Beobachter: Die AHV macht ein Plus von zwei Milliarden Franken im Jahr. Was soll die Aufregung um ein höheres Rentenalter?
Katja Gentinetta: Die AHV hat die demographische Entwicklung nie mitgemacht. Dabei ist die Lebenserwartung massiv gestiegen. Wir beziehen im Schnitt sieben Jahre länger Rente als 1948. Das kann nicht aufgehen. Ab 2013 wird die AHV laut Prognosen des Bundesamts für Sozialversicherungen rote Zahlen schreiben.

Beobachter: Es heisst, der Produktivitätszuwachs gleiche dies aus.
Gentinetta: Wie viel das Wirtschaftswachstum zusätzlich bringt, ist schwer vorauszusehen. Das Problem ist grundsätzlich. Wenn wir immer älter werden, kann das rentenfinanzierte Alter nicht einfach immer länger werden. Es muss später beginnen.

Beobachter: Sie wollen eine schleichende Erhöhung des Rentenalters.
Gentinetta: Was heisst schleichend? Wir stabilisieren die Bezugsdauer. Die steigende Lebenserwartung wird beim Rentenalter hinzugerechnet, ein bis zwei Monate pro Jahr. Das tut niemandem weh. Heute 50-Jährige gehen mit knapp 67 Jahren in Pension, heute 30-Jährige mit knapp 70.

Anzeige

Beobachter: Arbeiten bis zum Umfallen?
Gentinetta: Eben nicht. Heute bezieht ein Mann im Schnitt 18,5 Jahre Rente, eine Frau 23 Jahre. Das wird stabilisiert, der Ruhestand bleibt für alle gleich lang wie heute. Wir schieben aber den Eintritt hinaus. So dürften wir etwa 2018 Rentenalter 66 und 2026 Rentenalter 67 erreichen.

Beobachter: Seit 1995 sind alle Reformen blockiert. Warum soll Ihre Idee durchkommen?
Gentinetta: Bisherige Pläne scheiterten, weil das AHV-Alter um einen einzigen, grossen Schritt erhöht werden sollte. Dies schafft Gewinner und Verlierer. Unsere stetige Anpassung nicht. Man muss den Leuten erklären: Du lebst anderthalb Monate länger als der Jahrgang vor dir und gehst deshalb anderthalb Monate später in Rente. Individuell fällt das nicht ins Gewicht.

Beobachter: Das Frauenrentenalter wollen Sie trotz höherer Lebenserwartung nicht an das der Männer angleichen. Ist das konsequent?
Gentinetta: Das Frauenrentenalter setzte man ursprünglich tiefer an, weil die Männer meist älter waren und man den gemeinsamen Rücktritt ermöglichen wollte. Wir könnten auch das auf den Kopf stellen. Aber das ist schon einmal gescheitert. Angesichts der demographischen Entwicklung ist dieses eine Jahr der Frauen unbedeutend.

Anzeige

Beobachter: Die jetzigen Renten tasten Sie nicht an. Dabei sind die Alten heute oft vermögend, während junge Familien das Armutsrisiko tragen.
Gentinetta: Das Problem der Altersarmut ist gelöst. Die jetzigen Renten sind aber wohlerworbenes Recht. Sie sind nicht zu hoch, sie werden zu lang bezogen. Erhöht man das Pensionsalter nicht, wird die Generationensolidarität überstrapaziert.

Beobachter: Was soll denn ein 50-Jähriger sagen, der es heute schon schwer hat im Arbeitsmarkt?
Gentinetta: Das Arbeitsmarktproblem kann man nicht über die AHV lösen, auch nicht über die IV. Dafür gibt es die Arbeitslosenversicherung und die Fürsorge.

Beobachter: Trotzdem: Ihr System hängt davon ab, dass es Jobs für über 60-Jährige gibt.
Gentinetta: In Staaten, die das Rentenalter erhöhten, blieben die Leute länger beschäftigt. Und wir haben in einer Studie gezeigt, dass bald Arbeitskräfte fehlen und die Firmen sich um Ältere bemühen werden.

Anzeige

Beobachter: Das glaubt niemand.
Gentinetta: In der Schweiz gibt es wenig Arbeitslosigkeit im Alter. Im OECD-Vergleich sind über 55-Jährige sogar überdurchschnittlich arbeitstätig. Man soll nicht so tun, als könne ab 55 niemand mehr arbeiten.

Beobachter: Die Linke sieht Ihren Vorschlag als «unverschämten Angriff auf das Sozialsystem».
Gentinetta: Es ist umgekehrt ein Angriff aufs Sozialsystem, wenn man die AHV aushöhlt, indem man nichts tut.

Beobachter: Auch die Bürgerlichen winken ab. Für FDP-Präsident Fulvio Pelli ist Ihr Vorschlag «kein gangbarer Weg».
Gentinetta: Ich verstehe, dass Politiker ihre Wähler im Auge haben. Das Rentenalter ist eine heisse Kartoffel. Bei der IV mit 13 Milliarden Schulden reden die Politiker seit Jahren über Reformen. Das können sie bei der AHV vermeiden, wenn sie jetzt korrigieren. Schweden, Deutschland, Grossbritannien haben es getan, in den USA gilt schon lange Rentenalter 67.

Anzeige

Beobachter: CVP-Präsident Christophe Darbellay wirft Ihnen Salamitaktik vor.
Gentinetta: Die Reaktionen zeigen, dass die Politiker Angst haben vor der Debatte. Jungparteien in der Mitte bemühen sich jedoch um die AHV. Immer mehr jüngere Wähler wollen Lösungen. Drücken sich die grossen Parteien davor, ist das unverantwortlich.

Die Studie in Buchform: Katja Gentinetta, Christina Zenker: «Die AHV. Eine Vorsorge mit Alterungsblindheit»; NZZ-Verlag, 2009, 152 Seiten, 33 Franken.