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Nationalpark«Das Projekt ist noch nicht gestorben»

Rückschlag für das Nationalparkprojekt im Locarnese TI: Die Gemeinde Cevio will sich nicht mehr an dem Projekt beteiligen. BeobachterNatur wollte von Pro Natura wissen, was das «No» aus Cevio bedeutet, und ob noch eine Chance besteht, dass in der Schweiz ein zweiter Nationalpark eingerichtet wird.

«Es gibt in Cevio nicht nur Gegner»: Christine Fehr, Pro Natura
von aktualisiert am 03. Juni 2009

Pro Natura lancierte im Jahr 2000 die Idee, einen zweiten Nationalpark einzurichten. Der Nationalpark im Gebiet Centovalli, Valle Onsernone, Rovana und Bavona war das bisher aussichtsreichste und fortgeschrittenste Projekt. Mit dem Nein aus Cevio ist die Errichtung eines neuen Nationalparks nun aber auch hier ernsthaft in Frage gestellt – denn fast die Hälfte der projektierten Parkfläche liegt auf Gemeindegebiet von Cevio. BeobachterNatur sprach mit Christine Fehr, Koordinatorin der Kampagne «Gründen wir einen neuen Nationalpark!» von Pro Natura, über die Gründe und Konsequenzen dieses Neins.

BeobachterNatur: Was bedeutet das Nein von Cevio für das Parkprojekt im Locarnese?
Christine Fehr
: Dieser Entscheid ist ein gravierender Rückschlag für das Projekt. Einerseits fällt nun fast die Hälfte der Parkfläche weg, anderseits liegen besonders wertvolle Flächen wie das Bavonatal auf Gemeindegebiet von Cevio.

BeobachterNatur: Wer sind die Gegner des Projekts?
Christine Fehr: Es gibt in Cevio vor allem eine starke Figur, die es geschafft hat, viele Einwohner gegen den Park zu mobilisieren. Die Gegner sind dabei hauptsächlich bei den Jägern und Fischern sowie bei den Rustici-Besitzern zu suchen. Vor allem die Jäger sind in der Bevölkerung sehr gut verankert und haben in den Gemeinden grosses Gewicht. Sie hatten auch schon die beiden Nationalparkprojekte von Muverans und im Kanton Uri zu Fall gebracht. Ich muss aber sagen, dass es in Cevio nicht nur Gegner gibt: Der Gemeinderat, das heisst die Exekutive, stand eigentlich hinter dem Nationalparkprojekt.

BeobachterNatur: Was würde sich für die Bevölkerungsgruppen, in denen die Gegner hauptsächlich zu finden sind, denn konkret ändern?
Christine Fehr: In den Kernzonen wären Jagen und Fischen verboten. Die Projektleitung hat den Jägern und Fischern aber weitreichende Zugeständnisse gemacht und in ihren bevorzugten Jagdgebieten auf Kernzonen verzichtet. Die Besitzer der bestehenden Rustici behielten ihr Nutzungsrecht, solange die Häuser nicht leerstünden. Und auch die bestehende traditionelle Weidenutzung wäre weiterhin möglich.

BeobachterNatur: Haben die Promotoren zu wenig gemacht, um die lokale Bevölkerung für den Park zu motivieren?
Christine Fehr: Die Projektleiter führten um die 500 Gespräche mit allen möglichen Interessensvertretern. Für die Information der breiten Bevölkerung fehlte aber am Schluss ein wenig die Zeit. Man kann beim Bund nur einmal pro Jahr ein Parkgesuch einreichen, und das Geld hätte gefehlt, um noch ein weiteres Jahr damit zu warten.

BeobachterNatur: Kann das Projekt dennoch weitergeführt werden?
Christine Fehr: Die restlichen Flächen genügen an sich, um einen neuen Nationalpark einzurichten. Zudem ist das Projekt in den anderen Gemeinden sehr gut verankert. Das Projekt ist daher noch nicht gestorben. Der bereits bestehende Nationalpark begann auch einmal klein und wurde dann Stück für Stück ausgeweitet. Das Hauptproblem im Locarnese werden die Kernzonen sein. Um die Vorgaben des Bundes zu erfüllen, müssen diese jetzt nochmals überarbeitet werden.

BeobachterNatur: Das Gebiet ist schon jetzt äusserst naturnah. Ist ein Nationalpark überhaupt nötig, um die Natur im Locarnese zu schützen?
Christine Fehr: Kurzfristig würde sich für die Natur nicht viel ändern. Der Park könnte aber künftige negative Entwicklungen verhindern und die Naturgebiete schützen, so wie sie jetzt sind. Zudem wären im Rahmen des Nationalparks interessante Projekte denkbar, so zum Beispiel im Bereich des Gewässerschutzes oder der Steinbrüche. Und der Park könnte einen wichtigen Beitrag leisten zur Erhaltung der Kulturlandschaft.

BeobachterNatur: Besteht denn nicht die Gefahr, dass noch mehr Landwirtschaftsgebiete verganden, wenn man sie sich selber überlässt?
Christine Fehr: Nein, denn die Kulturflächen, die erhalten werden sollen, werden bewusst nicht als Kernzonen ausgeschieden. Die Kernzonen bestehen hauptsächlich aus Wald und aus alpinen Zonen.

BeobachterNatur: Pro Natura setzt sich seit vielen Jahren für die Errichtung eines zweiten Nationalparks ein. Fast alle Projekte sind aber in den letzten Jahren gescheitert. Bestehen überhaupt noch Chancen für einen neuen Nationalpark, falls das Tessiner Projekt auch scheitert?
Christine Fehr: Im Adulagebiet GR besteht noch ein weiteres Projekt. Es soll im nächsten Januar beim Bund eingereicht werden. Im Moment läuft die Information der lokalen Bevölkerung. Zurzeit wird vor allem um die Lage und Grösse der Kernzonen gefeilscht – es besteht die Gefahr, dass schlussendlich fast nur alpine Gebiete in die Kernzonen fallen werden, und das wäre für den Tourismus, aber auch für den Schutz der Natur nicht besonders günstig. Aber auch wenn noch viel Diskussionsstoff vorhanden ist, sind wir recht optimistisch. Verbesserungen sind ja auch später noch möglich.

Christine Fehr, Pro Natura
Quelle: Tinelot Wittermans