Es klingt einleuchtend: Wenn Menschen, die von Invalidität bedroht sind, früh erfasst und kompetent betreut werden, kann ihr Abgleiten zum IV-Rentenfall verhindert werden. Eine bewegliche, mit anderen Institutionen gut verzahnte Invalidenversicherung soll bewerkstelligen, dass die Betroffenen im Arbeitsprozess verbleiben – niemand würde diesem Leitmotiv der 5. IV-Revision widersprechen.

Auch Stephan Müller von Procap, dem Schweizerischen Invalidenverband, tut das nicht. Doch er zweifelt daran, dass die anstehende Revision das selig machende Zaubermittel ist. «Viele der im Reformpaket geplanten Massnahmen wären heute schon möglich», sagt der Anwalt, der täglich mit IV-Fällen zu tun hat. «Das Problem liegt nicht nur bei den gesetzlichen Grundlagen, sondern bei der Überlastung und Überforderung der IV-Stellen und beim Spardruck, der auf der IV lastet.» Heute messe sich deren Erfolg vor allem daran, die Leistungen möglichst tief zu halten, so Müller. Doch um den Betroffenen wirklich zu helfen, brauche es statt einer Gesetzesrevision eine Änderung dieser Mentalität.

Fall Dettli: Aus dem Arbeitsprozess gedrängt
Ein Beispiel: Gaudenz Dettli ist ein Schaffer. Einer, der die Dinge gern in die eigenen Hände nimmt. Seit 1987 führt er seinen eigenen Gärtnereibetrieb in Meltingen SO. Noch – denn geht es nach der IV-Stelle, soll er den Laden dichtmachen und wieder die Schulbank drücken. Entsprechend frustriert ist der dreifache Familienvater. Er fühlt sich rundum im Stich gelassen.

Seit 2001 leidet Dettli unter massiven Rückenschmerzen, doch er hat die Zähne zusammengebissen und die Arbeit rund um die Beschwerden organisiert. Anfang 2003 liess er sich mehrmals die Nerven veröden und stellte eine Hilfskraft ein. Ende Jahr war klar: Wenn er so weitermacht, droht das körperliche Aus. Der ungelernte Helfer entlastet den Gärtnermeister, Facharbeiten kann er jedoch nicht ausführen. Auf ärztlichen Rat meldete sich Dettli bei der IV an. «Das ging an den Stolz», sagt er, «aber ich brauchte Hilfe.»

Anderthalb Jahre herrschte Funkstille. Auch die private Vorsorgeversicherung des Gärtners liess mit den Leistungen auf sich warten: 17 Monate lang sah Dettli keinen Rappen. Also schuftete er weiter – trotz Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit. «Was hätte ich tun sollen? Mein Beruf ist unsere Existenz.» Erst im Mai 2005 klopfte ein Mitarbeiter der IV-Stelle an die Tür. Das Ergebnis der Abklärungen, auf das Dettli nochmals rund fünf Monate warten musste, ist für ihn ein Schlag ins Gesicht: Weil die beiden letzten Jahre trotz Dettlis Arbeitsunfähigkeit hohen Betriebsgewinn abgeworfen hätten und der Gärtnermeister damit gezeigt habe, dass er «mit Therapien und durch den Einsatz von Maschinen seine Arbeitskraft zumutbar einsetzen kann», bescheinigt ihm die IV einen Invaliditätsgrad von 24 Prozent. Zu wenig für eine Teilrente, die eine invaliditätsbedingte Erwerbseinbusse von mindestens 40 Prozent voraussetzt. Zu wenig auch für einen Leistungsanspruch aus der privaten Absicherung, die erst ab 25 Prozent zahlt. Dettlis bittere Bilanz: «Jetzt werde ich dafür bestraft, dass ich gekrüppelt und meine Gesundheit zusätzlich geschädigt habe, weil ich es mir nicht leisten konnte, auf die Entscheide der Herrschaften zu warten.»

