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Occupy-BewegungWas lange gärt, wird sanfte Wut

Eine Masse, die keine Sprecher haben will: die erste Veranstaltung der Occupy-Aktivisten beim Hauptsitz der Grossbanken.

Die gewollt führerlose Occupy-Bewegung wird das Finanzsystem kaum umkrempeln. Das ist auch nicht ihre Aufgabe.

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Es ist die Anti-«Arena». Eine Moderatorin erteilt das Wort. Rund 30 mehrheitlich junge Leute hören den Voten geduldig zu. Kein Johlen, kein Murren, kein Applaus. Zustimmung signalisieren sie mit dem Schütteln ihrer Hände in der Luft, Ablehnung mit dem Kreuzen der Arme. Das erinnert an die Gebärdensprache von Gehörlosen, ist aber effizient, verbindet – und verhindert ein Palaver.

Vier solcher Gruppen formierten sich am 15. Oktober auf dem Zürcher Paradeplatz vor CS und UBS. Das Thema: ein gerechteres Finanzsystem. Niemand soll andere mit Argumenten überreden, die meisten halten sich daran. Wer spricht, nimmt einen Gedanken auf und denkt ihn weiter, oder er bringt einen neuen ein. Das Ziel: basisdemokratisch einen Konsens darüber finden, wie unser Wirtschaftssystem gerechter werden könnte.

Nach dem gleichen Muster laufen die Vollversammlungen der Occupy-Bewegung auf dem Zürcher Lindenhof ab. Dort haben die Aktivisten ihr Basiscamp errichtet. Von dort aus wollen sie ihre Bewegung in Bewegung halten.

«Die arbeiten bestimmt nicht»

Passanten reagieren irritiert, belustigt oder fasziniert. Wie auf so vieles, was der schwer fassbaren Bewegung entspringt: von «Al Kreida»-Gruppen auf Plätzen und Strassen hinterlassene Kreidebotschaften. Oder das Zelten mehrerer Dutzend Aktivisten trotz nächtlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt.

Kritiker melden sich eher aus Distanz, zum Beispiel als Leserkommentare in Online-Medien: «Die arbeiten bestimmt nicht», «Die wissen nicht einmal, was sie wollen», «Früher hiessen solche Leute Clochards» und «Wer räumt das alles wieder auf?» Manchen ist die einladend friedliche Bewegung schlicht suspekt, sie vermuten Rattenfänger.

«Wir arbeiten mit Konsens durch kollektive Intelligenz», sagt einer der Moderatoren. Dazu könne jeder etwas beitragen. Auch beim Denken sei die Summe eben mehr als ihre Einzelteile.

Was im New Yorker Bankenviertel begann, hat inzwischen Metropolen in der ganzen westlichen Welt erreicht. Eine Bewegung, die ohne Führerfiguren auskommen will – eine neue Erfindung ist das nicht. Die Frauen- und Schwulenbewegung in den USA praktizierte das bereits in den sechziger und siebziger Jahren.

Damals wollten die Aktivisten ihren diskriminierenden Erfahrungen in einer führergeprägten Wirtschaft und Politik mit einem anderen Prinzip begegnen: «We are all leaders.» Jede persönliche Erfahrung und Meinung sollte fortan gleichwertig behandelt werden, die Ohnmacht der Einzelnen überwunden, die Handlungsfähigkeit gestärkt werden. Auf diese Weise und über soziale Netzwerke im Internet verbunden, will die Occupy-Bewegung jetzt das Wirtschafts- und Bankensystem umkrempeln.

Allgemeinplätze gegen die Ohnmacht

Wieso kommt das bei Jugendlichen an? «Ein Auslöser waren sicher die Umwälzungen in der islamischen Welt. Sie zeigen, dass es gerade die Jugend ist, die heute sehr viel bewegen kann», sagt Juso-Präsident und Occupy-Aktivist David Roth, 26. «Und die Jugendlichen im Westen fragen sich jetzt, wie und wo sie selber etwas verbessern können. Dass die Banken und das Wirtschaftssystem zum zentralen Thema geworden sind, liegt angesichts der aktuellen Krisen auf der Hand.»

