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Investment Banker«Ich wusste, dass es so kommen würde»

Ein Investmentbanker packt aus: Die Banken brachten Controller und kritische Stimmen zu ihrer Bonipolitik zum Verstummen. Dass die Kreditblase platzen würde, war lange vor der Krise klar.

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Die letzten sechs Jahre habe ich meinen Kunden überhaupt nichts gebracht. Und ich wusste, dass es so kommen würde. Nicht genau wann, aber es musste so enden.» Investmentbanker Markus Peter (Name geändert) hat für Schweizer Grossbanken neue Produkte ausgetüftelt und Fonds für Privatanleger gemanagt. Jetzt überlegt er sich, der Branche den Rücken zu kehren.

Die fetten Jahre sind vorbei, die Zeche bezahlen andere. «Es sind wenige, die Millionen verdient haben, es geht aber um mehr. Viele haben intelligente Bücher und Berichte gelesen, die bereits 1999 den Zusammenbruch der US-amerikanischen Hypothekenbanken vorausgesagt haben. Und spätestens 2006, als die amerikanischen Immobilienpreise zu sinken begannen, war für mich klar, dass die Kreditblase platzen würde. Es stellt sich schon die Frage, warum man sich den Kopf zerbrochen hat, wenn das Geschäft dann doch mit Volldampf an die Wand gefahren wird.» Und die Antwort? «Wir haben keine Risikokultur mehr: Keiner traut sich, auf Gefahren hinzuweisen, weil er kurzfristige Gewinne gefährden könnte. Risiken richtig einzuschätzen ist aber das Kerngeschäft einer Bank.»

Interne Machtkämpfe
Peter erzählt ein Beispiel: «In einer Zürcher Privatbank hat ein Controller regelmässig versucht, die Händler zu bremsen, weil sie ihre Risikolimite überschritten. Sie investierten zum Beispiel 50 statt der vorgesehenen zehn Millionen in Derivatgeschäfte. Hier einzugreifen ist die vorgesehene Aufgabe eines Controllers. Doch was ist passiert? Der Händler, der drei bis sieben Prozent der Gewinne für sich einstreichen darf, beschwert sich bei seinem Chefhändler. Der wiederum massregelt den Chef-Controller. Im internen Machtkampf gewinnt der Chefhändler, weil er in der Vergangenheit ja viel Geld für die Bank verdient hat. Er kann zudem mit dem Abgang erfolgreicher Händler drohen, falls diese gezügelt werden. So wird der gesamte Controlling-Prozess ausgehebelt.»

Die Jasager sind am RuderTopbanker bereuen die Misere, einzelne wollen gar freiwillig Boni zurückbezahlen. Zugleich betonen sie aber, nach bestem Gewissen gehandelt zu haben. «Das ist angemessene Rhetorik, wenn Klagen gegen Topkader im Raum stehen», so Peter.

Jetzt werden neue Entschädigungsmodelle gefordert und von Banken auch angekündigt. Ob sie die Risikobereitschaft eindämmen werden, ist fraglich. Peter: «Es gibt zwei weitere grosse Probleme. Erstens haben in den vergangenen Jahren ausgesprochene Jasager Karriere gemacht. Sie garantierten, dass kurzfristiges Gewinndenken nicht ernsthaft in Frage gestellt wird, dass sich die Spirale weiterdreht. Hinzu kommt, dass der Bedarf an kompetenten Mitarbeitern nicht gedeckt werden konnte. Ich bin immer wieder Angestellten begegnet, die kaum einen Dreisatz beherrschen, geschweige denn eine Statistik seriös interpretieren können - und das in Zeiten, in denen immer komplexere Produkte auf den Markt geworfen wurden. Es ist keine Polemik, wenn behauptet wird, dass diese Leute nicht wussten, was sie verkauften. Zudem herrschte ein immenser Druck, mit neuen Produkten vorgegebene Umsätze zu erreichen. Entsprechend wurden die Kunden zum Kauf überredet.»

Jede Zeit braucht ihre Sündenböcke. Und die erwähnten Versäumnisse scheinen die Schuld der Auserwählten zu bestätigen. Für Peter greift das zu kurz. «Der Kollaps ist letztlich die Quittung für einen Lebensstil auf Pump. Den haben die Amerikaner in einem gesellschaftlichen und politischen Konsens ausgereizt. Es war US-Präsident Bill Clinton, der bereits 1998 die staatsnahen Hypothekarbanken angewiesen hatte, ihre Kreditstandards zu senken: Jeder sollte sich ein Haus leisten können, auch ohne eigenes Kapital. In den folgenden Jahren senkte der Staat die Zinsen, die Geldschleusen wurden aufgemacht.»

Doch nicht nur in den USA sind Kredite ohne Sicherheiten vergeben worden. «In England haben Hauskäufer mitunter mehr Kredit erhalten, als ihr Haus kostete. Man ging einfach von unendlich steigenden Immobilienpreisen aus. Hier stellt sich die Frage nach dem gesunden Menschenverstand der Kunden. Der sollte nie an die Banken delegiert werden.»

Veröffentlicht am 11. November 2008