Beobachter: Herr Daum, mit der 6. IV-Revision ­sollen 12500 IV-Bezüger in den Arbeitsmarkt zurückgeführt werden. Werden die Arbeitgeber diese Stellen anbieten?
Thomas Daum
: Die Arbeitgeber nehmen bereits heute ihre Verantwortung wahr, indem sie mit der Früherkennung im Unternehmen dafür sorgen, dass weniger Arbeitnehmende zu Invaliden werden. Das klappt be­reits recht gut, weil die finanzielle und die fachliche Unterstützung der Arbeitgeber seitens der IV ausgebaut wurden.

Beobachter: Der Arbeitgeber ist ja interessiert daran, dass sein Angestellter nicht zum IV-Fall wird. Nicht zuletzt, weil dieser sonst seine Pensionskasse belasten würde. Doch die Neueinstellung ehemaliger IV-Rentner ist etwas anderes. Ist es nicht illusorisch, dafür 12'500 Stellen zu finden?
Daum
: Es ist ein sportliches Ziel. Alle Beteiligten müssen lernen, mit Behinderungen um­zugehen. Es braucht viel Motivation, nicht nur von den Arbeitgebern, sondern auch seitens der Betroffenen. Zudem müssen die anderen Angestellten mitmachen. In der ganzen Bevölkerung muss das Bewusst­sein für die Integrationsaufgabe wach­sen, sonst bekommen wir das Problem nicht in den Griff.

Beobachter: Arbeitssuchende ehemalige IV-Bezüger stehen in Konkurrenz zu Arbeitslosen und Sozialhilfebezügern. Keiner wartet auf dem Arbeits­markt auf psychisch Beeinträchtigte oder körperlich Behinderte, schon gar nicht in einer Krise.
Daum: Bei der IV-Revision darf man sich nicht ­danach ausrichten, wie der Arbeitsmarkt aktuell aussieht. Wir müssen die Sanierung jetzt angehen, die Zeit drängt. Wir können ja davon ausgehen, dass der Arbeitsmarkt sich wieder erholen wird.

Beobachter: Was erwarten die Arbeitgeber für die Einstellung eines ehemaligen IV-Bezügers? Geld, Steuer­erleichterung?
Daum: Es ist sicher wichtig, das finanzielle Risiko einer solchen Anstellung zu vermindern. Aber Sie können noch so gute finanzielle Anreize geben; das nützt nichts, wenn der Arbeitgeber sich alleingelassen fühlt. In­valide wieder zu integrieren ist deutlich schwie­riger, als zu verhindern, dass Arbeitnehmende in die IV fallen. Der Arbeitgeber braucht bei Neuanstellungen gute fachliche Unterstützung, besonders bei psychisch angeschlagenen Personen. Wichtig sind eine gute Abklärung der Gebrechen und eine offene Kommunikation über Stärken und Schwächen des Betroffenen.

Beobachter: Die Sozialwerke haben teure Abklärungs- und Vermittlungs­bürokratien aufgebaut. Sie alle klopfen beim Arbeitgeber an, um Klienten unterzubringen. Müssten die Sozialwerke nicht ­zusammengelegt werden?
Daum: Das gäbe einen riesigen Verwaltungsapparat, der kaum zur Problemlösung beitragen würde. Es ist besser, die Koordination unter den Sozialwerken zu verbessern, als alle Fälle in einen Topf zu werfen. Dafür wurde die interinstitutionelle ­Zusammenarbeit (IIZ) geschaffen. Die Sozialwerke müssen sich noch besser absprechen, damit die Arbeitgeber nicht mehrmals zum selben Fall angegangen werden.

Beobachter: Geht es letztlich nicht darum, einfach eine Anzahl Leute aus den IV-Büchern herauszubringen auf die Gefahr hin, dass diese in der Arbeitslosigkeit oder bei der Sozialhilfe landen?
Daum: Nein, es geht auch um die Menschenwürde: Wenn es Menschen gibt, die ins Erwerbsleben zurückkehren könnten, und wir es ihnen nicht ermöglichen, dann ist dies unverantwortlich. Dort, wo wir eine Chance sehen, müssen wir die Re­integration versuchen. Dabei ist gemäss Revisionsentwurf eine Probezeit von zwei Jahren eingeplant. Klappt innerhalb dieser Zeit die Reintegration nicht, kehrt der Invalide wieder zurück in die IV.

Beobachter: Das tönt wie ein grosser Schulterschluss zwischen IV und ­Arbeit­gebern. Was, wenn das Ziel nicht erreicht wird? Müsste dann mit Druck, etwa mit einer Quote, gearbeitet werden?
Daum: Wir sind gegen Quoten. Diese verzerren den Arbeitsmarkt und führen nach den Erfahrungen im Ausland nicht zum ­Erfolg. Zudem müssten dann auch Arbeitgeber Invalide ­integrieren, die dies gar nicht können.

Beobachter: Man könnte es mit einem Bonus-Malus-System kombinieren.
Daum: Warum soll der Arbeitgeber, der keine Möglichkeit hat, Invalide zu integrieren, einen Malus zahlen und alle anderen Glieder der Gesellschaft nicht? Die IV ist eine Volksversicherung, die Invalidität kann jeden treffen. Es besteht kein Anlass, die Arbeitgeber allein in die Pflicht zu nehmen.

Beobachter: Es besteht auch keine Pflicht, dass die Arbeitgeber 12'500 ehe­malige IV-Rentner anstellen. Alle von uns befragten Unternehmen ­sehen sich dazu derzeit nicht in der Lage. Unsere Prognose: Diese Stellen wird es nicht geben.
Daum: Ich glaube, man unterschätzt die Arbeitgeber. Sie wollen ­etwas tun, aber in dem Rahmen, in dem sie effektiv etwas tun können.

Beobachter: Gibt es Alternativszenarien, falls die Wiedereingliederung nicht im gewünschten Ausmass klappt?
Daum: Wir haben keinen Plan B. Wir müssen alles versuchen, die laufende 5. und die anstehende 6. Revision zum Erfolg zu ­bringen, und die Zahl der Rentenfälle verkleinern.