Der St. Galler Philosoph Dieter Thomä hat das Phänomen kürzlich so beschrieben: «Die Jugend merkt, dass ihre Zukunft von der herrschenden Generation gerade vermasselt wird.» Es gebe zwei Möglichkeiten, gegen dieses Gefühl der Ohnmacht anzukämpfen: als krimineller Herumtreiber, der sich nimmt, was er will, oder als «Quertreiber». Letztere könnten – wie es beim Aufklärer Diderot einmal schön hiess – «wie ein Krümchen Sauerteig das Ganze heben» und die Welt in Bewegung bringen.

Was die Bewegung bisher an Konsens erarbeitet hat, sind Allgemeinplätze. «Eine Wirtschaft, die für die Menschen da ist, nicht umgekehrt» oder «Wir müssen auch unser eigenes Verhalten kritisch hinterfragen», waren Forderungen auf dem Paradeplatz. So kann die Bewegung, die sich auch als «die 99 Prozent gegen Gier und Korruption» bezeichnet, wohl mit 100 Prozent Zustimmung rechnen. Doch kann man so auch etwas verändern? Knapp 1000 Leute waren an den zwei bisherigen Occupy-Samstagen in Zürich auf der Strasse. Dem zweiten Aufruf folgten auch 50 bis 100 Bewegte in Bern und Genf. Reicht das für mehr als farbige Feste und etwas Irritation?

«Unser Thema kann nicht davonlaufen»

«Natürlich muss die Bewegung wachsen. Doch dafür nehmen wir uns die Zeit, die es halt braucht», sagt ein Aktivist nach einer der täglichen Vollversammlungen. Die Bewegung habe einen ganz grossen Vorteil: «Unser Thema, ‹das unmenschliche Wirtschaftssystem›, kann uns nicht einfach davonlaufen.» Wie die meisten Bewegten will er nicht mit Namen erscheinen, da niemand für eine ganze Bewegung sprechen könne. Am Dienstagabend wollten dann doch zwei Aktivisten im «Club» des Schweizer Fernsehens diskutieren – die Vollversammlung hatte es genehmigt.

Seit Jahrzehnten untersucht der Zürcher Politologe Hanspeter Kriesi die Entwicklung sozialer Bewegungen. Er zeigt sich überrascht über Occupy, ist aber auch skeptisch, ob Occupy in der Schweiz mehr als ein Strohfeuer sein werde. «Eine Bewegung braucht klare Ziele, eine fassbare Ideologie und vor allem eine gute Organisation. An allem mangelt es doch erheblich.» Überraschend findet Kriesi, dass die Bewegung bereits nach einer ersten Demonstration vom Präsidenten des Bankenverbandes zu einer Aussprache eingeladen worden war. «Damit hat man ihr eine Bedeutung zugestanden, die sie bis heute nicht hat. Es gab viel ernster zu nehmende Kritiker aus Politik und Wirtschaft, auf die die Banken gar nicht reagiert haben.»

Die Einladung überforderte auch die Bewegung. Weil in deren Namen ja niemand sprechen kann, wurde nur ein Communiqué überreicht. Einige Aktivisten redeten dann trotzdem. Ein geläuterter Investmentbanker kritisierte das Zinssystem, und ein ehemaliger Unternehmer warb für seine «humane Wirtschaftspartei». Das sorgte für etwas Wirbel unter den Bewegten. Er mündete aber schnell in Wut auf die Banker, als Verbandspräsident Hans-Peter Portmann die Reaktion des Schweizer Finanzplatzes auf die Krise als gelungen darstellte.

Die Gegner haben ein Gesicht

Diese Bewegung habe immerhin einen fassbaren «Feind»: die Banken und die Finanzwirtschaft, sagt der Zürcher Soziologe Kurt Imhof. Das sei entscheidend, denn soziale Bewegungen richteten sich immer gegen etwas. «Und mit den Banken sind wir alle verbandelt. Als Gläubiger oder als Schuldner.»

