Die enge Einzimmerwohnung, die das Sozialamt Winterthur Jacqueline Weibel und ihrem Ehemann Stephan zur Verfügung stellt, ist spärlich eingerichtet. Sofa und Fernseher stehen dicht neben dem Doppelbett, nur die winzige Küche und die Toilette sind vom Wohnraum abgetrennt. «Doch für den Übergang tuts diese Wohnung allemal», sagt die Schaffhauserin Jacqueline Weibel.

Noch vor kurzer Zeit hauste sie und ihr Ehemann in einem Wohnwagen auf einem Campingplatz. Das Paar steckte in einer solchen Geldnot, dass es nicht einmal mehr die Platzmiete bezahlen konnte – obwohl Jacqueline Weibel seit über drei Jahren krank ist und längst Anspruch auf eine IV-Rente gehabt hätte. Doch die IV-Stelle des Kantons Schaffhausen liess sich Zeit. «Der Fall wurde offensichtlich verschlampt», konstatiert Andrea Mengis, Anwältin des Invalidenverbands.

Die IV-Stellen der Schweiz stehen unter Beschuss. Zahlreiche Krankgeschriebene ärgern sich über die unzumutbar langen Wartezeiten und beschweren sich über unzuverlässige Sachbearbeiter, die einzelne Fälle aufschieben oder gar vergessen.

«Erst auf Druck eines Anwalts wurde mir nach vier Jahren eine Rente zugesprochen», klagt Ruth Schwendener aus Horgen ZH. Angefangen hatte ihr Leiden mit einer Bandscheibenverletzung, die ihr das Arbeiten verunmöglichte. Die heute 50-Jährige verlor ihre Stelle und liess sich auf eigene Kosten umschulen, bis sie sich vor lauter Schmerzen nicht mehr bewegen konnte. «Bis entschieden wurde, ob ich Anspruch auf eine Rente habe, hatte ich schon fast kein Geld mehr», erzählt sie.

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Seit zehn Jahren keine IV-Rente
Peter Gürber aus Grünenmatt BE berichtet Ähnliches. Seit einem Arbeitsunfall vor zehn Jahren ist der 39-Jährige gehbehindert. «Ich muss von der Sozialhilfe leben, nur weil noch immer nicht geklärt wurde, auf wie viel Rente ich Anspruch habe», ärgert er sich.

Zurück zu Jacqueline Weibel. Die Mutter von zwei Töchtern gründete vor zehn Jahren in Schaffhausen ein Taxiunternehmen. Sie fuhr tagsüber, ihr Ehemann in der Nacht. Drei, vier Jahre lang lief das Geschäft einigermassen. Dann diagnostizierte der Arzt bei Jacqueline Weibel ein Augenleiden. Die Operation brachte keine Besserung; fortan durfte sie wegen der schlechten Augen nicht mehr fahren.

Im Dezember 1999 wandte sich die Frau an die IV-Stelle in Schaffhausen. Danach war Funkstille. Ihr Mann arbeitete in dieser Zeit weiterhin als Chauffeur, dennoch kam das Taxiunternehmen mehr und mehr ins Schleudern. Die Situation spitzte sich zu, und Jacqueline Weibel erkrankte an Depressionen.

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Ein Jahr später versuchte sie es erneut beim IV-Amt. «Man vertröstete mich, empfahl mir, mich in einem Monat noch einmal zu melden», erzählt sie. Das tat sie denn auch. Monat für Monat. Erfolglos.

«Wir waren in den letzten Jahren im personellen Notstand», sagt René Gisler, Abteilungsleiter der Invaliden-Versicherungen in Schaffhausen. «Zudem haben die Neuanmeldungen enorm zugenommen.» In Zukunft, hält er fest, werde so etwas nicht mehr passieren.

Für Jacqueline Weibel kommen solche Versprechungen zu spät. Die Frau erlitt wegen der unsicheren Situation einen Zusammenbruch, musste in die psychiatrische Klinik eingeliefert werden. Ihr Augenleiden war mittlerweile das kleinere Übel: Psychiater schrieben die Frau zu 100 Prozent krank. Kaum entlassen, wurde ihr die Wohnung gekündigt, weil sie das Geld für die Miete nicht mehr aufbringen konnte. Diesen Winter stand die Frau mit ihrer Familie auf der Strasse. Das Sozialamt Schaffhausen verweigerte eine Soforthilfe.

