal anstrengend ist, geht für sie die Rechnung voll und ganz auf: «Die Vorteile überwiegen bei weitem.»

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Quelle: Annette Boutellier

Wohnberatungen

Pro Senectute

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