Beobachter: Postfinance fliegen die Kunden zu. Wie haben Sie das nur verdient?
Jürg Bucher: Postfinance bietet attraktive Dienstleistungen, einen guten Service und ist ein solides und glaubwürdiges Finanzinstitut. Deshalb sind wir schon vor der Finanzmarktkrise stark gewachsen. Dieses Wachstum hat sich jetzt nur noch verstärkt.

Beobachter: Das sagen alle. Sie profitieren doch vor allem von den Fehlern der Grossbanken.
Bucher: In den letzten sieben Jahren hat Postfinance die Kundengelder verdoppelt, den Gewinn verdreifacht und jetzt – in der Krise – kam noch etwas obendrauf. Nun müssen wir alles daransetzen, die neuen Kunden gut zu betreuen und ihnen weitere gute Angebote zu machen. In einzelnen Punkten wollen wir uns noch verbessern.

Beobachter: In welchen?
Bucher: Bei 50'000 bis 80'000 Anrufen bei den Kundendiensten pro Woche ist nicht immer sichergestellt, dass wir für die Kunden gut erreichbar sind.

Beobachter: Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein.
Bucher: Das war nur ein Beispiel. Wir erhöhen laufend die Zahl unserer Kundenberater. Zudem haben wir eine Initiative für Kleinunternehmungen lanciert. Letztes Jahr haben wir über 20'000 Kleinfirmen beraten.

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Beobachter: Sie müssen aus einem zweiten Grund glücklich sein: In der Frage der Banklizenz für die Postfinance ist jetzt plötzlich Bewegung drin.
Bucher: Wir begrüssen die verschiedenen parlamentarischen Vorstösse, auch von bürgerlicher Seite, und sind zuversichtlicher als früher, dass sich damit die Chancen erhöhen, eine Banklizenz zu erhalten.

Beobachter: Was für Vorteile hätte dies für Ihre Kunden?
Bucher: Wir könnten den KMU neu Kontokorrentkredite und Gewerbehypotheken anbieten – zwei im Moment sehr grosse Bedürfnisse. Kleinunternehmen könnten wir beispielsweise Kredite bis 100'000 Franken geben, die sie heute nur schwer erhalten. Und wir könnten bei Bankfinanzierungen für grössere Unternehmen mitmachen. Dies alles würde uns erlauben, unsere Kundengelder in den Schweizer Markt zurückzuführen.

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Beobachter: Sie wollen in den Geschäftskundenbereich vorstossen?
Bucher: Wir haben bereits zu 150'000 KMU eine Geschäftsbeziehung. Tatsächlich halten UBS und Credit Suisse aber im KMU-Kreditgeschäft Marktanteile zwischen 40 und 70 Prozent. Das erzeugt grosse Abhängigkeiten. Wenn die beiden Grossbanken bei der Kreditvergabe restriktiver werden, wird das für einzelne Unternehmen zum Problem. Solche Strukturschwächen im Bankenmarkt hat die Krise offengelegt. Die Schweiz hat zwar viele kompetente regionale, aber zu wenige schweizweit tätige Finanzinstitute. Postfinance könnte hier ein gewisses Gegengewicht schaffen.

Beobachter: Hätten auch die Privatkunden etwas davon?
Bucher: Ja, indem sie mehr Möglichkeiten im Hypothekar- und Anlagegeschäft erhalten durch noch attraktivere Konditionen und vielfältigere Produkte.

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Beobachter: Werden Sie die Gebühren senken, zum Beispiel bei den von der UBS verwalteten Postfonds?
Bucher: Wenn man mit einem Partner zusammenarbeitet, verdienen zwei daran. Das ist so. Ist das nicht mehr der Fall, werden unsere Kunden davon profitieren.

Beobachter: Es ist viel Geschirr zerschlagen. Wie lässt sich das Vertrauen der Kunden wiedergewinnen?
Bucher: Durch sichtbare, verlässliche Leistungen und mehr Glaubwürdigkeit. Die Banken müssen wieder zu den Kunden runterkommen, ihnen auf gleicher Augenhöhe gegenübertreten.

Beobachter: Schön, aber die Kunden wollen vor allem bessere Angebote und mehr Sicherheit.
Bucher: Es war doch nicht alles schlecht. Auf dem Bankenplatz Schweiz bieten wir grösstenteils ausgezeichnete Dienstleistungen.

Beobachter: In den Ohren jener, die Lehman-Zertifikate und Absolute-Return-Fonds im Depot haben, klingt das reichlich zynisch.
Bucher: Die Banken müssen sich auf einfachere Produkte zurückbesinnen, die sie erklären können und die die Kunden auch verstehen. Nicht jeder Bankberater, der komplexe strukturierte Produkte angeboten hat, hat sie auch begriffen. Das war übrigens ein Grund, weshalb Postfinance stets auf strukturierte Produkte verzichtet hat.

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Beobachter: Solche Produkte wurden über Versprechungen verkauft, die nicht eingelöst wurden. Müsste man nicht die Produktehaftung verschärfen?
Bucher: Garantien kosten. Ich bin mir nicht sicher, ob der Kunde bereit ist, dafür viel zu bezahlen. Auch Kunden müssen zur Kenntnis nehmen: Es gibt keine absoluten Garantien, wenn man schnelles Geld verdienen will. Aber: Ein Begriff wie Absolute Return ist wohl gar nicht zu erfüllen.

Beobachter: Es waren Mogelpackungen.
Bucher: In Krisenszenarien müssen auch nahezu undenkbare Situationen berücksichtigt werden. So gesehen hätten die Banken wohl das eine oder andere nicht gemacht.

Beobachter: Etwas weniger vollmundige Versprechungen wären schon mal ein Anfang.
Bucher: Zur Einfachheit gehört Bescheidenheit.