Der Eigentümer eines schönen Einfamilienhauses aus den fünfziger Jahren schmiedete grosse Umbaupläne: Im ersten Stock wollte er zwei mickrig kleine Zimmer zu einer geräumigen Stube zusammenlegen; er träumte von einem grösseren Balkon, einem separaten Eingang für geschäftliche Besuche, und den Dachstock wünschte er für den 18-jährigen Sohn auszubauen und mit einem separaten WC zu ergänzen. Doch die Statik verunmöglichte es, ohne weiteres eine Wand herauszunehmen; im Dachstock waren sanitäre Anschlüsse ein Ding der Unmöglichkeit, und nirgends war Platz für einen zweiten Eingang. Der mit der Planung beauftragte Architekt kam zum Schluss: «Das kostet Sie mehr als ein Neubau.» Er riet dem Eigentümer von seinem Vorhaben ab.

So ergeht es vielen Haus- und Wohnungseigentümern: Manches Bauwerk überdauert Jahrzehnte – doch den Ansprüchen von heute genügt es längst nicht mehr. «Notwendige Anpassungen scheitern oft an den engen Gebäudegrundrissen und an der Gebäudestatik», sagt Martin Rutz, Geschäftsführer bei der Meier + Steinauer Partner AG, einer auf Bauerneuerung spezialisierten Firma in Zürich.

Bis jetzt wurden Häuser mit einem Zeithorizont von 100 Jahren erstellt – schliesslich gelten Immobilien als langfristige Investitionsgüter. Ein Mauerwerk hält denn auch mindestens ein Jahrhundert. Anderseits sind die Arten der Nutzung und die Veränderungen auf dem Immobilienmarkt für eine derart lange Periode schlicht nicht vorhersehbar. Die konkreten Bedürfnisse der Bewohner sind nicht in Stein gehauen, sondern im Gegenteil sehr variabel. Für eine Familie mit kleinen Kindern ist etwa eine räumliche Gestaltung erwünscht, die Nähe zwischen Kindern und Erwachsenen schafft. Sobald die Kinder jedoch grösser werden, wünschen sie eine «sturmfreie Bude», also mehr räumliche Distanz.

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Anpassungsfähige Raumkonzepte
Immobilienfirmen und viele Architekten bauen im Moment sehr stark auf grosse, offene Räume. Ein grosszügig bemessener Erschliessungs- und Wohnbereich ist aber umso willkommener, je flexibler er in der Nutzung ist. Sinn macht vor allem ein Konzept, das bereits durch einfache Anpassungen sowohl offen als auch geschlossen gestaltet werden kann (siehe Kasten Seite 23). Sehr viel wert sind auch so genannte nutzungsneutrale Räume, die sich als Spiel- oder als Kinderzimmer, als Arbeitsraum oder Schlafzimmer für die Eltern nutzen lassen. Dazu bedarf es einer Fläche von mindestens 14 bis 16 Quadratmetern, wobei zudem Türen und Fenster so zu positionieren sind, dass mehrere Varianten der Möblierung möglich sind.

«Wirtschaftlich betrachtet, ist ein Haus dann vernünftig, wenn es schon zum Zeitpunkt der Erstellung mehrere Arten des Gebrauchs gestattet», betont Susanne Gysi, Dozentin an der Architekturabteilung der ETH Zürich. Ein durchdachtes Konzept sollte für ganz unterschiedliche, auch nicht vorhersehbare Ereignisse Lösungen anbieten. Zum Beispiel führt eine Ehescheidung unweigerlich zu einer völligen Neugestaltung der ehemals gemeinsamen Wohnsituation. Veränderungen können aber auch als Folge von Arbeitslosigkeit, eines Unfalls oder eines Todesfalls in der Familie eintreten. «Auf einmal», so Susanne Gysi, «kann es aus wirtschaftlichen Gründen erwünscht sein, einen Teil des Hauses als Einlegerwohnung oder zumindest ein Zimmer zu vermieten.»

