Beobachter: Politik und Gesellschaft werden nicht müde, die Bedeutung der Bildung zu preisen. Trotzdem ist sie ein beliebtes Sparopfer. Weshalb dieser Widerspruch?
Christian Keuschnigg: Wenn Einigkeit darüber herrscht, dass gespart werden muss – und das ist derzeit wohl der Fall –, ist es eine Frage des politischen Verteilkampfes, wo dies geschehen soll. Um kurzfristige Verbesserungen vorweisen zu können, ist es verlockend, dort zu kürzen, wo die Auswirkungen erst später sichtbar werden. Im Gegensatz etwa zu einem Abbau bei den Sozialausgaben ist dies bei der Bildung der Fall. Hier zeigen die Investitionen ihren Wert erst langfristig.

Beobachter: Bildung rentiert also?
Keuschnigg: Es ist unbestritten, dass sie langfristig der wichtigste Wachstumsfaktor überhaupt ist. Wer in Bildung investiert, erhält eine hohe gesellschaftliche Rendite. Das fängt ganz unten an: Eine gute Volksschule legt den Grundstein für jede weitere Ausbildung und generiert mehr Humankapital, also einen grösseren Anteil an gut ausgebildeten Leuten.

Beobachter: Müsste die ansonsten rohstoffarme Schweiz dann konsequenterweise nicht von der heiligen Opfersymmetrie beim Sparen abrücken? Also sagen: Hände weg von der Bildung!
Keuschnigg: Das ist unrealistisch. Der Bildungsbereich macht einen zu grossen Ausgabenteil aus, um ihn bei Haushaltssanierungen einfach auszuklammern. Auch aus ökonomischer Sicht wäre ein solches Spar-Tabu ein falsches Signal: Dann sähe es so aus, als müsse man gar nichts mehr tun auf diesem Gebiet. Doch das wäre falsch.

Beobachter: Demnach sehen Sie weiteres Sparpotenzial im Bildungswesen?
Keuschnigg: Es ist legitim, sich zu fragen, ob sich allenfalls auch mit weniger Geld die gleiche Leistung erreichen lässt. Also Fragen zu stellen wie: Lassen sich durch eine verstärkte Harmonisierung im Bildungssystem unnötige Kosten vermeiden? Führt ein über Lohnanreize geführter Wettbewerb unter den Lehrern zu mehr Effizienz? Oder könnte die freie Schulwahl für mehr Wettbewerb unter den Schulen und zu einer besseren Ausbildungsqualität führen? Diese Diskussion über den wirksamen Einsatz der Mittel muss geführt werden.

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