1. Home
  2. Umwelt
  3. Forschung & Innovation
  4. Schmerz: Den inneren Wachhund sanft an die Leine nehmen

Schmerz: Den inneren Wachhund sanft an die Leine nehmen

Bild: Getty Images

Es gibt Alternativen zu Aspirin & Co.: Schmerzen lassen sich auch mit natürlichen Mitteln wirksam bekämpfen.

von Martin Roos

Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) brachte die verschiedenen Facetten des Schmerzes eigenwillig auf den Punkt: «Ich rufe ihn Hund. Er ist so treu, zudringlich und klug wie jeder andere Hund – und ich kann ihn anherrschen und meine bösen Launen an ihm auslassen.»

Die Ursachen von Schmerzen sind sehr vielschichtig: das vorabendliche Zechgelage, die verschobene Bandscheibe, eine schwere Krebserkrankung. Schmerz kann akut oder chronisch, psychisch oder physisch bedingt sein, um nur einige Aspekte zu nennen. Doch wie wird man den «Hund» wieder los?

«COX-2» – die neue Supermedizin?
Rheumatologen – Ärzte also, die in erster Linie Schmerzerkrankungen behandeln – werden 1999 als ein Jahr des Durchbruchs in Erinnerung behalten. In diesem Jahr haben neue Wirkstoffe gegen Schmerzen Einzug in die Regale der Apotheken gehalten: die so genannten «COX-2»-Hemmer. Deren schmerzlindernde Wirkung muss im Unterschied zu klassischen Mitteln wie etwa Aspirin nicht mehr durch mögliche Nebenwirkungen in Magen und Darm erkauft werden – behaupten die Hersteller.

Ob mit «COX-2» ein Allerheilmittel kreiert worden ist, bleibt dahingestellt. Bislang jedenfalls gilt für Medikamente generell noch immer die Faustregel: keine Wirkung ohne Nebenwirkung.

Gerade in der Schmerztherapie gibt es aber gute Alternativen zum Griff in die Tablettenschachtel. Etwa bei Schmerzen im Bewegungsapparat, die 80 Prozent aller chronischen Schmerzen ausmachen. Wer an schwerem Gelenkrheuma erkrankt ist, kommt zwar keinesfalls um den Besuch beim Arzt und die Einnahme von Medikamenten herum; aber in den meisten Fällen lässt sich ergänzend auch lokal und nebenwirkungsarm behandeln. Dabei therapiert man den schmerzenden Körperteil direkt mit Salben oder Einreibungen. Besonders geeignet sind beispielsweise die ätherischen Öle bestimmter Kräuter: Rosmarin-, Arnika-, Kiefer- und Thymianöle sind wirksame pflanzliche Therapeutika.

Der Arzneischrank der Pflanzenwelt hält auch für Schmerzen anderer Herkunft eine ganze Palette von Behandlungsmöglichkeiten bereit: Nelken bei Zahnschmerzen, Pfefferminze bei Kopfschmerzen, Fichtennadeln bei Nervenschmerzen. Vor einem zu leichtfertigen und unsachgemässen Umgang mit pflanzlichen Heilmitteln muss aber gewarnt werden. Die potenten Inhaltsstoffe von Pflanzen können ebenso Reizungen oder allergische Reaktionen auslösen wie Wirkstoffe aus dem Labor.

Nun widmen sich Wissenschaftler wieder verstärkt den Wirkprinzipien pflanzlicher Extrakte. So manches Gewächs erlebt heute in der Rheumatologie eine Art Renaissance, zum Beispiel die Weidenrinde – der natürliche Vorläufer des Aspirins – oder die Teufelskralle.

Phytotherapie ist nur eine von vielfältigen alternativen Methoden zur Schmerzbekämpfung. Aber im Vergleich mit andern Verfahren eine verhältnismässig sichere. Denn eine ganze Reihe anderer Therapieformen bleibt mit einem dicken Fragezeichen behaftet. Ob Shiatsu oder Tai Chi, Reflexzonenmassage oder Bachblüten, Handauflegen oder Hypnose: «Viele unkonventionelle Behandlungsverfahren haben den wissenschaftlichen Beweis ihrer Wirksamkeit noch nicht erbracht», sagte Professor Hartmut Göbel von der Universität Kiel auf dem diesjährigen Schmerz-Workshop in Köln.

Was also bleibt? Sicher ist, dass der Glaube an eine Behandlungsform Berge versetzen respektive Schmerzen lindern kann – besser als so manches Medikament. Der so genannte Placeboeffekt, der bei der Einnahme von Scheinmedikamenten auftritt, ist wissenschaftlich gesichert.

Sport hilft Schmerzen lindern
Sicher ist auch, dass physikalische Massnahmen bei Schmerzen sehr erfolgversprechend sind. Gezielte körperliche Bewegung vermag Schmerzen zu vertreiben: Gymnastik, Lockerungsübungen oder Entspannung. Wie auf dem diesjährigen Deutschen Schmerzkongress in Frankfurt berichtet wurde, wirkt selbst eine ganz normale sportliche Betätigung schmerzlindernd. Wärmeanwendungen, Massagen und Kältetherapie helfen bei vielen Formen von Rheuma.

Bei manchen alternativen Methoden ist der Arzt ein unabdinglicher Partner. Sofern er über eine Zusatzausbildung verfügt, kann er zum Beispiel auf Akupunktur zur sanften Schmerzbehandlung zurückgreifen. Ein weiteres Verfahren, das in die Hand eines erfahrenen Therapeuten gehört, ist die so genannte Neuraltherapie. Dabei werden in die Haut Mittel gespritzt, die normalerweise der lokalen Betäubung dienen. Das Geheimnis besteht weniger in der betäubenden Wirkung der Medizin. Vielmehr soll die Schmerzausschaltung den Dauerreiz brechen und übergeordnete Regelkreise aktivieren – damit der Wachhund Schmerz nicht selbst zur Krankheit wird.

Veröffentlicht am 2000 M08 09