Beobachter: Weder die Devisenhändler der Grossbank UBS noch ihre Chefs lasen die Verhaltensregeln der Bank, stellte die Finanzmarktaufsicht Finma fest. Wie ist das möglich?
Jens O. Meissner: Sehr gut. Firmen müssen zwar sicherstellen, dass die Angestellten die Regeln gelesen haben. Aber in der Praxis muss man sich das so vorstellen: In meist netz­basierten Trainingsprogrammen muss man die Regeln durchlesen und am Ende anklicken: «Jawohl, verstanden.» Damit der Mitarbeiter schnell wieder operativ werden kann, klickt er gleich. Um das zu verhindern, müsste man die Regeln persönlich vermitteln, aber das kostet Zeit und somit Geld.

Beobachter: Ein UBS-Händler sagte, er sei dafür da, Geld zu machen, und nicht, sich um Richtlinien zu kümmern. Da stimmt doch etwas bei der Firmenkultur nicht?
Meissner: Es gibt die bekundete Kultur und die wirklich gelebte. Wenn es um viel Geld geht, der Produktivitätsdruck hoch ist und die Anreize ausgeprägt sind, driften die beiden Kulturen auseinander.

Beobachter: Die UBS war eine der Banken, die den welt­weiten Referenzzins manipulierten. Das Risikomanagement weise Mängel auf, stellte die Schweizer Bankenaufsicht damals fest. Hat die UBS nichts gelernt?
Meissner: Die UBS hat Milliarden zurückgestellt und ­einen Quartalsgewinn von 1,7 Milliarden Franken ausgewiesen. Eine Busse von 774 Millionen ist zwar nicht schön, aber zu verdauen. Die UBS sagt offen, es komme noch mehr auf sie zu. Das ist für das Risiko­mana­gement einer Bank normal. Man muss schnell reinen Tisch machen, um weiterarbeiten zu können. Die Strategie lautet sozusagen: «Nicht Musterschüler, aber Mustersünder».

Beobachter: Also wird es zu weiteren solchen Fällen kommen.
Meissner: Bei den meisten Banken ja. Grössere Dinge kommen ans Licht, kleinere werden anders gelöst oder kaum je bekannt.

Beobachter: Selbst interne UBS-Kontrollen und Whistle­blower stellten Fehlverhalten fest, sie wurden aber nicht ernst genommen.
Meissner: Dem Whistleblower muss man eine sehr hohe Priorität einräumen, vor allem, wenn die Dinge in Richtung Betrug laufen. Wenn das nicht gewährleistet wird, entsteht Unglaubwürdigkeit.

Beobachter: Sind die Chefs fein raus, wenn unten etwas passiert, weil die Informationen gar nicht mehr bis oben dringen?
Meissner: Ich meine, eine Tendenz in diese Richtung festzustellen. Da ist die Eigenverantwortung des Händlers, dann sein Vorgesetzter, der ihm über die Schulter schauen sollte, hinzu kommen interne, automatisierte Kontroll­systeme, dann gibt es das eigentliche Risiko­management und schliesslich die Abteilung Compliance zur Einhaltung der Regeln. Was von vorgelagerten Kontrollen nicht aufgefangen wird, landet in der Compliance-Ab­teilung, und für Rechts­­risiken bildet man Rückstellungen. Von da könnte die Sache ins Top-Mana­gement eskalieren, doch dieses verhindert das mit dem Erlassen von Verhaltensregeln. Dann kann man sagen, jeder habe über Umfang und Details seiner Aufgabe Kenntnis gehabt. Und wenn man nachweisen kann, dass man das gegen unten kommuniziert hat, ist die oberste Managementstufe von den gröbsten Vorwürfen entlastet.

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Beobachter: Hat auch das Management den Profit über die Regeln gesetzt?
Meissner: Alle Firmen wollen Gewinn erzielen. Wenn bei den Mitarbeitern ein Zweifel besteht, ob man die Regeln einhalten oder Gewinn machen soll, wird man sich wegen der Anreize eher fürs Gewinnmachen entscheiden.

Beobachter: Dann sind schöne Leitbilder wertlos, und man muss bei den Anreizen ansetzen – bei den Boni.
Meissner: Auf jeden Fall sollte man auf die Anreize achten. Je grösser der Hebel bei den Boni ist – bei UBS-Händlern ein x-Faches des Fixlohns –, desto eher kommt dieses Verhalten vor.

Beobachter: Die UBS will die Boni von fehlbaren Händlern zurück. Ist das nicht scheinheilig, nachdem man sie mit hohen Boni zu ihren Taten verleitet hat?
Meissner: Das passt in unsere Welt. Man verhält sich als Firma zwar als Mustersünder, die Verantwortung aber wird auf die Einzelnen abgeschoben. Man könnte das scheinheilig nennen.

Jens O. Meissner ist Professor an der Hochschule Luzern und Spezialist für Risiko- Management und Unternehmensorganisation.

Quelle: Thinkstock Kollektion