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BankenMillennium-Bug: 60 Milliarden liegen bereit

Die Banken sind gerüstet für den Jahrtausendwechsel. Alles werde funktionieren – ausser der menschlichen Psyche. Deshalb legen sie schon mal kräftig Bargeld bereit für allzu misstrauische Kunden.

Der Millennium-Bug surrt nur noch in den Köpfen der Bevölkerung», sagt Werner Abegg, Pressesprecher der Schweizerischen Nationalbank (SNB). «Sämtliche Theorien, dass die Bankcomputer verrückt spielen, sind unhaltbar.» Abegg ist sicher, dass die Chaosszenarien am 1. Januar 2000 Fantasie bleiben werden.

Und diese Fantasie sieht so aus: EC-Automaten zeigen nur noch Kreuzchen, der Zugang zu den Konten ist verwehrt, Vermögenswerte lösen sich in Luft auf. Wer solcherlei für realistisch hält, wird spätestens im Dezember bei seiner Bank aufkreuzen und das sauer Ersparte in Sicherheit bringen. Doch die Geldinstitute sind sogar dafür gerüstet. Allein bei der Nationalbank liegen 60 Milliarden Franken in Form hübsch gebündelter Noten bereit. «Das ist doppelt so viel Geld, wie im ganzen Land im Umlauf ist», sagt SNB-Sprecher Werner Abegg.

Die Banken sind zuversichtlich
Und das alles nur, weil die Computerprogrammierer nicht daran gedacht haben, dass ihre Arbeit bis ins nächste Jahrtausend Bestand haben wird: Die Software enthält für die Eingabe der Jahreszahl nur zwei Stellen. Auf 99 folgt 00. Somit wissen die Computer nicht, ob am kommenden 1. Januar das Jahr 1900 oder 2000 beginnt.

Die Banken haben das erkannt und zur Lösung des Problems einen «immensen Aufwand» betrieben, so Nationalbank-Sprecher Abegg. 570 Millionen hat sich etwa die Credit Suisse das Problem weltweit kosten lassen. Auch die Kleinbanken investierten. So hat die Alternative Bank Schweiz im Sommer 1999 eine völlig neue Software angeschafft.

«Wir schauen dem Silvester zuversichtlich entgegen. Alle Tests konnten bereits Mitte 99 erfolgreich abgeschlossen werden – früher als geplant», erklärt Urs Ackermann, Pressesprecher der Zürcher Kantonalbank. Auch Adriano Lucatelli, Sprecher der Credit Suisse, hat keine Zweifel. Man habe die Jahr-2000-Kompatibilität der Software zusammen mit anderen Banken «x-mal» getestet. «Wir haben uns gegenseitig riesige Datenmengen zugeschoben, hin und her – kein einziger Fehler!»

In Marktstudien hat die Credit Suisse geprüft, ob man ihr vertraut. «Drei Viertel der Befragten sind überzeugt, dass wir alles unter Kontrolle haben.» Lucatelli rät deshalb dringend davon ab, kurz vor Jahreswechsel das persönliche Guthaben abzuheben und unter der Matratze zu verstecken. «Dort ist es auf jeden Fall weniger sicher als bei uns.»

Die Antworten lauten bei allen Geldinstituten gleich optimistisch: Es wird nichts passieren. Sogar Ulrich Grete, Jahr-2000-Delegierter des Bundesrats, ist überzeugt, dass bei Banken und EC-Automaten «Verfügbarkeit und Verlässlichkeit gegeben sein werden». Wenn etwas schief laufen sollte, so ZKB-Sprecher Ackermann, sehe er als einzige Ursache eine «Massenpsychose» der Kundschaft, denn «Geld ist und bleibt eine heikle Sache».

Microsoft rechnet mit Pannen
Doch der Chor tönt möglicherweise etwas allzu rein. Daniel Blume, OECD-Experte für das Jahr-2000-Problem, wird jedenfalls vor dem Silvester «extra Nahrungsmittel einkaufen», denn «es gibt keine Garantien» für Sicherheit. Und beim Softwareproduzent Microsoft wurden ganze Abteilungen der schweizerischen Filiale mit Feriensperre belegt; die Leute warten zu Hause, um gegen jenen Computer-Crash zu kämpfen, den es nicht geben darf.

Auch die Geldinstitute räumen ein, dass man sich im Hintergrund auf die Stunde Null im Jahr 00 vorbereitet. Die Eidgenössische Bankenkommission als überwachende Stelle des Millennium-Problems hat eine «Notfallplanung» veranlasst: Vom 31. Dezember 1999 bis am 5. Januar 2000 wird ein Konsortium von Bankenvertretern «rund um die Uhr handlungsfähig sein.»

Auch die Credit Suisse hat «logistisch vorgesorgt», um im Fall von Computerproblemen «schnell zusätzliches Bargeld» beziehen zu können. Und die ZKB wird ihre liquiden Mittel auf das Jahresende hin «um zehn Prozent» erhöhen. Das dürfte all jene freuen, die ihr Geld über Silvester doch lieber unter der Matratze lagern.

Veröffentlicht am 10. August 2000