Beobachter: Sind IV-Rentner faul?
Yves Rossier: Pauschale Behauptungen sind immer dumm, und diese ist wohl die dümmste.

Beobachter: Uns fällt auf: Geht es um die Invalidenversicherung (IV), schwingt eines immer mit: ein Generalverdacht gegenüber IV-Rentnern.
Rossier: Lange Zeit hat man auch Leuten eine IV-Rente zugesprochen, wo man besser etwas Schlaueres gemacht hätte. Das stimmt. Die Aussicht auf eine Rente hat etwas Erlösendes für den Betroffenen. Es ist rational, dass man eine solche anstrebt. Somit ist die IV über Jahre zur Rentenverwaltungsanstalt geworden - statt zur Eingliederungsversicherung, die sie sein sollte. Das soll mit der 5. IV-Revision ändern, über die wir im Juni abstimmen.

Beobachter: Sie wollen der IV den Hahn zudrehen, damit die Leute gezwungen sind, Arbeit zu suchen?
Rossier: Die IV muss sparen. Wo es Aussicht auf eine Eingliederung gibt, soll eingegliedert werden, statt wie bisher eine Rente zu sprechen.

Beobachter: Und bei wie vielen Fällen soll das so sein?
Rossier: Überall, wo es möglich ist, also 2000 bis 3000 Fälle pro Jahr. Jede erfolgreiche Eingliederung ist ein kleiner Sieg.

Beobachter: Integration vor Rente - das klingt schön, aber das will man schon seit zehn Jahren. Mit wenig Erfolg. Wieso soll es nun gelingen?
Rossier: Nein, bisher hat man wenig unternommen, um die Leute im Beruf zu behalten. Man machte zwar berufliche Umschulungen, zum Beispiel für einen Pianisten, der zwei Finger verloren hatte. Jetzt haben wir es mit ganz anderen Situationen zu tun, wie dem Gymnasiallehrer mit Burn-out: Statt abzuwarten, bis der den Arbeitsplatz verliert, soll die IV sofort intervenieren dürfen, damit er seine Arbeit behalten kann.

Beobachter: Wer soll das tun: ein Heer von IV-Beamten?
Rossier: Natürlich brauchen die IV-Stellen mehr Leute. Das können auch private Organisationen sein wie «Profil» in der Deutschschweiz oder «Intégration pour tous» in der Romandie. Die 5. IV-Revision würde total 500 Millionen dafür bereitstellen.

Beobachter: Alle Leiden, die man nicht objektiv beweisen kann, würden künftig gestrichen, warnen Kritiker. Zum Beispiel das Schleudertrauma.
Rossier: Stimmt. Aber soll man eine lebenslange Rente sprechen nur aufgrund einer subjektiven Einschätzung des Patienten? Bei einem Jungrentner können das bis ins Alter 1,5 Millionen Franken sein. Im Übrigen: Eine IV-Rente lindert Ihre Leiden keineswegs, es kann sogar sein, dass Sie weniger leiden, wenn Sie arbeiten, als wenn Sie zu Hause sind.

Beobachter: Ein weiteres Schlagwort heisst Früherkennung. Bedeutet das, dass künftig Arbeitskollegen einen denunzieren, wenn man sich depressiv verhält? Oder länger als eine Woche krank ist?
Rossier: Nein, nur ganz wenige, wie der Arbeitgeber, der Arzt oder der Betroffene selbst, können sich an die IV wenden. Natürlich gibts das Risiko, dass überreagiert wird. Aber mir ist es lieber als der heutige Zustand, wo gar nichts geschieht. Heute dauert es bis zu eineinhalb Jahre, bis die IV zum Zug kommt.

Beobachter: Wenn Sie jemandem sagen: «Du bist vielleicht krank, wir müssen verhindern, dass du ein IV-Fall wirst», fühlt der sich doch erst recht krank.
Rossier: Es geht darum, dass jemand nicht invalidisiert wird, dass man präventiv interveniert, wie die Suva es macht - und mit gutem Erfolg. Fest steht: Heute kommen die Leute viel zu spät zur IV. Sehen Sie mein Stehpult und meinen komischen Stuhl? Ich leide seit zehn Jahren an einer doppelten Diskushernie. Seit ich die Möbel habe, war ich nie mehr beim Chiropraktiker. Ich wäre froh gewesen, die IV hätte mir vor zehn Jahren gesagt, dass ein Stehpult etwas bringt.

Beobachter: Wer muss aktiv werden? Der Arbeitgeber?
Rossier: Er muss nicht, er kann. Und der Arzt kann es auch. Neu ist einfach, dass die IV ihre Dienstleistungen schon anbietet, bevor jemand den Stempel «invalid» hat. Ideal wäre es, wir könnten künftig sechs Monate nach der ersten Kontaktaufnahme einen Fall abschliessen und die Person in die Arbeitswelt eingliedern.

Beobachter: Eingliederung klingt gut. Aber woher nehmen Sie Ihren Optimismus, dass man für Invalide, die ihre Stelle verloren haben, Arbeitsplätze findet?
Rossier: In der Arbeitsvermittlung haben wir heute schon eine Erfolgsquote von über 30 Prozent. Diesen Tatbeweis erbringen die IV-Stellen täglich. Es gibt IV-Stellen, die mehr Arbeitsplätze anbieten, als nachgefragt werden. Wallis oder Luzern zum Beispiel.

Beobachter: Dürfen wir Ihre Telefonnummer abdrucken, damit jemand, der schon monate- oder jahrelang sucht, sich bei Ihnen melden kann?
Rossier: Wenn die 5. IV-Revision in Kraft ist, ja.

