Der 15. März war ein Tag so richtig nach dem Geschmack der Bankenkritiker. Sie stürzten sich auf den soeben erschienenen UBS-Geschäftsbericht – und fanden ­allen Grund zur Häme. Die Grossbank verteilte insgesamt 3 Milliarden Franken Boni – als ­Anerkennung für 2,7 Milliarden Verlust.

Und in den Redaktionsstuben von NZZ und «Finanz und Wirtschaft» machten sich die Gralshüter der Schweizer Wirtschaftspresse daran, das Unverständliche zu erklären. UBS-Sätze wie die folgenden galt es zu übersetzen: «Die Vergütung erfolgt im Einklang mit unserer Risikostruktur und Risikotoleranz.» Oder: «Die gesamte Zuteilung von ungefähr 39 Millionen Franken (an die in die Wüste geschickten Marcel Rohner, Jerker Johansson, Raoul Weil, Walter H. Stürzinger, Rory Tapner und Marten Hoekstra; Anm. d. Red.) ist stark beeinflusst durch vertragliche Verpflichtungen.»

Der Chefredaktor der «Finanz und Wirtschaft» schrieb: «Will eine Grossbank wettbewerbsfähig bleiben, kann sie sich kaum aus dem Rennen um die ‹Cracks› und ‹Talente› nehmen. Diese lassen sich indes nicht mit Lunch-Checks, Gratis-SBB-Abos und vergünstigten Hypotheken ködern.

Vom Täter plötzlich zum Opfer?

Diese UBS, die 50 Milliarden ver­lochte und vom Staat gleich zweimal gerettet werden musste – einmal vor dem Ruin, dann vor den USA –, soll nur Gefangene des internationalen Abzockersystems gewesen sein? Nicht Täter, sondern Opfer? Wir sollen glauben, dass die drei Milliarden Boni das beste Heilmittel für die kranke UBS sind? Solche Argumente sind die beste Propaganda für die Abzocker-Initiative und den Gegenvorschlag des Parlaments.

Nur, sind mehr Aktionärsrechte eine gute Garantie gegen den Boni-Wahnsinn? Was wäre, wenn die UBS-Generalversammlung im April darüber abstimmen könnte, ob sie den 13 Mitgliedern der UBS-Geschäftsleitung wirklich insgesamt 68,7 Millionen Franken Boni zahlen will? Möglicherweise würde sie auch diese Kröte schlucken und Ja quaken. Denn Aktionäre suchen prinzipiell Sicherheit. Und mit einem Nein zum Vergütungsplan würden sie riskieren, dass weitere UBS-Topleute zur Konkurrenz wechseln. Und würden damit die schnelle Erholung ihrer Bank gefährden.

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Vor der Wirkungslosigkeit der Abzocker-Initiative warnen deshalb auch unverdächtige Zeugen wie Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds. Er fürchtet, dass jährliche Abstimmungen über die Lohnsumme genau das Gegenteil bewirken könnten: dass Spitzenlöhne und Topboni noch stärker steigen. Genau das geschah in England, nachdem die Aktionärsdemokratie dort gestärkt wurde. Das legt den Schluss nahe, dass mehr Aktionärsrechte als alleiniges Instrument gegen Lohnexzesse nicht reichen. Es braucht auch Druck. Und weil sich Banker nicht um die öffentliche Meinung scheren, heisst Druck in ihrem Fall: harte Regeln für die Branche.

Beschränkung hat 50 Jahre lang funktioniert

Zentral dabei sind verschärfte Kapitalvorschrif­ten, wie sie die neuen Basel-III-Regeln weltweit vorsehen. Mehr Eigenkapital macht die Banken sicherer und wirkt gegen Lohnexzesse. Warum? Unter den neuen Vorschriften können die Banken nicht mehr so leicht unkalkulierbare Risiken eingehen – was ihre ­Gewinne schrumpfen lässt. Gemäss UBS-Berechnungen dürfte die Eigenkapitalrendite von 17,2 Prozent (vor der Krise) auf 11,4 Prozent (im Jahr 2012) sinken. Und wo weniger Gewinne sprudeln, verschärft sich der Verteilkampf zwischen Aktionären und Management. Das bringt die Löhne unter Druck.

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Deshalb verwunderte es nicht, als kürzlich eine vielbeachtete US-Studie nachwies, dass zwischen Regulierung und Lohnniveau ein enger Zusammenhang besteht. Bereits einmal ­waren die Bankerlöhne ausser Rand und Band geraten – in der Zeit vor der Grossen Depres­sion, als die Welt der Banken kaum reguliert war. Der Glass-Steagall-Act setzte zu Beginn der dreissiger Jahre ihrer Macht dann enge Grenzen, die harte Regulierung brachte die Bankerlöhne auf Normalmass zurück. Erst ­Ronald Reagans Deregulierungspolitik ver­änderte das Spiel – mit den bekannten Folgen.

Der 15. März 2010, an dem sich die UBS trotz Milliardenverlust Milliardenboni verteilte, darf nicht folgenlos verstreichen. Wir müssen die Banker zu ihrem Glück zwingen. Sonst werden sie beim nächsten Mal die Totengräber jenes Wirtschaftssystems sein, von dem sie so lange so prächtig gelebt haben.

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