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EditorialEine Utopie als Denkanstoss

Andres Büchi, Chefredaktor

«Werden bei einem bedingungslosen Grundeinkommen wirklich so viele Kräfte für anderes frei, dass wir alle glücklicher und sogar gesünder werden?»

von Andres Büchi

Die Initiative für ein «bedingungsloses Grundeinkommen» steht. Kommt damit aus der Schweiz der Anstoss für eine bessere, fairere Gesellschaft, in der die Menschen vom materiellen Überlebenskampf befreit werden? Werden dann wirklich so viele neue Kräfte für anderes frei, dass wir am Ende alle glücklicher, zufriedener, ja sogar gesünder sind?

Den Initianten schwebt ein Gratislohn von 2500 Franken pro Monat vor für jede erwachsene Person und von 625 Franken für Kinder und Jugendliche. Eine fünfköpfige Familie bekäme pro Monat also knapp 7000 Franken – ohne einen Finger krümmen zu müssen.

Balz Ruchti, Yaël Debelle und Peter Johannes Meier zeigen in unserer Titel­geschichte «Geld für alle: Kann das gutgehen?» (das Heft ist ab dem 4. Oktober am Kiosk erhältlich) die Konsequenzen dieses radikalen Denkansatzes.

Wege aus der Wachstumsfalle?

Die Initianten argumentieren, ein bedingungsloses Grundeinkommen koste zwar viel, es würden aber auch Einsparungen im Sozialstaat möglich, weil man das komplizierte System verschlanke. Die Menschen würden durch die neu gewonnenen Freiheiten kreativer, kümmerten sich intensiver um Kinder und kranke Verwandte. Am Ende profitierten demnach alle in dieser heileren neuen Welt.

Die Gegner sehen in dieser Vorstellung eine naive Utopie. Der Mensch sei grundsätzlich bequem und zur Leistung mehrheitlich erst dann bereit, wenn sie sich lohne. Zudem gäbe es wohl bald keine Leute mehr für viele wichtige, aber heute schlecht entschädigte Arbeiten. Weiter drohe ein Abbau an Sozialleistungen und vor allem: eine massive Einwanderung ins neue Grundlohnparadies Schweiz.

Man braucht kein Betonkopf zu sein, um die Initiative als Träumerei von einer idealen Welt zu bezeichnen, die sich nicht bauen lässt. Dennoch lohnt sich die Debatte. Denn eines ist klar: Das «Kulturmodell der expansiven Moderne» lässt sich auf einem begrenzten Planeten auf Dauer nicht fortschreiben, wie Harald Welzer in seinem kritischen Buch «Selbst denken» schlüssig darlegt.

Soziologe Welzer, der an der Uni­versität St. Gallen lehrt, plädiert für ein radikales Umdenken. Dazu brauche es Utopien und Avantgarden, auch wenn bisher keiner weiss, «wie eine post­kapitalistische Wirtschaft aussehen und funktionieren würde».

Eine solche Utopie kommt mit der Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen in der realen Welt an. Nicht als praktikable Lösung, aber als Anstoss zu einer nötigen Transformation der Konsum- und Arbeitswelt, die die heu­tige Entwicklung vielleicht aus der Sackgasse des eindimensionalen ökonomischen Wachstumsdenkens führen kann.

Diskutieren wir die Utopie! Nicht um eine halsbrecherische Revolution der Schweiz zu riskieren, sondern um daraus zu lernen, was wir alle in Zukunft besser machen könnten.

Veröffentlicht am 2013 M10 03