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GentestViel Wissen und kaum brauchbare Erkenntnis

 Das wäre doch ein Weihnachtsgeschenk besonderer Art. Für die Beschenkten ein wegweisendes gar.
Bild: Jupiterimages

Das wäre doch ein Weihnachtsgeschenk besonderer Art. Für die Beschenkten ein wegweisendes gar.

von Martin Hicklin

Tatkräftig könnte man belegen, dass wir ihnen ein langes Leben wünschen. Einfach ein Testkit bestellen und schön einpacken. Da hat es ein Röhrchen drin, in das die Empfänger nur einmal spucken und es dann wegschicken müssten. Schon wenige Wochen später wüssten sie nicht nur, aus welchen Ecken der Welt ihre Vorfahren stammen. Sie würden auch erfahren, ob sie ihr Leben zum Besseren wenden sollten. Denn ein Gentest, den wir da grosszügig verschenken, zeigt doch an, wo höheres Risiko besteht, einer Krankheit anheimzufallen. Ganz wissenschaftlich.

Mit Google verbunden: Ein Test zum Aktionspreis

Das alles kann man aus ein bisschen Speichel beziehungsweise der DNA der mitschwimmenden Schleimhautzellen lesen. Behaupten jedenfalls die privaten Anbieter. Navigenics etwa, oder 23andme. Letztere ist nicht zuletzt berühmt, weil sie von Anne Wojcicki, der Frau des Google-Mitgründers und darum Milliardärs Sergey Brin mit aufgezogen wurde. Nicht umsonst sagt man Google Gelüste auf den Gesundheitsmarkt nach. 23andme geht derzeit forsch in den Markt. Das Kit gibt es jetzt neu für nur noch 399 statt wie bisher 999 Dollar, Versandkosten exklusive.

Doch so perfekt die Technik der Analyse, auf aktuellstes Wissen abgestützt die Interpretationen sind – den Daten ist mit Vorsicht zu begegnen. Das hat im Oktober niemand geringerer als J. Craig Venter klargemacht. Er war 2001 im Wettrennen um die erste Buchstabierung der drei Milliarden Bausteine der Erbmoleküle, des menschlichen «Genoms», von Bill Clinton persönlich als privater Mitkonkurrent ins Ziel gewinkt worden. Zudem ist der gern als «Herr der Gene» apostrophierte 63-Jährige seit 2007 der erste Mensch, der sein Genom veröffentlicht hat.

Verwirrend: Gleiche Daten, verschiedene Deutungen

Darum hat Gewicht, was Venter und Mitforschende aufdeckten. Sie hatten Speichelproben von fünf Testpersonen an 23andme und Navigenics geschickt. Das Resultat war ernüchternd. Zwar erfassten beide Firmen 99 Prozent der über 500'000 Marker, die als Wegweiser für benachbart liegende Erbeigenschaften dienen. Doch die aus dem Gefundenen gezogenen Schlüsse lagen erschreckend weit auseinander. Unter zwölf Krankheiten stimmten die Risikoprognosen nur bei vier voll überein. Bei sieben weiteren deckten sie sich nur zur Hälfte oder weniger.

Ursache dieser Differenzen sind die unterschiedlichen Gewichtungen, die einzelnen Markern (und den ihnen benachbarten Genomabschnitten) zugewiesen werden. Doch sichtbar wird hier ein ganz grundsätzliches Problem: Trotz den rund 200 Studien, in denen die Genome von Tausenden Kranken mit jenen von gesunden Menschen verglichen wurden, liegt meist in dichtem Nebel, was denn die oft zahlreichen, bei Kranken häufiger festgestellten Merkmale zur Krankheit wirklich beitragen.

Dunkle Materie: Keine Spur von Athletengenen

Verblüfft stellt man fest, dass die Muster den Grad der Vererbbarkeit bei weitem nicht erklären können. Bezeichnendes Beispiel ist ein leicht messbares Merkmal – die Körpergrösse. Familienstudien belegen, dass sie zu 80 Prozent erblich bedingt sein muss. Genomübergreifende Studien haben schon über 40 Marker gefunden, die mit ihr zusammenhängen sollen. Doch die erklären nicht einmal fünf Prozent der Vererbbarkeit. Kommt dazu, dass sich auch im scheinbar Naheliegenden Unerwartetes ergibt. So testete 23andme die Genome von 100 Mitgliedern der US-amerikanischen National Football League – und fand keine Merkmale, die all die Topathleten von männlichen Normalausgaben unterschieden hätten.

Nicht nur die Astrophysiker, auch die Genomforscher haben das Problem der «Dunklen Materie». Auch hier macht bisher das Sichtbare nur einen Bruchteil des Ganzen aus. Da muss noch einiges gehen. Greifen wir diese Weihnachten drum doch besser noch einmal zum Bewährten und legen wieder massvoll zu geniessenden Wein und warme Strümpfe unter den Tannenbaum.

Veröffentlicht am 2009 M11 06