Informatiker Hansruedi Jung aus Zürich handelte so wie Tausende anderer Schweizerinnen und Schweizer auch: Einen Tag nach dem Grounding der Swissair löste er seine Konten bei der UBS auf. Er schrieb seiner Bank: «Der Schaden, den Sie mit Ihrer Aktion angerichtet haben, ist immens. Nicht nur gegenüber der Swissair, deren Mitarbeitern und Kunden, sondern auch gegenüber der Schweizer Wirtschaft und unserem Sozialstaat. Sie gefährden damit den sozialen Frieden in unserem Land.» Deutliche Worte eines verärgerten und enttäuschten Bürgers.

Laut Schätzungen von Experten zogen aufgebrachte Kundinnen und Kunden in den letzten Wochen bei UBS und CS mehrere hundert Millionen Franken von ihren Konten ab. Bei den beiden Grossbanken will dazu niemand Stellung nehmen. UBS-Pressesprecherin Larissa Alghisi: «Die Reaktionen unserer Kunden waren in den ersten Tagen sehr emotional. Die Stimmung hat sich aber schon wieder etwas beruhigt.» Ihr Berufskollege Paul Rimmer von der CS mag noch weniger verraten: «Wir stellten einige Kontosaldierungen fest.»

Ganz anders tönt es von Seiten der Kleinbanken. Sie profitieren immer dann, wenn die Grossbanken Negativ-Schlagzeilen machen. So auch die Alternative Bank ABS in Olten: Sie setzt sich für eine ökologischere und sozialere Schweiz ein. Und wie nach der Fusion von Bankgesellschaft und Bankverein wechselten auch diesmal viele Kunden zur ABS. «Oft war der Ansturm fast zu gross», sagt ABS-Direktor Felix Bührer.

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Ähnlich äussert sich auch Pius Schärli vom Verband der Schweizer Raiffeisenbanken. Besonders bei den Geschäftsstellen im Grossraum Zürich sei der Andrang erzürnter Grossbankkunden massiv gewesen. Vor den Filialen in Kloten und Winterthur habe es teilweise lange Warteschlangen gegeben.

«Manche Leute waren so wütend, dass sie ihre gesamten Ersparnisse gleich bündelweise in Hunderter- und Tausendernoten mitbrachten», erzählt Schärli. Über 1000 Neukunden haben die Raiffeisenbanken in den letzten Wochen gewonnen. Der Kundenzuwachs sei zwar erfreulich, doch er beobachte diese Entwicklung mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Schärli: «Das Swissair-Debakel hat dem Finanzplatz Schweiz insgesamt einen enormen Schaden zugefügt.»

Auch die Zürcher Kantonalbank konnte in den ersten drei Tagen nach dem Flottenstillstand der Swissair beinahe 1000 Kontoeröffnungen verbuchen. Und zwar nicht nur von Privatkunden: «Zahlreiche kleine und mittlere Betriebe haben ihre gesamten Geschäftsbeziehungen von den Grossbanken zu uns verlegt», sagt Sibylle Käser von der Pressestelle. Zudem hätten sie in letzter Zeit fast viermal so viele Anfragen von Unternehmen gehabt wie sonst.

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Cornelio Cappelletti, Direktor der Sparkasse Horgen ZH, bringt es auf den Punkt: «Viele Kundinnen und Kunden sind schwer enttäuscht vom Verhalten der Grossbanken. Sie kommen jetzt zu den Regionalbanken, weil diese in der Region gut verankert sind und transparent arbeiten.»