Manch ein Chefposten ist begehrenswert, jener von Stefan Ritler nicht unbedingt. Im Mai steigt der heutige Präsident der IV-Stellen-Konferenz zum Leiter der Invalidenversicherung beim Bund auf und muss das hochdefizitäre Sozialwerk sanieren. Das geht nur, wenn sich genügend Arbeitgeber finden, die Jobs für Personen mit Handicap bieten. Eine herkulische Aufgabe.

Oder etwa doch nicht? Vor kurzem verblüffte der designierte IV-Chef die Öffentlichkeit mit der Aussage, «950'00 Unternehmen wären bereit, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen zu beschäftigen» – zusätzlich zu jenen 21'000, die das heute bereits tun. Ein frappanter Kontrast zur weitverbreiteten Erkenntnis, dass Arbeitgeber lieber nur voll Leistungsfähige anstellen.

Die beeindruckende Zahl sei eine Hochrechnung aus einer Studie des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV), erklärt Stefan Ritler. Jene Untersuchung liegt seit 2004 gut versteckt im elektronischen Archiv des BSV und basiert auf einer Befragung von 1622 Betrieben. 31 Prozent davon kreuzten an, sie seien offen für die Beschäftigung von Leistungs­eingeschränkten. Übertragen auf die gesamte Schweizer Unternehmenslandschaft, ergibt das die knapp 100'000 Firmen. Tatsächlich ist nicht einmal ein Prozent der Stellen im ersten Arbeitsmarkt durch Behinderte besetzt.

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Auf Nachfrage traut Stefan Ritler seiner gewagten Potentialabschätzung selber nicht ganz und spricht von «vagen Absichtserklärungen». «Damit daraus kon­kretes Handeln wird, müssen die IV-Stellen weiter Klinken putzen», sagt der 51-Jährige. Das bedeutet: all jene 95'000 vermutlich integrationswilligen Betriebe aufspüren und dort Nischen mit Einsatzmöglichkeiten für Personen mit körperlicher oder psychischer Behinderung finden. «Wir müssen auf die Piste – und noch ein Brikett drauflegen», so Ritler. Was er auch sagen könnte: Die Aufgabe, die auf die IV unter seiner Führung wartet, ist sehr wohl herkulisch.