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Schweizer BankenEin Mythos am Ende

Die Schweizer Banken waren einst Garanten für Sicherheit und Stabilität. Der Mythos ist dahin. Etappen eines Niedergangs.

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«Der Mythos der Schweizer Banken entstand nach dem Zweiten Weltkrieg», sagt Joseph Jung, CS-Chefhistoriker und Kenner der Bankengeschichte. In zwei Kriegen, 1870 und 1914, erlebten Reiche in Deutschland und Frankreich, wie ihr Kapital pulve­risiert wurde, während das Geld in der Schweiz erhalten blieb. Dies und die ein­malige Stabilität der Schweiz begründeten ihren Ruf als sicherer Hafen. Nach der Weltwirtschaftskrise erliess sie Regeln zum Schutz der Banken und Kunden, darunter das schon lange praktizierte Bankkundengeheimnis. In der Zwischenkriegszeit floss viel Geld in die Fluchtburg, wo es vor ausländischen Spitzeln und Konfiskation sicher war. Als einziger Staat in der Mitte Europas blieb die Schweiz im Zweiten Weltkrieg unversehrt. «Das wurde fast als Wunder gesehen und schuf Vertrauen. Nach dem Krieg startete der Finanzplatz durch», sagt Jung. Seither stehen die Banken für Solidität und Verlässlichkeit und verkörpern die Schweiz wie Uhren und Schokolade.

Die «Gnomen von Zürich»

In den sechziger Jahren wuchsen die Gross­banken rasant und expandierten international. Das Bankgeheimnis war dabei nur «eines der Elemente für die Erfolgs­geschichte», wie der Historiker Robert U. Vogler nachwies. Stabilität und Diskretion wurden jedoch zu einem Mysterium, das auch den Neid konkurrierender Finanz­plätze weckte. Der Labour-Politiker und spätere britische Premier Harold Wilson schimpfte schon 1956 auf die «Gnomen von Zürich», weil sie das Pfund hinunterspekuliert hätten. Damals ging es noch nicht um Geldwäsche und Steuerflucht. Aber der verschwiegene, verschlagene Schweizer Bankier wurde zum Topos, hundertfach kolportiert in Büchern und Filmen à la James Bond.

Geld stinkt nicht

Im Land selbst hatten die Banken nichts zu fürchten. Es gab zwar moralische Kritik. Aber insgesamt standen die Schweizer zu ihnen. Ungesagt galt: «Pecunia non olet – Geld stinkt nicht», wusste man doch genau, wie wichtig die Banken inzwischen waren.

1977 kam aus, dass von der SKA-Filiale Chiasso aus 2,2 Milliarden Franken Kundengelder in Liechtenstein versteckt worden waren. Die Beihilfe zur Kapitalflucht beherrschte monatelang die Debatte, der Ruf der Banken war erschüttert. Paradoxer­weise stärkte der Fall Chiasso aber den Mythos: Die Banken stabilisierten sich selbst, fixierten Sorgfaltspflichten und betrieben – unvergessen die SKA-Mützen – Charmeoffensiven im Volk. Eine SP-Initia­tive gegen das Bankgeheimnis schiffte 1984 klar ab. Potentaten- und Drogengelder von Marcos, Mobutu bis Magharian setzten dem Ruf des Finanzplatzes weiter zu. Aber der in London geprägte Spruch «United Bandits of Switzerland» fand im Inland kaum Nachhall. 1997 kam das Geldwäschereigesetz, das Bankgeheimnis erreichte weiterhin höchste Zustimmung. Auch als es um die Holocaust-Gelder ging, gab es nicht Massenproteste am Paradeplatz, sondern unterschwellige Solidarität gegen die Angriffe aus den USA.

Wehe, die Kasse stimmt nicht

Risse bekam der Mythos nicht wegen der Moral. Die Wende markiert die Immobilienkrise der neunziger Jahre. Kleinbanken fallierten, Kantonalbanken wankten. Die CS übernahm die Bank Leu und die kriselnde Volksbank, Bankverein und Bankgesellschaft fusionierten zur UBS. In diesen Turbulenzen begann der Nimbus der ewig soliden Schweizer Bank zu bröckeln. Hinzu kam, dass sich die Grossen in den USA ­eingekauft hatten. Immer mehr amerikanische Topshots kamen, Yankee-Methoden und Phantasiesaläre breiteten sich aus. Internationalisierung und Entfremdung gingen Hand in Hand.

Solange Gewinne sprudelten, Banktitel stiegen und der Fiskus kassierte, hielt der Mythos. Aber wehe, als die Kasse nicht mehr stimmte! Ausgerechnet die UBS, die das Nationalsymbol Swissair vom Himmel geholt hatte, trudelte selbst und heischte Solidarität. Dass sie wegen ihrer schieren Grösse die Schweiz als Geisel nehmen konnte und sich der Staat freikaufen musste, war zu viel.

Der Mythos der Schweizer Banken ist dahin – nicht weil sie ethisch versagt hätten, sondern weil sie in der Finanzkrise geschäftlich abschmierten und so die Urwerte von Stabilität und Sicherheit desavouierten, die sie zu Identitätsträgern der Schweiz gemacht hatten. Sie sind auf dem Boden der Realität angekommen, wo mit dem Mythos kein Geschäft mehr zu machen ist. 

Veröffentlicht am 31. März 2009