Beobachter: Welche Forschung müssen wir in Zukunft in der Schweiz betreiben?
Richard Ernst: Ich würde auf Qualität setzen statt auf ein bestimmtes Thema. Es ist sinnlos, jedes Gebiet anzuknabbern, es braucht Schwerpunkte. Dabei soll die Forschung vor allem dazu dienen, junge Leute zu verantwortungsbewussten Persönlichkeiten heranzubilden.

Beobachter: Soll man dann Gebiete, in denen die Schweiz nur zweitklassig ist, aufgeben?
Ernst: Ja. Längerfristig ist das schon sinnvoll.

Beobachter: Worauf müsste man bei der Anstellung der Professoren vor allem achten?
Ernst: Die Forscher müssen natürlich auf ihrem Gebiet Spitze sein. Sie sollen aber einen weiten kulturellen Horizont und ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Gesellschaft haben. Sie müssen sich für die Probleme unserer Zeit interessieren.

Beobachter: Hat man in der Vergangenheit zu stark nur Fachspezialisten angestellt?
Ernst: Ich glaube schon, dass darauf zu einseitig Wert gelegt worden ist.

Beobachter: Ist es nicht so, dass sich viele Forscher nur auf ihre Forschung konzentrieren und die Lehre vernachlässigen?
Ernst: Die Forschung ist das beste Vehikel, um kreative Leute auszubilden. Aber es stimmt: Für viele Forscher ist die Lehre bloss ein notwendiges Übel. Wenn sich aber jemand gar nicht für die Studierenden interessiert und nur sich selbst und seine eigenen Forschungsinteressen sieht, dann ist er garantiert ein schlechter Lehrer.

Beobachter: Muss Forschung einen unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen haben?
Ernst: Nein. Wir sind ja Teil der internationalen Forschungsgemeinschaft. Die Beiträge, die wir liefern, gehen ein in dieses Gesamtwissen. Wenn dann etwas gerade in der Schweiz zu einer Produktentwicklung führt, ist das wohl ein Glücksfall. Ich glaube, dass unsere Volkswirtschaft eher über gut ausgebildete Akademiker indirekt stimuliert wird als über universitäre Produktentwicklung, was heisst, dass vor allem die Lehre gut sein muss.

Beobachter: Welches sind grundsätzlich die Aufgaben einer Hochschule?
Ernst: Zu Forschung und Lehre kommt das Wahrnehmen von gesellschaftlicher Verantwortung hinzu. Ich traue den Politikern und den Wirtschaftsführern nicht zu, dass sie unsere Zukunft allein richtig einspuren können, weil ihre Sicht notwendigerweise eine eher kurzfristige ist. Es wäre Aufgabe der Hochschulen, weitsichtige Ideen zu entwickeln, welches die langfristigen Zielsetzungen unserer Gesellschaft sein sollten. Es geht um die Frage: Wie kommen wir zu einer besseren Welt?

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