Dagegen sei die Bewegung der Glo­balisierungskritiker an schwammigen Feind­bildern gescheitert. «Ihr Kampf richtete sich gegen länderübergreifende politische und wirtschaftliche Gremien wie das World Economic Forum (WEF) oder die G-8- und G-20-Gipfel. Ein ziemlich abstrakter Gegner.» Hinzu komme, dass viele Linke sich als Antinationalisten verstünden. Solche Widersprüche brächten jede Bewegung zum Stolpern. Die Profiteure der Globalisierungskritik sind für Imhof denn auch die Rechten. «Sie kämpfen nicht gegen ein abstraktes Konstrukt, sondern gegen den Verlust der nationalen Selbstbestimmung und die Zuwanderung von Ausländern. Das bewegt.»

Mit dem Druck auf die Occupy-Bewegung, ihre Forderung zu konkretisieren, steigt auch die Gefahr ihres Zersplitterns. Die von Aktivisten lancierten Ideen reichen von einer Finanztransaktionssteuer bis zur utopischen Abschaffung des Zinses oder gleich des ganzen Geldes. Forderungen, die kaum von einer breiten Bewegung geteilt werden.

Die Funktionsweise einer Bewegung werde oft missverstanden, sagt Kurt Imhof. «Sie kann wohl Protest und Wut gegen etwas zum Ausdruck bringen. Sie ist aber nicht in der Lage, sehr spezifische Forderungen aufzustellen.»

Kuriose Kämpfer als Trittbrettfahrer

Konflikte gab es bis heute weniger wegen noch zu findender Inhalte als wegen einzelner Auftritte im Namen der Bewegung. So wirft der Luzerner Jung-SVPler und Al-Kreida-Aktivist Anian Liebrand den Jungsozialisten vor, sie okkupierten die Bewegung für ihre Zwecke. Mittlerweile sind die Jusos mit etwas weniger Fahnenschwingern unterwegs. Auf der anderen Seite wollen wohl die meisten Aktivisten nichts mit dem kuriosen Rechts-aussen-Politiker zu tun haben. Der 22-jährige Betreiber der Website www.info8.ch setzte sich kürzlich ein für eine Vorreiterrolle der Schweiz bei der Beantwortung ungeklärter Fragen zu den 9/11-Attentaten.

Wegen solcher Verschwörungstheo­rien wurde auch die Gruppe «We are change» kritisiert und diffamiert. Wie Anian Liebrand misst sie den sogenannten Bilderberg-Konferenzen – umstrittenen privaten Treffen einflussreicher Personen – eine verschwörerische Qualität zu (siehe nachfolgender Kasten «Hintergrund: Verschwörungen faszinieren»). «Jetzt haben wir es schwarz auf weiss», verkündete ein Aktivist Mitte Oktober auf dem Paradeplatz. Die Zürcher ETH hatte eine Studie veröffentlicht, die jüngst für Schlagzeilen sorgte. Demnach sind es gerade mal 147 Kon-zerne, die die Weltwirtschaft über Aktienbeteiligungen beherrschen. Die grosse Mehrheit von ihnen gehört dem Finanzsektor an. Dies mache das wirtschaftliche Gesamtsystem instabil. Das ist Stoff für weitere Verschwörungstheorien.

Verschwörungen faszinieren

Wer ist schuld an der Krise? Dubiose Mächte, die im Geheimen wirken, fas­zinieren seit je und liefern verlockend einfache Erklärungen für kom­plizierte, weltweite Entwicklungen. Verschiedene Verschwörungstheore­tiker engagieren sich auch in der Occupy-Bewegung. Ihre Anzahl dürfte allerdings eher bescheiden sein.

Als Projektionsfläche für Verschwörungen sind zurzeit die privaten Bilderbergkonferenzen besonders beliebt: intransparente Elitetreffen von Bankern, Militärstrategen, Politikern und Blaublütlern. Das jüngste fand im Juni in St. Moritz statt. Um die rund 130 Per­sonen zählende Gruppe ranken sich Verschwörungstheorien, etwa von der Errichtung einer Weltdiktatur der Reichen («Fourth Reich of the Rich») oder der Verantwortung für den Irakkrieg und die Anschläge von 9/11.

Veröffentlicht am 25. Oktober 2011