Löchriger als Emmentaler – so dicht sei das Schweizer Bankgeheimnis noch, sagte kürzlich ein führender Vertreter des Bankenplatzes im privaten Gespräch. Der Finanzplatz müsse sich endlich aus der Spirale der Skandale befreien und tragfähige Lösungen für die Zukunft entwickeln. Dazu müssten auch heilige Kühe geschlachtet werden. Natürlich will der Banker seinen Namen in diesem Zusammenhang nicht gedruckt sehen. Schliesslich lebt das Vermögensverwaltungsgeschäft von Diskretion. Und Publizität schadet da immer.

Dieses Prinzip verinnerlicht hatten auch die Schweizer Banker, als sie Ende der neunziger Jahre still und heimlich einen delikaten Geschäftszweig abschafften: den der Geldkuriere, die in ihren Köfferchen die Millionen der internationalen Steuerbetrügergilde in die Schweiz brachten. Damit ging ein kleines, aber feines Gewerbe unter, das mit einigem Know-how und viel persönlichem Risiko gearbeitet hat. Wie, lässt sich in der Ratgeberliteratur für «diskrete Steuerzahler» noch heute nachlesen. Danach passiert man die Grenze am besten im intensiven Morgen- und Abendverkehr mit einem farblich neutralen Mittelklasse-Mietwagen, der vorzugsweise ein grenznahes Kennzeichen aufweist.

Kein Steuerflüchtling ist so dumm

Innovation machte die Kofferträger überflüssig. Die Banker hatten sich zu Verpackungskünstlern gewandelt. Die unversteuerten Gelder schafften sie digital in ihre Serverkammern, den Steuerflüchtlingen verschafften sie Schweizer Wohnsitze samt zugehörigem Pauschalsteuerabkommen. Inzwischen läuft auch dieses Geschäft nicht mehr rund, nicht zuletzt, weil die Hüter der Serverwelten nicht genügend geschmiert wurden. Die saugen jetzt die Vermögensdaten runter, brennen sie auf CDs und verkaufen sie im Ausland.

Seit dieses Datengeschäft läuft, wird kein Steuerflüchtling mehr so dumm sein, sein Geld in der Schweiz zu verstecken. Das musste vor zwei Jahren Liechtenstein erfahren, als eine Daten-CD nach Deutschland gelangte und danach der Deutsche-Post-Chef Zumwinkel als Steuerbetrüger aufflog. Der Neugeldzufluss versiegte, dafür schwoll der Geldabfluss zum Strom an.

Liechtenstein tat, was eine richtige Steueroase tun muss: Man handelt schnell und arrangiert sich mit den neuen Realitäten. So unterschrieb das Fürstentum ein Doppelbesteuerungsabkommen mit Grossbritannien, das Monate zuvor undenkbar gewesen wäre. Seither nehmen liechtensteinische Banker und Treuhänder nur noch nachweislich versteuertes Geld an; dafür haben ihre Kunden fünf Jahre Zeit, das Schwarzgeld reinzuwaschen.

Statt sich über die liechtensteinische Verzweiflungstat zu mokieren, hätten die Schweizer Banker besser einen Krimi gelesen. So hätten sie rechtzeitig die Lektion gelernt, die jeder Gangster kennt: dass man seine Geldgeber niemals verrät. Und dass nur davonkommt, wer sich perfekt an die sich wandelnde Welt anpasst.

Realismus, nicht fehlendes Rückgrat

Stattdessen machten ideologisierte Banker und Ordnungspolitiker, was sie am liebsten tun: sich aufregen, sich aufplustern, auf die Unerschütterlichkeit der eigenen Prinzipien pochen. Obwohl allen klar sein muss, dass das alte Bankgeheimnis noch etwa so hart wie Camembert ist. Und dass man mit dem Festhalten daran Strukturerhaltungspolitik betreibt. Ein Unsinn, wie jeder Ökonom schon im ersten Semester lernt. Besser baut man auf die Kraft der Kreativität und Kompetenz.

Geschäftssinn entwickeln nennt man das. Abschied nehmen von der unseligen Unterscheidung von Steuerhinterziehung und Steuerbetrug bedeutet das; nur noch Annahme von Weissgeld, für das die Kunden eine Steuerbescheinigung vorlegen. Und auch wenn das für einige an Hochverrat grenzen mag: Man muss sich mit dem von der EU geforderten automatischen Datenaustausch intensiv auseinandersetzen. Das hat nichts mit Kuschen, fehlendem Rückgrat oder Landesverrat zu tun. Sondern mit jenem Realismus, der die kleine Schweiz erst stark gemacht hat.

Es braucht diesen pragmatischen Ansatz, den CS-Lenker Rainer E. Gut 1998 entwickelte. Damals war die Schweiz wegen der Holocaustthematik massiven Angriffen aus den USA ausgesetzt. Gut erkannte die Bedrohung, machte das Thema zur Chefsache und handelte in New York einen Milliardendeal aus. Das Problem war vom Tisch, das Geschäft lief hinterher besser als gut. Solchen Realismus wünscht man sich jetzt wieder. Ein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell, das auf Weissgeld beruht. Denn Schwarzgeld stinkt – wie ein überreifer Limburger.