Madeleine Dreyfus: «Ressentiments werden wach»

Madeleine Dreyfus, geboren 1951, ist Psychoanalytikerin in Zürich.

7_00_bp_jstempel1.jpgIch frage mich, warum dieser Artikel gerade jetzt erscheint. Die Fakten sind bekannt und erhellen nichts Neues. Ich kritisiere die Tendenz und den Stil der Publikation, die nach dem Motto «wir nicht, die auch» funktioniert. Der Bergier-Bericht hat tatsächlich nicht die bis 1942 leider oft allzu ängstliche Führung der Schweizer Juden zum Thema, sondern die bis heute verleugnete Kontinuität des behördlichen Antisemitismus. Ich kann diese Ängstlichkeit im Zusammenhang mit der Lage in Europa sehr gut verstehen, wenn ich sie auch bedaure. Seit internationale jüdische Organisationen und einzelne Betroffene das Eingeständnis des antisemitischen Verhaltens von Schweizer Banken und Behörden verlangten, ist ein heftiges Ressentiment laut geworden – selbstverständlich ohne die schreckliche Konsequenz von damals.

Der Prüfstein für eine Demokratie ist aber ihr Umgang mit Minderheiten. Der Bergier-Bericht beschreibt auf deutliche Weise den feinen, aber damals eben todbringenden Antisemitismus, der in absolutem Gegensatz steht zur humanitären Tradition der Schweiz.


 


Alfred Cattani: «Lang verdrängtes Tabu»

Alfred Cattani, geboren 1923, Historiker, war bis 1989 stellvertretender Chefredaktor der «neuen Zürcher Zeitung». Heute ist er freier Publizist .

7_00_bp_jstempel2.jpgDie von Urs Rauber verwendeten Dokumente über das Verhältnis des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds zur Asylpolitik erhellen ein lang verdrängtes Tabu. Auch in der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz gab es nach 1933 verschiedene Strömungen. Dass sich die führenden Kreise der Schweizer Juden bis 1942 hinter die Asylpolitik des Bundesrats stellten, geschah vor allem aus der Furcht, ein Uberhandnehmen der Juden aus Osteuropa könnte den Antisemitismus in unserem Land weiter anstacheln. 1942 kamen die ersten Berichte über die angelaufene «Endlösung». Als glaubhaft bestätigt wurde, dass die Nazis in ihrem Rassenwahn nicht davor zurückschreckten, alle Juden ohne Ausnahme auszurotten, erfolgte die Wende in der Haltung der Schweizer Juden gegen die damalige Asylpraxis. Wie der Bergier-Bericht mit dieser Entwicklung umgeht, zeigt die Problematik seiner Untersuchungen.

Anzeige

Wer die ganze Wahrheit ans Licht bringen will, darf nicht einseitig fokussieren.



Heinz Roschewski: «Quellen falsch interpretiert»

Heinz Roschewski, geboren 1919,Historiker, Politiker, war bis 1984 Chefredaktor von Radio DRS. Heute ist er Buchautor und freier Publizist.

7_00_bp_jstempel3.jpgDer Artikel behauptet, dass die jüdischen Organisationen der Schweiz, also der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG), bis ins Jahr 1942 die Flüchtlingspolitik der eidgenössischen Behörden billigten und seine Darstellung auf neu zugänglichen Akten beruhe. Diese beiden wesentlichen Punkte sind in ihrer Verallgemeinerung falsch. Die «Enthüllungen» des Beobachters beruhen nicht auf «neu zugänglichen Quellen», sondern diese sind seit langem von Forschern eingesehen, verarbeitet und in vielen Abhandlungen, Büchern und anderen Publikationen verwendet und veröffentlicht worden.

Anzeige

Der Beobachter hat nur einige ihm passende Angaben aus dem gesamten Bestand an Quellen verwendet und diese damit zum Teil aus dem Entstehungszusammenhang herausgerissen, was zu Falschinterpretationen führen konnte. Uber allem ist die Zeitgebundenheit der Dokumente zu beachten.

Heute, mit dem veränderten und vergrösserten Wissensstand, ist es einfach, Vorkommnisse vergangener Zeiten zu kritisieren.

Der Beobachter selber schrieb im Jahr 1954, als er in verdienstvoller Weise seine Enthüllungen über die Mitwirkung der Schweiz an der Einführung des J-Stempels publizierte: «Uberdies liegt doch auf der Hand, dass die jüdische Minderheit in der Schweiz normale Beziehungen mit Dr. Rothmund unterhalten musste...»

Es stimmt offenbar, dass SIG-Präsident Saly Mayer bis in die ersten Kriegsjahre der Meinung war, man müsse unter allen Umständen versuchen, mit den Behörden zusammenzuarbeiten – und dass er es wahrscheinlich für nötig hielt, mit dem für die Flüchtlingspolitik zuständigen Chefbeamten, Heinrich Rothmund, möglichst gute und mindestens nach aussen freundschaftliche Beziehungen aufrechtzuerhalten.

Anzeige

Diese Einstellung war aus heutiger Sicht vielleicht falsch, ist aber aus der damaligen Situation zu erklären. Die Schweizer Juden waren spätestens ab 1938 in einer sehr schwierigen Lage, da sie nach dem «Anschluss» Österreichs an Hitler-Deutschland mit dem Schlimmsten rechnen mussten.

Der SIG hatte die Rechte und Interessen der Schweizer Juden im In- und Ausland zu verteidigen und musste deshalb den hier real vorhandenen Antisemitismus in seine Lagebeurteilung einbeziehen. In den im Bundesarchiv liegenden Akten finden sich immer wieder Angaben über die grossen Leistungen, die die Schweizer Juden und der SIG zugunsten der Flüchtlinge erbracht haben; ohne Zahlungsverpflichtung der Schweizer Juden wollte die Schweiz 1938 keine jüdischen Flüchtlinge mehr hereinlassen.

Die Ansicht des SIG-Präsidenten Saly Mayer, unter allen Umständen gute Beziehungen zu den Behörden und speziell zu Rothmund zu pflegen, um in der damaligen für die Juden so prekären Situation das Bestmögliche für die Flüchtlinge zu erreichen, war übrigens unter den Schweizer Juden sehr umstritten und stiess auch im SIG selber auf starke Opposition, was zu grossen Auseinandersetzungen führte – 1943 schliesslich sogar zum Rücktritt Saly Mayers. Zudem ist festzuhalten, dass bis in die ersten Kriegsjahre die Völkermordpläne Hitlers und die Gräuel der Konzentrationslager in der schweizerischen und der jüdischen Öffentlichkeit noch nicht bekannt waren, wozu auch die Schweizer Pressezensur beitrug, die Veröffentlichungen darüber verbot. Die Behörden, der Bundesrat und Rothmund waren hingegen orientiert.

Anzeige

Als aber 1942 die Wahrheit über den nazistischen Massenmord an den europäischen Juden bekannt wurde, änderte die Leitung des SIG – inklusive Präsident Saly Mayer – die Politik gegenüber den Behörden auch offiziell, und es wurde mit Rothmund und Konsorten gebrochen.