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StandpunktDie leeren Worte der Banken

Banken versprechen viel – und halten wenig. Produktehaftpflicht ist für sie ein Fremdwort. Damit beansprucht die Branche Sonderrechte. Das darf nicht sein.

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Warnung: Wenn Sie die folgenden Zeilen gelesen haben, vergessen Sie sie besser wieder. Denn zu viel Wissen könnte sich bei einem Rechtsstreit mit Ihrer Bank rächen. Also:

Meine Mutter ist ein Lehman-Opfer. Ein typisches. Zeit ihres Lebens war sie eine Sparerin. Spekuliert hat sie nie. Was strukturierte Produkte sind, weiss sie noch heute nicht. Nur, dass sie sich plötzlich in Luft auflösen können. Ein Anruf am 18. September 2008 reichte, um diese Lektion zu lernen. Ihre Credit-Suisse-Beraterin teilte ihr damals mit, die 100'000 Franken, die sie in Lehman-Papieren angelegt habe, seien verloren. Für den Ausfall hafte die pleitegegangene US-Bank. Nicht die Credit Suisse? Nein, die habe das Produkt ja nur in guten Treuen verkauft, und dafür – sorry! – könne niemand belangt werden.

Vier Jahre zuvor hatte eine andere Credit-Suisse-Beraterin meiner damals 86-jährigen Mutter das Kapitalschutzprodukt aufgeschwatzt. Bei einer Tasse Kaffee. Der teuersten ihres Lebens, die sich für die Credit Suisse aber so richtig gelohnt hat. Die Grossbank kassierte beim Deal Gebühren im Multipack: ein Prozent Transaktionsgebühr, 3,5 Prozent Verkaufsgebühr, halbjährlich 0,1 Prozent Depotgebühr, dazu jährlich rund 0,8 Prozent an Retrozessionen für ihre Rolle als Vertriebspartnerin von Lehman. Die Tasse Kaffee brachte der CS gut und gern 8500 Franken ein.

Was meine Mutter dafür erhalten hat? Eine Beratung, die nichts wert war. Warum?

  • Weil sie nicht richtig auf die Risiken hingewiesen wurde: «So sicher wie Ihr Bankbüechli» – mit diesem Argument verkaufte die CS-Beraterin das Lehman-Papier. Auf das Emittentenrisiko wies sie nicht hin. Ihrer Behauptung nach hat sie meiner Mutter den Fondsprospekt gezeigt. Im Kleingedruckten wird dort tatsächlich auf das Emittentenrisiko hingewiesen: Geht der Herausgeber pleite, könnte das Wertpapier wertlos werden. Nur – meine Mutter leidet an einer schweren Augenkrankheit; lesen kann sie deshalb schon seit Jahren nicht mehr. Das wusste auch die Beraterin.

  • Weil ihr Geld nicht diversifiziert angelegt wurde: Die CS-Beraterin legte 40 Prozent des Vermögens meiner Mutter in dem Lehman-Papier an. Dabei weiss das dümmste Huhn: Man legt nicht alle Eier ins gleiche Körbchen. Laut Bankenombudsmann Hanspeter Häni bedeutet jede Anlage über zehn Prozent ein Klumpenrisiko und verstösst gegen den Grundsatz der Diversifikation.

  • Weil meiner Mutter eine Anlage verkauft wurde, die nicht hielt, was man ihr versprach: Der Lehman-Skandal zeigt, dass der Kapitalschutz keine Garantie war. Er stellte sich als reine Absichtserklärung heraus.

Das wichtigste Kapital eines Bankers sei das Vertrauen seiner Kunden, hört man seit Jahren an der Zürcher Bahnhofstrasse. Mit solchen Sprüchen kaschieren die Banker nicht nur die oft schwache Leistung, die ihre teuren Dienste bringen. Spätestens seit dem Lehman-Skandal weiss man, was sie von ihren Kunden verlangen: blindes Vertrauen. Warum die Banken so leichtes Spiel haben? Weil für sie das Selbstverständlichste nicht gilt: eine Produktehaftpflicht. Jeder Detailhändler gibt sie ab. Jeder Industriebetrieb steht für seine Produkte gerade. Jede Versicherung lässt sich bei reinen Sparprodukten auf ihre Garantien behaften. Nur bei den Banken soll nichts dergleichen gelten.

Deshalb ist das Einzige, was gegen die Banken wirkt, öffentlicher Druck: von betroffenen Anlegern, cleveren Anwälten und von Medien, die dranbleiben. Banken wie die CS verstehen offensichtlich nur diese Sprache. Ohne Druck wäre meine 90-jährige Mutter leer ausgegangen und wäre von der CS nicht mit 50'000 Franken entschädigt worden – mit dem Hinweis, dass diese Zahlung selbstverständlich keinerlei Eingeständnis einer Schuld bedeute.

Der Lehman-Skandal war eine Lektion für meine Mutter – er ist eine für alle Anleger. Und meine Mutter ist nicht nur ein Opfer der Lehman-Pleite, sondern genauso ein CS-Opfer. Und ein Opfer dieses Systems, das es Banken erlaubt, viel zu versprechen und wenig zu halten.

Übrigens: Wäre mir das Gleiche wie meiner Mutter passiert, hätte mir die CS null Entschädigung bezahlt. Denn als Wirtschaftsjournalist verfüge ich über Fachkenntnis und kann mich nicht darauf berufen, ahnungslos zu sein. Offensichtlich gehen Banken und Aufsicht davon aus, dass ich von Berufs wegen einschätzen kann, was ein Bankversprechen wert ist: nichts.

Veröffentlicht am 03. Juli 2009

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5 Kommentare

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Gea Casadei Pratesi
Ich habe eine Obligation der Royal Bank of Scotland. Obwohl diese Bank Unterstützung vom Staat erhielt, ist diese Obligation nur noch 38% wert und es werden keine Zinsen mehr bezahlt. Die Royal Bank of Scotland sucht aber überall neue Anleger (Inserate und TV). Wie passt dies zusammen ?

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Patrick Sommer
Alle sind empört und geben sich so scheinheilig ahnungslos, was hier mit diesen Lehmann Papieren passiert ist. Aber mal ganz ehrlich: Warum will eine 86jährige Frau wie in diesem Beispiel aus so viel Geld (100'000) noch mehr Geld machen? Das ist doch auch ethisch eine sehr fragwürdige Vorgehensweise (Geldgier). Wenn man dann mal Geld verliert, fangen alle an zu heulen. Warum gibt diese Frau das Geld nicht Ihren Kindern, Enkeln oder spendet es sinnvoll. Ich kann das Geldgejammere dieser wohlhabenden Menschen nicht mehr hören.

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dieda
Banken sind Betrüger

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Roman Gattlen
Besser als der Bankenombudsmann kann man es nicht sage::"Das Vertrauen der Kunden wurde mit Füssen getreten!" Mit Banken und Lehmann Brothers ist doch vorwiegend unsere "beste Bank der Welt" d.h. die CS gemeint. Klever und mit viel TamTam wurden einige Klumpenrisiko-Kunden teilweise entschädigt. (50-70%). In der nächsten Runde muss endlich das Thema "Fehlberatung" bezw. ungenügende Risikoaufklärung der Kunden beim Verkauf der Lehmann-Papiere zur Sprache kommen. Auch ich habe einen Anteil meiner Altersvorsorge in dieses 100% kapitalgeschützte Papier investiert in der Meinung,wo CS draufsteht ist auch CS drin. Das schlimmste Klumpenrisiko ist, sein Geld nur auf eine Bank -lies CS- anzulegen. Da ist man sicher der Beschissene!

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