8_00_bp_kind8.jpgBeobachter: Herr Höpflinger, warum kommen in der Schweiz immer weniger Kinder zur Welt?

François Höpflinger: Die Gründe sind ähnlich wie in andern Ländern Europas. Bei zwei oder drei Kindern empfinden die Eltern ein Maximum der positiven emotionalen Werte einer Familie. Mit jedem weiteren Kind nimmt die finanzielle und emotionale Belastung linear zu.

Beobachter: Umfragen zeigen, dass weniger Kinder geboren werden, als sich die Eltern eigentlich wünschen. Warum?

Höpflinger: In der Tat ist der abstrakte Kinderwunsch gerade von jungen Frauen relativ hoch. Und je besser die Ausbildung, desto mehr gehen Wunsch und Realität auseinander. Das hat damit zu tun, dass sich Arbeit und Familie schwer kombinieren lassen.Der Kinderwunsch wird hinausgeschoben, bis es fast zu spät ist. Die Folgen sind weniger Kinder als ursprünglich gewünscht und immer mehr gut ausgebildete Frauen, die kinderlos bleiben.

Beobachter: Die Altersvorsorge ist in aller Munde. Warum aber spricht denn hierzulande niemand von Familienvorsorge?

Höpflinger: Weil die Familienpolitik in den vergangenen 20 bis 30 Jahren im Vergleich zum Ausland kaum entwickelt worden ist. In der Altersvorsorge ist die Schweiz führend, bei Familienfragen aber steht sie hintenan.

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Beobachter: Aus welchem Grund?

Höpflinger: Das bürgerliche Bild der Familie mit dem Mann als Ernährer und der Frau als Vollzeitmutter hat sich in der Schweiz früher und stärker durchgesetzt als in anderen Ländern. In den Nachkriegsjahren profitierten die Schweizer vom hohen Lohnniveau; die schlechter bezahlte Arbeit übernahmen ausländische Arbeitskräfte. So wurde es möglich, dass der Mann eine ganze Familie finanzieren konnte.

Beobachter: Es war einmal... Heute hingegen müssen immer mehr Frauen das Einkommen ihrer Familie aufbessern.

Höpflinger: Das ist so. Die Ideologie aber ist noch sehr stark verankert. Nach wie vor erachten fast 38 Prozent des Stimmvolks das traditionelle Familienmodell als Idealfall. Diese Diskrepanz zwischen Realität und Denkweise führt zu sehr starken Spannungen in vielen Familien.

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Beobachter: Wo sehen Sie am meisten Handlungsbedarf?

Höpflinger: Ich sehe zwei Schwerpunkte. Erstens muss der Beruf besser vereinbar sein mit dem Familienleben. Zweitens sollten einkommensschwache Familien finanziell besser abgesichert sein.

Das Armutsrisiko ist für Eltern mit Kindern fast doppelt so hoch wie für AHV-Rentner.

Beobachter: Heisst das, die Situation der Kinder verschlechtert sich schleichend?

Höpflinger: So direkt würde ich es nicht sagen. Das Erziehungsklima und die Betreuung zu Hause haben sich in den letzten Jahren eher verbessert. Ausserhalb der Familien werden Kinder aber fast nicht wahrgenommen. Denken Sie beispielsweise an den Verkehr oder an die fehlenden Spielmöglichkeiten. Und in neuen Wohnungen ist das Kinderzimmer immer das kleinste.

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