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Vorerst wurde ein Wohnwagen zum Heim des Ehepaars. Die beiden Mädchen, inzwischen 12- und 15-jährig, wurden in die Obhut des Exmanns gegeben. «Das schmerzte am meisten», sagt Jacqueline Weibel. Zwar überwies das Sozialamt Schaffhausen dem Paar seit März dieses Jahres monatlich rund tausend Franken. Doch das Geld reichte nirgendwo hin.

Erst als sich der Ehemann an die Sozialen Dienste von Winterthur wandte, gings wieder aufwärts. Es klappte mit einer Notwohnung, und kürzlich bekam Jacqueline Weibel – nach zweieinhalb Jahren! – die erste IV-Rente ausbezahlt. «Musste zuerst unsere Familie auseinander gerissen werden, bevor uns die IV-Behörden endlich helfen konnten?», fragt sich das Paar.

IV-Ärzte sind überlastet
Ob Schaffhausen, Zürich oder Bern: Da ist etwas faul im Sozialstaat Schweiz. Offiziell beträgt die gesetzliche Wartefrist der Invalidenversicherung, nach deren Ablauf ein Rentenanspruch entstehen kann, ein Jahr. Diese Zeit reicht, um festzustellen, ob die fraglichen Gesundheitsschäden vorübergehen oder andauern werden.

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Oft aber kümmern sich die Ämter erst nach Ablauf dieser Frist um die Gesuche, auch wenn es sinnvoller wäre, früher zu entscheiden: Invalide könnten schneller in die Arbeitswelt eingegliedert werden.

Als viel zu lange stuft Walter Ilg, IV-Fachmann beim Beobachter, Wartezeiten von über zwei Jahren ein: «Antragsteller müssen wissen, woran sie sind, damit sie sich mit ihrer gesundheitlichen und finanziellen Situation arrangieren können.»

Doch die überlasteten und unterdotierten IV-Stellen, bei denen häufig unqualifiziertes Personal arbeitet, sind ausserstande, rascher zu entscheiden. «Wir sind uns bewusst, dass die langen Wartezeiten ein Problem sind», sagt Harald Sohns, Pressesprecher des Bundesamts für Sozialversicherung. Einerseits gebe es immer mehr Neuanmeldungen, anderseits seien umfangreiche Abklärungen oft nötig.

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Damit beginnt der zeitraubende Prozess. Wenn ein Krankheitsfall nicht eindeutig ist, sind die Behörden auf einen unabhängigen Arztbericht angewiesen. Das ist bei körperlichen sowie bei psychischen Krankheiten, die immer häufiger auftreten, fast immer der Fall. «Ein von der IV zur Verfügung gestellter Arzt muss den Betroffenen erneut untersuchen», erklärt Sohns.

Da die von der IV beschäftigten Ärzte ebenfalls völlig überlastet sind, kann ein Termin nur schwierig vereinbart werden. Die Zürcherin Ruth Schwendener wartete elf Monate, bis sie den Arzt konsultieren konnte; selbst IV-Sachbearbeiter wissen zu berichten, dass es über zwei Jahre dauern kann, bis ein Termin zustande kommt.

«Verbesserungen sind im Gang», verspricht die Zürcher SP-Nationalrätin Christine Goll, Vizepräsidentin der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit. In Aarau wurde vor einem Jahr im Rahmen der vierten IV-Revision ein Pilotprojekt gestartet: Eine regionale ärztliche Dienststelle der IV beurteilt die Antragsteller. Dies soll die Wartezeiten verkürzen. Zudem plädiert Goll für eine stärkere Koordination auf Bundesebene: «Wirtschaftlich könnte viel verbessert werden, wenn Behinderte in den Arbeitsmarkt integriert werden könnten.» Ihre Vorschläge werden nun in der Herbstsession vom Ständerat behandelt. Bis dahin wird gewartet.

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