Nicht erst im Vorfeld der 5. IV-Revision wird in der öffentlichen Diskussion die Möglichkeit der Teilerwerbstätigkeit propagiert, um zu verhindern, dass Menschen mit Einschränkungen ganz aus dem Erwerbsleben herausgerissen werden und sich später wieder mühsam integrieren müssen. Im Fall Dettli sah die IV-Stelle diese Notwendigkeit nicht. Stattdessen soll der Gärtnermeister eine kaufmännische Umschulung absolvieren und sich um eine Bürostelle in einer Gartenbaufirma bewerben. Zumutbar sei diese Massnahme, argumentiert die IV, da er auf dem freien Arbeitsmarkt «medizinisch-theoretisch voll vermittlungs- und arbeitsfähig» sei. Gaudenz Dettli ist 47 Jahre alt, gesundheitlich beeinträchtigt und seit 18 Jahren sein eigener Chef – realistische Chancen auf eine neue Stelle hat er kaum. «Ich wollte nicht arbeitslos werden, sondern eine Kapitalhilfe, um den Betrieb weiterführen zu können», wettert er. «Als Sozialfall nütze ich der Wirtschaft nichts. Wenn ich so weitermache, ende ich sowieso als IV-Rentner.»

Dettlis Geschichte zeigt, woran das IV-System krankt: «Wer Menschen im Erwerbsleben halten und damit langfristig Kosten sparen will, müsste für sinnvolle individuelle Massnahmen kurzfristig auch Mehrkosten in Kauf nehmen», ist Stephan Müller von Procap überzeugt. Dazu gehört für ihn auch die Investition in Ressourcen und Fachwissen. Die an sich begrüssenswerten Aspekte der IV-Revision könnten nur greifen, wenn das Personal der IV-Stellen massiv verstärkt werde. «Sonst bleiben am Ende nur die Verschärfungen.»

Die Vorlage des Bundesrats sieht zusätzliche 240 Stellen vor, um die neuen Aufgaben in der Früherfassung und -intervention zu bewältigen. Für Andreas Dummermuth, Präsident der IV-Stellen-Konferenz, gerade ausreichend: «Das ist die Grundvoraussetzung, um die hohen Ziele zu erreichen.» Gegen den Vorwurf des Invalidenverbands, träge und unflexibel zu sein, wehrt sich Dummermuth heftig: «Im Vergleich zu allen anderen Sozialversicherungszweigen hat die IV eine sehr flache Organisation. Das ermöglicht ein schnelles und resultatorientiertes Handeln zwischen Gesetzgebung und konkreter Umsetzung.»

Fall Raemy: Wiedereingliederung verunmöglicht
Das erlebt Brigitte Raemy ganz anders. Die Kindergärtnerin aus Rudolfstetten AG kämpft seit über einem Jahr um eine Umschulung – getreu dem IV-Credo «Eingliederung statt Rente». Gern hätte die 29-Jährige ihre Stelle behalten, doch Spätfolgen eines Zeckenbisses (Lyme-Borreliose) machten ihr einen Strich durch die Rechnung. Die Symptome ihres Leidens – chronische Muskel- und Gelenkschmerzen, Müdigkeit, Weichteilrheuma, wiederkehrende Infektionen – nahmen im bakterienträchtigen Umfeld der Kinder massiv zu.

Mehr als ein Jahr war Raemy arbeitsunfähig. Seither unterzieht sie sich konsequent einer ambulanten Behandlung. Wie ihre Ärzte bestätigen, ist die Arbeit als Kindergärtnerin weder der Patientin noch den Kindern des Kindergartens zuzumuten. Grund genug für den Arbeitgeber, der jungen Frau im August 2005 zu kündigen. Jetzt ist sie arbeitslos, fürchtet, Sozialhilfe beantragen zu müssen. Ihre finanziellen Reserven sind durch Lohneinbussen und Klinikrechnungen erschöpft, weder Krankenversicherung noch IV fühlen sich für sie zuständig. Letztere widerspricht Raemys Ärzten. Es liege keine invaliditätsbegründende Arbeitsunfähigkeit vor, schmettert die IV eine Einsprache nach der andern ab, ergo gebe es keine Leistungen. Da sich Raemy auf dem Weg der Besserung befinde, sei es ihr zuzumuten, eine neue angemessene Stelle zu suchen. Das versucht die 29-Jährige, doch selbst die Beraterin der regionalen Arbeitsvermittlung gesteht: Ohne spezifische Qualifikation in einem anderen Beruf sei die Chance gering.

