8_00_bp_quote.jpgWas zeichnet eine gute Talk-Show aus? «Die Einschaltquoten», antwortete Talk-Master Dani Nieth im vergangenen Oktober. Ein paar Monate später ist er selber vom Bildschirm verschwunden: RTL/Pro7 hatte nicht nur Nieths «Klartext», sondern gleich das ganze Schweizer Programmfenster eingestellt die Zuschauerzahlen entsprachen nicht den Erwartungen.

«Die Quote als Manna und als Guillotine», resümierte Klaus Vieli, Chefredaktor von TV3, Anfang März. «Im Moment ist sie für mich mehr Guillotine.» Wie recht er doch hatte: Keine zwei Wochen später kippte sein Sender die «News um 7» aus dem Programm. Grund: zu wenig Zuschauerinnen und Zuschauer.

Zwei aktuelle Beispiele dafür, welch grossen Einfluss die Einschaltquoten auf das Fernsehprogramm haben. Doch wer «macht» die Quote und entscheidet damit, bei welcher Sendung der Stecker rausgezogen wird? In 950 Haushalten in der Deutschschweiz (bald sinds 1000) mit total 2156 Personen steht ein «Telecontrol»-Gerät: Es sieht aus wie ein Videorecorder und zeichnet automatisch auf, welcher Sender gerade läuft.

Die Daten werden jede Nacht ausgewertet; am Vormittag schleichen die Fernsehmacher nervös durch die Gänge und warten darauf, die Zahlen vom Vorabend in farbigen Grafiken und Tabellen abrufen zu können.

Wer ein solches «Telecontrol»-Gerät hat, ist geheim zu gross sei die Gefahr, dass die Testpersonen von den Fernsehstationen bestochen oder zumindest umworben würden, erklärt Markus Jedele vom SRG-Forschungsdienst. Einzig die Zusammensetzung der 950 Haushalte gibt er preis. Darunter befinden sich entsprechend der Bevölkerungsstatistik 288 Singles, 317 Paare, 147 Drei-Personen-Haushalte und so weiter.

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Das System hat allerdings Schwachstellen: Wenn der Sohn den Lieblingstrickfilm anschaut, kann er problemlos per Tastendruck auch Vater, Mutter und Schwester zu Zusehern machen auch wenn die gar nicht zu Hause sind. Und wer das Gerät einschaltet, dann aber telefoniert, wird trotzdem als Zuschauer erfasst obwohl er gar nicht zuschaut.

Und dann gibts auch noch das Problem der kleinen Zahl: Die abgeschafften Nachrichten auf TV3 schafften es an manchen Tagen auf einen Marktanteil von gerade mal 0,1 Prozent. Laut Statistik hatte also jeder Tausendste, der zu diesem Zeitpunkt fern sah, TV3 eingeschaltet. Vom «Telecontrol»-Publikum war es also ein einziger.

Wenn Beni Thurnheers Unterhaltungsshow «Benissimo» über den Bildschirm flimmert, gibts solche Probleme nicht. Dann haben bis zu 62 Prozent aller Zuschauer SF1 eingestellt ein Rekordwert, mit dem sich das Schweizer Fernsehen gern brüstet. Zurückhaltender ist man am Leutschenbach, wenns um genauere Daten geht. Denn die Fernsehforscher erkunden das Verhalten der «Telecontrol»-Zuschauer präzis. Gemessen wird im 30-Sekunden-Takt damit lässt sich genau nachvollziehen, bei welchem Beitrag das Publikum wegzappt.

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Akademiker mögen Erotik

Natürlich wird auch registriert, ob gerade mehr Männer oder mehr Frauen vor der Mattscheibe sitzen. In Deutschland haben die Forscher auf diese Weise herausgefunden, dass Akademiker häufiger die Billig-Erotiksendung «Peep» auf RTL2 schauen als Leute mit Volksschulbildung.

In der Schweiz werden solche Daten zwar ebenfalls recht systematisch erhoben, sie bleiben aber unter Verschluss: «Sie dienen vor allem der Programmverbesserung und sind darum strikt intern», sagt Rene Bardet, Pressesprecher von SF DRS.

Trotz der offiziellen Zurückhaltung ist klar: Die Quoten haben nicht nur bei den Privatsendern Folgen fürs Programm, sondern auch bei SF DRS. Nicht umsonst hat Peter Krähenbühl, der bei SF DRS die Quoten analysiert, sein Büro gleich neben jenem von Programmdirektor Adrian Marthaler. Rau ist das Klima vor allem in der Unterhaltung. Ein Quotenopfer bei SF DRS ist beispielsweise Sandra Studers Musikshow «Takito».

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Schon nach wenigen Folgen war die Geduld der Fernsehbosse zu Ende. Sie hatten einen Marktanteil von mindestens 30 Prozent gefordert; erreicht wurden etwa 25 Prozent. «Ich hatte vor allem Mühe damit, wie die Sendung abgesetzt wurde», erinnert sich Studer. Lakonischer Kommentar von Fernsehdirektor Peter Schellenberg: «Bei uns hat niemand das Recht auf eine Sendung.»

Ein anderes Beispiel ist Madeleine Hirsiger. Seit Jahren moderiert sie ihre Kinosendung bei jeder Umstrukturierung wird sie später ausgestrahlt, derzeit irgendwann nach 23 Uhr. Trotzdem sieht sich Hirsiger nicht als Quotenopfer: «Es ist mir bewusst, dass sich nicht alle Leute für Kino interessieren.»

Harte Sitten in Brasilien

Aber auch im Informationsbereich werden die Daten genau analysiert. Zeigen die Zahlen, dass die Zuschauer bei einem Auslandthema wegzappen, hats Tschetschenien in der nächsten Sendung schwer das bestätigen mehrere Redaktoren. Und wenn die langfädigen Antworten des Experten das Publikum vertreiben, sucht die Redaktion fürs nächste Mal halt einen etwas weniger kompetenten, dafür wortgewandteren Interviewpartner.

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Immerhin ist hierzulande das Tempo noch bedeutend gemächlicher als andernorts. Bei RTL/Pro7 und TV3 dauerte es immerhin ein paar Monate, bis die Verantwortlichen die ersten Sendungen aus dem Programm kippten. In Brasilien wäre es wohl nur eine Frage von Tagen gewesen.

Bei manchen Stationen liefert dort die Einschaltquotenkontrolle die entscheidenden Daten noch während der Sendung. Auch in Deutschland gibt es bereits Versuche mit solchen Instantquoten. So was ist der inhaltlichen Qualität nicht unbedingt förderlich, wie das Beispiel Brasilien zeigt: Sackt die Quote ab, gibts blanke Busen, und die Zahlen stimmen wieder.

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