Ja, der Alkoholkonsum hat sich verändert. Früher stiegen die Leute mit einem Bier ein und dann ziemlich schnell auf Longdrinks um. Heute wird viel mehr Bier konsumiert, wahrscheinlich weil es billiger ist.

Ich habe mein Geld zum Glück nicht in Aktien angelegt, das ist nichts für mich. Trotzdem muss ich mich ständig auf dem Laufenden halten, was an den Finanzmärkten so abgeht. Als Chef de Bar mitten im Zürcher Bankenviertel gehört das einfach zum Job. Schliesslich will ich mich ja mit den Gästen unterhalten können. Zu mehr als zwei oder drei Sätzen reicht es allerdings selten. Trotzdem kriegen wir die Finanzkrise hier im «Palavrion» voll mit. Sie ist zurzeit das Gesprächsthema Nummer eins bei unseren Gästen. Die sind im Durchschnitt zwischen 22 und 40, vielleicht 45 Jahre alt und arbeiten fast alle hier in der Nähe des Paradeplatzes in allen möglichen Banken: Kantonalbank, LGT, Julius Bär und natürlich bei den Grossbanken. Und nach Feierabend kommen sie zu uns.

Dass die Aktienkurse seit über einem Jahr fallen, hat sich lange Zeit nicht auf die Stimmung und den Umsatz ausgewirkt. Seit vergangenem Sommer aber merken wir, dass unseren Gästen das ständige Auf und Ab und die Unsicherheit um den Job an die Nieren gehen. Viele geben sich zwar noch cool, aber nervös sind fast alle. Klar gibt es immer noch Typen, die wirklich cool und optimistisch sind, dass es bald wieder aufwärtsgeht. Aber man sieht hier auch immer mehr Leute, die einen leeren Blick haben und buchstäblich in den Seilen hängen.

Die Krise kam nicht als Schockwelle
Viele Gäste kenne ich auch persönlich, schliesslich arbeite ich schon über zehn Jahre hier im «Palavrion». Mit vielen bin ich auch per du, und wenn ich Zeit habe, wechsle ich ein paar Worte mit ihnen, versuche, sie ein wenig abzulenken und aufzumuntern. Das ist mein Job, aber im Moment ist es extrem schwierig, die Leute auf andere Gedanken zu bringen. Früher oder später dreht sich fast jedes Gespräch hier um die Krise, da ist extrem viel Gesprächsstoff vorhanden; je später der Abend - und je höher der Alkoholpegel -, desto heftiger wird diskutiert. Wenn man dann als Barkeeper so zuhört, hat man oft den Eindruck, jeder wolle noch ein klein wenig besser wissen als sein Gegenüber, wie man einen Zusammenbruch des Finanzmarktes verhindern könnte.

Die Krise kam in der Bar nicht als Schockwelle an. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass am Tag, als in den USA die Bank Lehman Brothers zusammenbrach, hier Begräbnisstimmung geherrscht hätte. Es ist nicht einfach so, dass die Stimmung besser ist, wenn die Aktienkurse steigen, und schlechter, wenn sie fallen. Was tagsüber an den Finanzmärkten gelaufen ist, muss ich meist von den Gästen erfragen, so direkt wirkt sich das nicht auf die Stimmung hier aus. Eine Ausnahme war der 16. Oktober, als der Bundesrat das Rettungspaket für die UBS bekanntgab. Da herrschte wieder einmal richtig gute Stimmung, und auch der Umsatz war ziemlich gut.

Aber klar, wir spüren die Krise schon. Früher war der Laden manchmal schon um 17 Uhr gut gefüllt, aber im Moment scheinen die Leute länger zu arbeiten und kommen erst so gegen halb sieben. Die meisten gehen dann auch früher nach Hause als zu den Zeiten, als an der Börse noch alles rund lief. Und die Gäste, die zwei oder drei Mal pro Woche hier auftauchen, sind selten geworden. Die meisten kommen noch ein Mal.

Trotzdem haben wir das Lokal immer noch regelmässig voll, besonders donnerstags und freitags. Am Donnerstag haben wir hier eine Afterwork-Party, und am Freitag feiern die Leute den Beginn des Wochenendes. An diesen Abenden bedienen wir bis zu 1000 Gäste. Wir haben den Ruf, ein Halligalli-Laden zu sein, ein Ort, wo etwas los ist. Deshalb legt hier auch jeden Abend ein DJ auf. Meistens beginnt er mit eher ruhiger Musik, nicht gleich mit Partysound. Der kommt dann, wenn bereits etwas Alkohol geflossen ist. Da geht dann immer noch die Party ab, Krise hin oder her.

Die wilden Zeiten sind vorbei
Ich habe auch schon andere Zeiten erlebt hier in der Bar. Am wildesten ging es beim Börsenboom im Jahr 2000 zu und her. Da stiegen vielleicht Partys! Geld spielte damals für einige Leute überhaupt keine Rolle. Manchen konnte es nicht teuer genug sein, und einige versuchten, sich gegenseitig zu überbieten. Diese Exzesse gab es während der letzten Börsenhausse aber nicht mehr.

In den vergangenen Wochen habe ich auch schon den einen oder anderen Gast mit Dreitagebart gesehen - und das ist selten ein gutes Zeichen. Ich frage dann erst mal, ob der Rasierer kaputt sei, aber meistens bedeutet das etwas anderes: die Kündigung. Zum Glück sind die Rasierten noch deutlich in der Mehrzahl.

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