Aufgeben will Brigitte Raemy nicht, zu stark treibt sie der Wunsch an, wieder unabhängig zu sein. Kürzlich schloss sie Kurse in Reflexzonentherapie und kosmetischer Fusspflege ab. «Ich versuche, mir eine neue berufliche Basis zu schaffen», sagt sie. Auch die Verbindung zu einem möglichen Auftraggeber im Kurbereich ist geknüpft. «Was mir fehlt, ist eine Umschulung oder eine Teilrente, um eine entsprechende Ausbildung finanzieren zu können.» Ihre Hoffnung liegt nun auf dem Entscheid des Versicherungsgerichts. Bleibt sie auch hier erfolglos, ist Raemy mit ihrem Latein am Ende. «Diese Situation raubt meine ganzen Kräfte», sagt sie frustriert. «Für die Behörden ist man bloss ein Fall, jeder denkt nur im gesteckten Rahmen.»

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Fall Merignac: Frühintervention verpasst
Auch bei Vincent Merignac steht ein Postulat auf dem Prüfstand, das im Rahmen der IV-Revision Urständ feiert, im Grunde aber ein altes Anliegen ist: früh reagieren, um Schlimmeres zu verhindern. Merignac entlockt das Schlagwort «Frühintervention» nur ein müdes Lächeln.

Ein frühes Eingreifen der IV-Stelle hätte sich der Grenzgänger aus dem französischen Oltingue gewünscht. Vieles wäre ihm wohl erspart geblieben. Der jahrelange Kampf um Unterstützung hat ihn finanziell in den Ruin getrieben und psychisch demoliert. Ein Arbeitsunfall im Jahr 2001, als der Bauarbeiter eine Diskushernie davontrug, gab den Startschuss. Klinik, Operation, Rehabilitation, zurück zur Arbeit, nach drei Wochen ein Rückfall, der zur 100-prozentigen Arbeitsunfähigkeit führte: dreifacher Bandscheibenvorfall. 2002 meldete ihn der Arbeitgeber bei der IV an. Abklärungen zwischen der Schweiz und Frankreich, zwischen den Versicherungen dort und der IV-Stelle hier, verkomplizierten den Fall. Zahlen wollte niemand, die Abklärungen zogen sich hin. Der 36-Jährige verlor seine Wohnung und die Anstellung – der soziale Abstieg war die Folge.

Im Januar 2004 lag schliesslich ein Gutachten des Basler Kantonsspitals vor, das dringend einen stationären Rehabilitationsaufenthalt mit beruflichen Massnahmen empfahl. «Ich hätte mit Hilfe der Therapie sogar zu 50 Prozent wieder beruflich einsteigen dürfen und bestimmt bald Vollzeit gearbeitet», erzählt Merignac bitter. Es dauerte aber ein volles Jahr, bis sich die IV für eine Untersuchung durch ihren regionalen ärztlichen Dienst entschied. Dieser bestätigte die Diagnose und räumte ein, dass Merignacs Arbeitsunfähigkeit mangels Therapie bedeutend zugenommen habe und chronisch geworden sei.

Vor kurzem erhielt der junge Mann Bescheid, dass er nun mit einer vollen IV-Rente rechnen könne. Eine gute Nachricht ist das für Vincent Merignac nur bedingt: Wenn er wählen könnte, würde er schon morgen wieder zu arbeiten beginnen, sagt er. Stattdessen reiht er sich ein in die IV-Statistik der verpassten Chancen.

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