Dr. Helmut Schlütter (Name geändert) bezieht im Kanton Schwyz eine IV-Rente von 2150 Franken pro Monat. Weil die Sehkraft des 53-jährigen Bauingenieurs enorm eingeschränkt sei, «sind Sie in Ihrer angestammten Tätigkeit nicht mehr arbeitsfähig», schrieb die IV-Stelle Schwyz im vergangenen Juni und sprach ihm eine volle Rente zu, errechnet aus durchschnittlich 157'380 Franken Jahreseinkommen über die letzten 30 Jahre. Die Verfügung galt rückwirkend ab 1. September 2005.

Eine überraschende Entwicklung: Schlütter, Inhaber eines Ingenieurbüros in Luzern, war im Sommer 2004 dafür verantwortlich gemacht worden, dass sich im Parkhaus eines Fachmarkts in Emmen Monate vor der Eröffnung die Decken um bis zu 29 Zentimeter durchgebogen hatten. Die von Schlütter berechneten Decken seien zu dünn, so das Urteil der Fachleute. Die Sanierung kostete die Versicherungen über 19 Millionen Franken. In der Folge verlegte Schlütter seinen Firmensitz nach Murten, gab dem Unternehmen einen anderen Namen und gründete zudem in Zürich und Pfäffikon SZ neue Firmen mit mehreren Zweigstellen. Den Wohnsitz hatte er bereits früher gewechselt - von Luzern in den Kanton Schwyz.

Mit Zeugnis vom 1. September 2004 - gültig «bis auf weiteres» - hatte Schlütters Augenärztin den Ingenieur zu 100 Prozent arbeitsunfähig erklärt. Er bewarb sich danach dennoch unbeirrt um Aufträge und leitete anscheinend uneingeschränkt Bausitzungen. Allerdings war er lediglich noch via seine neuen Firmen tätig und nahm alles Kapital aus dem in den Schadensfall involvierten Büro heraus, so dass dort allfällige Entschädigungsforderungen ins Leere zielten.

Die ärztlich bescheinigten Probleme mit der Sehkraft hinderten Schlütter nicht daran, weiter Auto zu fahren. Zum konkreten Fall will sich die behandelnde Augenärztin mit Verweis aufs Berufsgeheimnis nicht äussern. Allgemein hält sie aber fest, dass jemand, der keine Pläne mehr lesen könne, nicht zwingend auch autofahruntüchtig sei: «Die Anforderungen an das Sehvermögen sind unterschiedlich.»

Die Sache mit der Schweigepflicht
Trotz seiner Sehschwäche hat Schlütter den Führerschein bis heute nicht abgeben müssen. Im letzten Sommer sei er «in Notfällen» letztmals gefahren, wenn sein Chauffeur, den er beschäftige, nicht abkömmlich gewesen sei und auch kein Taxi verfügbar war. Nun fahre er überhaupt nicht mehr, sagt Schlütter, «denn bei einem Unfall würde ich haften».

Bei der Schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) geht man davon aus, dass auf den Schweizer Strassen einige Schlütters unterwegs sind. Die IV-Stellen seien an eine Schweigepflicht gebunden und dürften solche Fälle gar nicht an die Strassenverkehrsämter melden, sagt BfU-Sprecherin Natalie Rüfenacht. «Deshalb können wir nur an die Eigenverantwortung der Betroffenen appellieren.»

Die IV-Stelle des Kantons Schwyz will den Fall Schlütter nicht kommentieren und beruft sich aufs Amtsgeheimnis. Man gehe bei der Abklärung von Ansprüchen jedoch sehr sorgfältig vor, sagt Richard Schleiss, Leiter Zentrale Dienste.

Der Betroffene selbst wehrt sich vehement gegen Vermutungen aus der Baubranche, seine Firmentransfers und seine Krankheit dienten ihm zur Flucht davor, für den Schaden in Emmen belangt zu werden. «Ich bin konstant in Behandlung», sagt Schlütter. Die nächsten Monate werde er in den USA verbringen, weil sein Augenleiden nur dort geheilt werden könne. Dass er trotz Arbeitsunfähigkeit weiter tätig gewesen ist, erklärt der Ingenieur damit, dass er seine Nachfolger in angefangene Projekte habe einführen müssen. «Ich konnte doch nicht einfach alles fallen lassen.»

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