Als Sandro im letzten Jahr in der Tagesschule die Klasse wechseln muss, eskaliert die Situation: Der 14-jährige autistische Junge kommt mit dem Wechsel nicht zurecht. Er beginnt, sich selbst Verletzungen zuzufügen. Während Wochen hat er Gewaltausbrüche, schlägt um sich, reisst Klassenkameraden an den Haaren. «Eine Lehrerin biss er in die Brüste und verletzte sie schwer», sagt Inge Reuter, Leiterin der Tagesschule, die von der Stiftung «Kind und Autismus» getragen wird.

«Sandro ist ein aufgeschlossener Junge. Aber kleinste Unregelmässigkeiten im Tagesablauf können ihn aus der Fassung bringen», sagt seine Mutter Eveline Zimmerli aus Volketswil ZH. Auch sie muss sich mit Bisswunden und Prellungen in ärztliche Pflege begeben.

Eines Tages schlägt er sie derart stark mit den Fäusten auf den Kopf, dass sie beinahe das Bewusstsein verliert. Das unberechenbare Verhalten des Jungen ist für die Mutter und selbst für die mit autistischen Kindern erfahrene Schule gefährlich geworden und nicht mehr tragbar: Zu diesem Schluss kommen Ende letzten Jahres der Hausarzt, die Schulleitung sowie der Autismus-Spezialist Ronnie Gundelfinger vom Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich. «Es galt, schnell zu reagieren», sagt Gundelfinger, der Sandro seit sieben Jahren kennt.

Spendengelder angezapft
Mit vereinten Kräften suchen die Beteiligten für Sandro nach einem geeigneten Platz in einem spezialisierten Heim oder einer Klinik. Doch alle sagen ab. In eine psychiatrische Klinik wegschliessen will Gundelfinger den Jungen nicht - und ihn auch nicht mit einer weiteren Erhöhung der Medikamentendosis ruhigstellen. Er entscheidet sich deshalb, den Jungen in die Klinik St. Lukas im deutschen Meckenbeuren am Bodensee einzuweisen. Das Krankenhaus kann Sandro kurzfristig aufnehmen, verfügt über eine eigene Station für autistische Jugendliche und hat ein sozialtherapeutisches Heim angegliedert.

Doch die Invalidenversicherung lehnt die Übernahme der Kosten ab. «Voraussetzung für die Bezahlung einer Behandlung im Ausland ist, dass in der Schweiz bereits erfolglos eine stationäre Therapie durchgeführt worden ist», so Urs Mattenberger von der IV-Stelle Zürich. Für eine Behandlung in der Schweiz sei genügend Zeit vorhanden gewesen. «Medizinische Massnahmen im Ausland übernehmen wir bei Notfällen oder wenn sie wegen ihrer Besonderheit in der Schweiz nicht durchgeführt werden können.»

Ein absurder Entscheid, ärgert sich Autismus-Spezialist Gundelfinger, denn besagte Besonderheit sei klar gegeben. «Zurzeit gibt es in der Schweiz keine Einrichtung, die geeignet wäre, geistig behinderte oder autistische Jugendliche in schweren psychischen Krisen zu behandeln.»

Ende März ist Sandro von der St.-Lukas-Klinik zurückgekehrt. Eveline Zimmerli ist erleichtert: «Es geht ihm viel besser.» Nach wie vor schlecht steht es um die finanzielle Situation. Die IV lehnt die Übernahme der Kosten von rund 24'000 Franken weiterhin ab. Weil die Mutter das Geld selbst nicht aufbringen kann, greift ihr die Stiftung «Kind und Autismus» unter die Arme. «Ausnahmsweise», wie Geschäftsleiter Reto Schaffer sagt. «Wir müssen jetzt Spendengelder anzapfen, die eigentlich für die Schule reserviert sind.» Dies sei eine untragbare Situation, sagt Ronnie Gundelfinger. «Die IV muss zweifellos sparen. Die Diskussion um Scheininvalide und der Kostendruck dürfen aber nicht dazu führen, dass sinnvolle Hilfe wie bei Sandro ausbleibt und echte Betroffene leiden und ihrem Schicksal überlassen werden.»

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