Beobachter: Anders als die Gewerkschaften rechnet der Bundesrat damit, dass die AHV 2013 in die roten Zahlen rutscht. Sind Sie zu optimistisch?
Paul Rechsteiner: Die Szenarien des Bundes sind immer zu pessimistisch gewesen. Die kumulierten Fehlprognosen der letzten Jahre belaufen sich auf 20 Milliarden: Statt sieben Milliarden im Minus hat die AHV Überschüsse von 13 Milliarden erzielt. Weil die AHV direkt mit Lohnbeiträgen gespeist wird, ist sie sehr solide finanziert.

Beobachter: Eine Neubeurteilung der AHV-Finanzen im Lichte des Konjunktureinbruchs ist unnötig?
Rechsteiner: Konjunkturschwächen schlagen immer erst mit einer Verzögerung auf die AHV durch. Wichtig ist vor allem, dass man jetzt die richtige Politik gegen die Krise macht und ein umfangreiches Konjunkturpaket aufgleist.

Beobachter: Mit den revidierten Finanzperspektiven hätte die AHV bei Annahme der Rentenalter-62-Initiative des Gewerkschaftsbundes von Beginn weg rote Zahlen geschrieben.
Rechsteiner: Das ist einmal mehr eine komplett verzerrte Darstellung. Die Fehlprognosen sind politisch gesteuert. Es werden rote Zahlen prognostiziert, weil Bundesrat Couchepin das Rentenalter heraufsetzen und die Leistungen abbauen möchte.

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Beobachter: Das klingt, als würden Sie einen Ausbau der Leistungen nach wie vor befürworten.
Rechsteiner: Ja. Gerade in schwierigen Zeiten braucht es eine leistungsfähige AHV als Grundversicherung. Der Bedarf nach besseren Renten ist da. Dies gilt umso mehr, weil die Renten der Pensionskassen sinken. Die AHV ist das leistungsfähigste Sozialwerk, wirtschaftlich wie sozial.

Beobachter: Warum sollen denn Ihre Prognostiker besser sein als jene des Bundes?
Rechsteiner: Unser Chefökonom Daniel Lampart rechnet mit den gleichen Voraussetzungen wie andere Konjunkturforschungsstellen, etwa jene der ETH. Im Unterschied zum Bund aber berücksichtigen diese Prognosen die reale gesamtwirtschaftliche Entwicklung, die seit der Gründung der AHV 1948 dafür gesorgt hat, dass die starke Zunahme der Lebenserwartung und der Zahl der Rentner problemlos finanziert werden konnte.

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