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Zu wenig genutzte Möglichkeiten
Stark an Bedeutung gewinnt zudem die innerhäusliche Erwerbs- oder Nebenerwerbsarbeit. Wer zu Hause arbeitet, spart Raumkosten. Auch für diese Anforderung erweist sich eine räumliche Aufteilung, vielleicht die Schaffung eines separaten Eingangs, als überaus sinnvoll. Unter Fachleuten sind die Meinungen über anpassbare Wohnungen bis heute geteilt. «Die Möglichkeiten werden von der Bewohnerschaft oft gar nicht genutzt», lautet die Erfahrung von Kaspar Fahrländer, eines auf Umbauten spezialisierten Architekten in Zürich. Der Einbau von flexiblen Leichtbauwänden nütze wenig, wenn nicht zugleich auch die Elektroinstallationen Veränderungen zuliessen.

Zimmergrösse nach Wunsch
«Es gibt aber sehr wohl Beispiele, die den Nutzen belegen», hält dem Susanne Gysi entgegen. Nützlich sei die Anpassungsfähigkeit in verschiedenen Phasen – von der Planung über die Bauphase, die Nutzung bis zu einer späteren Erneuerung (der Bauträger oder Ersteller muss Wohnungsmix und Grösse der Wohnungen nicht von Anfang an vorgeben). Vorbildlich zeigt dies die Stadtbasler Wohnsiedlung Davidsboden der Christoph-Merian-Stiftung und der Helvetia Patria. Susanne Gysi: «Durch eine sehr geschickte Anordnung von Tragstruktur und nicht tragenden Wänden sind Anpassungen oder das Zusammenlegen von Wohnungen mit einem Minimalaufwand machbar.»

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Ein gutes Beispiel für ein neues Projekt, das den heutigen Anforderungen an Flexibilität genügt, ist auch der im letzten Jahr gebaute Wohnpark Balance in der Zürcher Gemeinde Wallisellen. Im Grundpreis von rund 560000 Franken für eine Wohnung in der Variante «Basic» sind Zuleitungen bereits inbegriffen, die die spätere Erstellung einer weiteren Nasszelle oder einer zusätzlichen Kochgelegenheit ermöglichen. Die zusätzlichen Kosten, um die Wohneinheit durch die Schaffung einer Einlegerwohnung aufzuteilen, betragen 30000 Franken. Damit lassen sich ein zweiter, separater Eingang, eine zusätzliche Nasszelle und Kochgelegenheit sowie die erforderlichen Zwischenwände realisieren.

Der Grundriss ist durch einen in der Mitte des Gebäudes situierten «Infrastrukturkern» geprägt (mit Bädern, Küchenstandorten und Erschliessungssträngen). Die restliche Wohnfläche teilt sich auf in einen Individualbereich und einen allgemeinen Teil. Der Individualbereich ist frei unterteilbar. «Von zwei knapp 30 Quadratmeter grossen Räumen bis zu sechs knapp 10 Quadratmeter grossen Zimmern können Anzahl und Grösse der Räume je nach den Bedürfnissen selbst bestimmt werden», erläutert der Architekt Christoph Haerle. Das gestattet unter anderem eine Nutzung als Loft für einen Junggesellen, eine unterteilte Wohnung für eine Grossfamilie, die Errichtung einer Einlegerwohnung für die Schwiegereltern oder zwecks Weitervermietung an Dritte und schliesslich die Rückkehr zu einem Loft für das älter gewordene Besitzerehepaar.

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Aufwertung des Küchenbereichs
Bei vielen neuen Projekten zeigt es sich, dass auch die Küche zum «mehrfunktionalen» Arbeits-, Ess-, Wohn- und Spielraum aufgewertet wird. Konventionelle architektonische Konzepte und Grundrisse, die vor allem dem Wohnbereich, den Kinder- und den Schlafzimmern viel Platz einräumen und die Küche eher stiefmütterlich behandeln, haben somit ausgedient. Die Küche muss vielseitig nutzbar sein, denn sie erlangt immer mehr repräsentativen Charakter als derjenige Raum, wo Gäste empfangen und bewirtet werden, wo Geselligkeit gepflegt wird. Die Benutzbarkeit der Küche für all die vielfältigen Aktivitäten und Arbeiten wird natürlich dadurch erhöht, dass ein genügend grosser, vielleicht sogar ausziehbarer Tisch sowie ausreichend Arbeits- und Abstellflächen zum Rüsten und Kochen vorhanden sind. Auch die vielen kleinen «Helfer» der Köchin oder des Kochs wollen irgendwo verstaut sein.

