Beobachter: Selbsthilfegruppen sind im Trend. Wie erklären Sie sich das?

Franz Eidenbenz: Selbsthilfegruppen können rasch und unbürokratisch auf aktuelle Themen reagieren. Die Organisationsform ist nicht so träge wie die Medizin oder der Sozialapparat – und sie ist günstig. Dazu kommt, dass sich die Patienten in den letzten Jahren emanzipiert haben. So wird in Selbsthilfegruppen oft ein beachtliches Wissen erarbeitet, das verständlicher ist als die Fachausdrücke eines Arztes. Und schliesslich bieten Selbsthilfegruppen die Möglichkeit, Leute zu treffen und damit der zunehmenden Vereinsamung in unserer Gesellschaft zu entfliehen.


Beobachter: Eignet sich denn jedes Problem zur Gründung einer Selbsthilfegruppe?

Eidenbenz: Grundsätzlich kann man natürlich zu jedem Problem eine Selbsthilfegruppe gründen. Aber bei gewissen Themen stösst eine solche Gruppe schnell einmal an ihre Grenzen. Menschen, die beispielsweise unter Kontaktschwierigkeiten leiden, sind in einer Selbsthilfegruppe zum Thema Kontaktschwierigkeiten überfordert. Denn um sich in der Gruppe zu beteiligen, müssten sie ausgerechnet diese Schwierigkeit überwinden. Auffällig gut funktionieren dafür Angehörigengruppen.


Beobachter: Ersetzt eine Selbsthilfegruppe eine Psychotherapie?

Eidenbenz: Nein, das sind zwei verschiedene Formen, die sich nicht ersetzen, sondern ergänzen. Für manche ist der Gang in eine Selbsthilfegruppe einfacher als jener zu einem Therapeuten. Oft merken Betroffene erst in einer Selbsthilfegruppe, wo ihr Problem genau liegt, und wagen dann den Schritt zu einem Psychologen.

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Beobachter: Welche Voraussetzungen braucht es, wenn man in einer Selbsthilfegruppe mitmachen will?

Eidenbenz: Man muss mit anderen Menschen in Kontakt treten wollen. Das heisst: Man muss sowohl bereit sein, eigene Erfahrungen einzubringen, als auch die Erfahrungen der anderen anzuhören. Wer nur mitteilen will, wie es andere besser machen könnten, ist in einer Selbsthilfegruppe am falschen Ort.


Beobachter: Wie findet man heraus, ob eine Gruppe tatsächlich seriös ist?

Eidenbenz: Bevor man in eine Gruppe geht, soll man abklären, wer die Gruppe organisiert hat. Wenn eine Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen dahinter steckt, hat man eine gewisse Garantie. Steht hinter der Gruppe aber eine unbekannte, undurchsichtige Organisation, sollte man vorgewarnt sein und versuchen, Genaueres herauszufinden. Vorsicht ist auch dann geboten, wenn man mehr als einen Unkostenbeitrag zahlen muss oder wenn Figuren in der Gruppe auftauchen, die den Tarif durchgeben und ein missionarisches Ziel verfolgen. Doch ob eine Gruppe ihren Zweck erfüllt, hängt im Wesentlichen von der Zusammensetzung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ab.

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Beobachter: Auch im Internet wimmelt es von Selbsthilfeangeboten. Was halten Sie davon?

Eidenbenz: Das Internet bietet eine weltweite Plattform. Wer unter einer seltenen Krankheit leidet, findet im Netz problemlos Leidensgenossen. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass man anonym kommunizieren kann. Viele getrauen sich auf diesem Weg über Dinge zu reden, die sie in der direkten Begegnung für sich behalten würden. Die Schattenseite ist, dass man nie weiss, ob etwas ehrlich und ernst gemeint ist. Denn im Internet ist dies kaum überprüfbar. Wer in einen Selbsthilfe-Chat geht, sollte kritisch sein. Generell kann man sagen: Wenn beim Chatten ein ungutes Gefühl aufkommt, ist es besser, man steigt aus.

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