Beobachter: Aber wieso soll ein Arbeitgeber sozial denken und, wenn er die Wahl hat, den Handicapierten und nicht den Gesunden einstellen?
Rossier: Sie werfen mit Schlagwörtern um sich. Es geht ja nicht darum, alle Leute einzugliedern und aus der Schweiz ein Arbeitslager zu machen, sondern bei denen, wo es eine Eingliederungschance gibt, diese Chance auch zu nutzen. Deshalb wollen wir ja diese IV-Revision, damit die Leute gar nicht erst die Stelle verlieren oder, wenn es dazu kommt, schnell wiedereingegliedert werden. Heute sind der IV die Hände gebunden. Heute darf sie noch nicht die Lohnkosten für sechs Monate übernehmen, wie das im neuen Gesetz vorgesehen ist. Heute kann sie noch nicht den Arbeitsplatz neu einrichten, weil der Mann oder die Frau noch nicht den offiziellen Stempel «invalid» hat. Also haben wir eine Wahl: Entweder jammern wir, dass alles ohnehin keinen Sinn macht, oder wir versuchen, alles daranzusetzen, dass nicht immer mehr Leute aus der Arbeitswelt ausgeschlossen werden.

Beobachter: Ein Vorschlag: Warum schreibt Ihr Bundesamt bei Stellenausschreibungen künftig nicht, dass bei Bewerbern mit gleicher Qualifikation Behinderte oder Handicapierte bevorzugt werden, und geht mit gutem Beispiel voran?
Rossier: Meinen Sie das im Ernst? In der Tat aber ziehe ich einen Behinderten bei gleicher Qualifikation vor, aber die Erfahrung zeigt, dass solche Stellenausschreibungen nichts bringen.

Beobachter: Aber Sie habens doch gar nicht versucht.
Rossier: Doch, das wurde im Ausland x-mal versucht, gebracht hat es nichts. Ein Bevorzugungssystem funktioniert nur, wenn der Kreis der Begünstigten klar definierbar ist. Zum Beispiel Frauen, da ist die Definition klar, ausser Boy George würde sich bewerben. Aber «Kranke» oder «Invalide» - das ist zu ungenau.

Beobachter: Probieren Sies doch aus.
Rossier: Vergessen Sie es: Österreich hats versucht mit Quoten. Am Tag der Einführung stieg die Anzahl Behinderter in Unternehmen wie verrückt, weil man sich alle Angestellten mit einem Gesundheitsproblem aussuchte und die meldete.

Beobachter: Was passiert, wenn die IV-Revision im Juni vom Volk abgelehnt wird?
Rossier: Für die Betroffenen wäre es eine Katastrophe. Dann läuft es so weiter wie bisher: Die IV wird strenger und sagt öfter Nein. Dann steigen Defizit und Schulden weiter, und die IV wird in ihrer Existenz bedroht.

Beobachter: Warum hat man mit der Sanierung so lange gewartet?
Rossier: Ehrlich gesagt, ist es mir ein Rätsel. Noch bei der Behandlung der 4. IV-Revision, ich arbeitete damals unter Bundesrat Delamuraz, waren die IV-Kosten überhaupt kein Thema.

Beobachter: Warum haben wir immer mehr Invalide?
Rossier: Weil die Definition von Gesundheit immer breiter wird. Denn um invalid zu werden, müssen Sie erst krank sein. Und wenn es mehr Kranke gibt, gibt es logischerweise immer mehr Invalide. Wissen Sie, wie die Weltgesundheitsorganisation Gesundheit definiert? «Die Gesundheit ist ein Gefühl des Wohlbefindens auf physischer, psychischer und sozialer Ebene.»

Beobachter: Wären wir gemäss dieser Definition nicht alle krank?
Rossier: Vermutlich. Ich war vor drei Jahren an einer Gesundheitskonferenz über psychische Krankheiten. Das Fazit der Ärzte war: 40 Prozent der Schweizer sind psychisch krank. Die waren sich alle einig. Und das Problem dieser 40 Prozent sei: Die wüssten nicht mal, dass sie krank sind, man müsse sie nur aufklären. Ich intervenierte und sagte: Genau das Gegenteil soll man tun - lernen, mit den eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten zu leben und nicht auf die Wunderpille oder die Wunderbehandlung zu hoffen. Die üblichen Sündenböcke - Ausländer, Beamte, Ärzte, Arbeitgeber - sind nicht das Problem. Wir alle sind das Problem. Die IV hält uns nur den Spiegel vor.

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Diplomat, Berater, Direktor
Yves Rossier, 46, ist seit 2004 Direktor des Bundesamts für Sozialversicherungen und damit auch zuständig für die Invalidenversicherung. Er ist verheiratet und Vater von fünf Kindern. Der Chefbeamte ist studierter Jurist, war kurz Diplomat, dann jahrelang wissenschaftlicher Berater der Bundesräte Delamuraz und Couchepin. Rossier ist FDP-Mitglied.

Erschwerter Zugang zur IV-Rente

Die Invalidenversicherung (IV) hängt in der Intensivstation am Tropf: Sie hat neun Milliarden Franken Schulden, und jedes Jahr kommt eine Milliarde dazu. Sie muss dringend saniert werden. Die vom Parlament verabschiedete 5. IV-Revision erschwert unter dem Motto «Arbeit geht vor» künftig den Zugang zur Rente: mit Früherkennung und Eingliederung. Gegner haben das Referendum ergriffen. Sie kritisieren, die Revision sei eine Sparvorlage auf dem Buckel der Invaliden. Das Volk stimmt am 17. Juni ab.