Beobachter: Mit seiner AHV-Initiative steht der Gewerkschaftsbund total quer in der Landschaft.
Colette Nova: Im Gegenteil, wir liegen goldrichtig. Es braucht jetzt endlich eine Entlastung der älteren Arbeitnehmer. Viele von ihnen haben es nach wie vor nicht leicht.

Beobachter: Der Trend aber ist genau umgekehrt: Altersforscher bestätigen, dass der Gesundheitszustand der Pensionierten allgemein viel besser ist als noch vor 20 Jahren.
Nova: Schauen Sie, vom Durchschnitt hat man noch nicht gelebt. Es gibt grosse individuelle Unterschiede, und der Gesundheitszustand hängt stark davon ab, was für einen Beruf man ausübt. Nehmen Sie eine Krankenschwester, die 30 oder 40 Jahre lang Patienten halten, heben und umlagern muss. Viele machen sich so ihren Rücken kaputt.

Beobachter: Die Initiative ermöglicht aber nicht nur den Krankenschwestern, sondern rund 90 Prozent der Arbeitnehmenden eine Pensionierung ohne Rentenkürzung.
Nova: Das ist Theorie. In Wirklichkeit werden viel weniger von dieser Möglichkeit profitieren.

Beobachter: Das ist Ihre Annahme...
Nova: Von der AHV allein kann man ja nicht leben. Wer mit 62 in Rente geht, wird substantielle Kürzungen der Pensionskassenrente in Kauf nehmen müssen.

Beobachter: Das Bundesamt für Sozialversicherungen prognostiziert, dass die AHV schon mit dem aktuellen Rentenalter ab 2013 mehr ausgibt, als sie einnimmt.
Nova: Der Bundesrat hat schon vor Jahren erzählt, wie grauenhaft es der AHV ergehen werde. Vergleicht man seine Prognosen mit den aktuellen Zahlen, muss man zum Schluss kommen: Die bundesrätlichen Prognosen kann man ruhig schreddern. Wir haben zudem nie verheimlicht, dass unsere Initiative etwas kostet, nämlich 800 Millionen Franken jährlich. Umgerechnet: rund sechs Franken pro Monat und Beitragszahler.

Beobachter: Sie unterschlagen den entsprechenden Arbeitgeberanteil in gleicher Höhe. Ist es nicht unverantwortlich, jetzt, da eine Rezession droht, neue Ausgaben zu beschliessen?
Nova: Natürlich gibt es Phasen mit hohem und solche mit tiefem Wachstum. Deshalb muss man vom langjährigen Durchschnitt ausgehen. Unsere Wachstumsprognosen sind nicht übertrieben, sondern basieren auf der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten 15 Jahre.

Beobachter: Seit der Einführung der AHV hat die Lebenserwartung um fast 14 Jahre zugenommen. Warum nicht einen Teil der gewonnenen Lebenszeit der Arbeitszeit zuschlagen?
Nova: Wer heute länger als bis 65 arbeiten möchte, kann das bereits problemlos tun. Eine generelle Erhöhung des Rentenalters ist aber schlicht nicht notwendig, die AHV ist finanziell gesund. Ich bezweifle zudem, dass die nötigen Arbeitsplätze vorhanden wären. Seit Jahren sagen die Arbeitgeber, sie würden jetzt dann mehr ältere Leute einstellen. Geändert hat sich aber nichts.

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