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Wichtig ist ausserdem eine genügend grosse Raumfläche. «Soll die Küche den Bedürfnissen ihrer jeweiligen Benutzerinnen und Benutzer entsprechend gestaltbar sein, benötigt sie die Grösse eines individuell benutzbaren Zimmers, das heisst zirka dreizehn bis vierzehn Quadratmeter», steht in einer Studie der ETH Zürich (siehe Kasten auf gegenüberliegender Seite). Genug Platz und eine grosse Tür sind überdies wichtig, damit eine moderne Küche dem Anspruch der Behindertentauglichkeit genügt.

Dem Wunsch nach mehr Anpassungsfähigkeit kommen neue, flexible Küchenmöbel entgegen, die sich teils auf Rollen verschieben lassen oder zumindest nicht fest verschraubt sind. Ihre Verwendung ist vor allem auch dann sinnvoll, wenn Wohn- und Essbereich als offener Raum konzipiert sind; durch das Verschieben der Küchenelemente lässt sich dieser Bereich wahlweise offen oder eher getrennt gestalten. So gleicht keine Küche der anderen.

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Fixe Einbauküchen sind «out»
Damit scheint die durchrationalisierte und fest montierte Einbauküche, die seit Jahrzehnten den Wohnungsbau prägt, an Bedeutung zu verlieren. Auffallend ist jedenfalls, dass Firmen wie Bulthaup oder Forster mit flexiblen Systemen auf den Markt kommen.

Exakt diesem Trend entspricht auch die «Patenta» von Piatti. Die Oberschränke sind auf Metallrahmen befestigt und lassen sich ganz einfach ein- und aushängen, um sich wandelnden Bedürfnissen anzupassen. Auch die Fronten sind leicht auszutauschen, was eine rasche Anpassung an einen sich verändernden Geschmack möglich macht. Ähnlich können die einzelnen Apparate und Möbel relativ einfach und ohne grosse Kosten ausgewechselt werden. Eine dahinter liegende Vorwand, die Raum für Anschlüsse und Leitungen bietet, vereinfacht zudem die Montage und trägt ebenfalls zu Kosteneinsparungen bei. Solche anpassbaren Systeme, die wegen ihrer Zugänglichkeit zudem Reparaturen enorm erleichtern, gibt es auch für Badezimmer. Umbauspezialist Martin Rutz ist davon überzeugt, dass diesen so genannten Vorwandinstallationen die Zukunft gehört: «Vorwandinstallationen, vorgefertigte Sanitärapparate und Möbelprogramme sind gerade für den raschen Einsatz bei Umbauten erfunden worden.»

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Etliche Planer und Ingenieure haben sich auch Gedanken dazu gemacht, wie die elektrischen Anschlüsse und Verkabelungen besser und flexibler gestaltet werden könnten. Eine Idee geht beispielsweise in die Richtung, rund um die Wohnfläche einen Kanal zu führen, in dem sämtliche Kabel und Anschlüsse Platz finden. Das hat den Vorteil, dass Telefon-, Internet-, Licht- oder TV-Anschlüsse überall dort angebracht werden können, wo sie tatsächlich gebraucht werden.

Der leidige Kabelsalat gehört damit der Vergangenheit an. Zugleich lässt sich mit der richtigen Wahl der Materialien der Elektrosmog eindämmen. Das mühsame Verlegen von immer neuen Kabeln oder das kostspielige Aufspitzen von Wänden für neue Schalter oder Anschlüsse können so im Idealfall verhindert werden.

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