Was haben Markus Gander, 43, und Klaus J.Jacobs, 70, gemein? Äusserlich nichts: Der eine trägt einen verwaschenen grauen Pullover, der andere Nadelstreifen und Krawatte. Sozialarbeiter neben Firmenboss? Stimmt - teilweise.

Im Hinterhof eines alten Bauernhauses in Moosseedorf BE, an einem groben Steintisch, empfängt Markus Gander seine Besucher. Er kommt aus der Jugendarbeit und hat diesen Januar als Sozialunternehmer die Auszeichnung «Social Entrepreneur 2006» erhalten. Klaus Jacobs hingegen bittet in eine Villa im schicken Zürcher Seefeld-Quartier, direkt am See. Vor kurzem hat er seine fast 50-jährige Unternehmerkarriere beendet und widmet sich nun der Familie und dem Gestüt in England. Und seiner Stiftung für soziale Anliegen.

Hier kreuzen sich die Wege: Beide Männer engagieren sich seit Jahren für die Jugend. Markus Gander als Praktiker mit seiner Firma Infoklick.ch (siehe «Links zum Artikel»), die Projekte von Jugendlichen fördert, Klaus Jacobs als Geldgeber mit seiner Jacobs Foundation (siehe «Links zum Artikel»), die sich für bessere Zukunftsaussichten für junge Menschen einsetzt. So unterschiedlich Hintergrund und Herangehensweise auch sind, stehen sowohl der Macher wie der Mäzen für den Leitgedanken einer Artikelserie des Beobachters, in der privat initiierte Sozialprojekte ausgezeichnet wurden (siehe Nebenartikel «Zur Nachahmung empfohlene Projekte»): Gander und Jacobs nehmen sich aus eigenem Antrieb sozialer Fragen an, statt zu warten, bis jemand anders - der Staat - das tut. Der Beobachter wollte von den beiden wissen, was sie über das soziale «Do it yourself» denken.

Beobachter: Unsere Aktion hebt bewusst das private Engagement im sozialen System aufs Podest - zu Recht?
Markus Gander: Absolut, damit wird ein Zeichen gegen eine ungute Entwicklung gesetzt. In unserer Gesellschaft gibt es zwar viel freiwilligen Einsatz, aber in problematischen Gebieten haben wir die Tendenz, die Lösung von uns wegzudelegieren. Gerade im sozialen Bereich gibt es für jedes Problem einen Profi, der sich darum kümmert. So kann das zivile Engagement verkümmern.
Klaus Jacobs: Es ist wichtig, dass sich die Medien für private Initiative starkmachen. Das steckt an und ist vielleicht für manche der Anstoss, sich selber auch einmal zu engagieren.

Beobachter: Gibt es genügend privates Engagement in der Schweiz?
Jacobs: Es gibt nie genug davon, es sollte immer noch mehr geben.

Beobachter: Welche Rolle haben die privaten Akteure? Was können sie besser als der institutionelle Sozialapparat?
Gander: Sie sind viel schneller, können direkt handeln, ohne auf Strukturen Rücksicht zu nehmen. Das macht sie zu einer Art Frühwarnsystem für soziale Herausforderungen. Umgekehrt merken sie schnell, wenn es für ihr Anliegen gar keine Nachfrage gibt - dann hören sie zwangsläufig wieder auf, weil es wirtschaftlich nicht funktioniert. Vor allem aber sind die Privaten unbefangener: Wenn sie eine Idee haben, ist sie immer idealistisch geprägt - dann wollen sie etwas, und zwar sofort. Ich selber wurde früher immer gefragt: «Wer hat euch den Auftrag für eure Arbeit gegeben?» Dazu brauchte ich doch keinen Auftrag! Wenn ich ein Ziel habe, dann muss ich einfach zu rennen beginnen.
Jacobs: Klar ist: Der Staat kann nie alles machen. Natürlich gibt es klassische staatliche Aufgaben, die das Private nicht kompensieren kann. Aber auch dort kann
Privatinitiative wirkungsvoll ergänzen und sich facettenreich und mit kreativen Ansätzen einbringen. Selbstverständlich sind nie alle diese Ideen realisierbar, das ist ein Abwägen. Dazu gehört auch die Gefahr des Scheiterns besonders mutiger Ansätze.

Beobachter: Welche sozialen Aufgaben gehören zwingend in die Hoheit des Staats?
Gander: Zuständig ist er sicher dort, wo die Zivilgesellschaft eine Aufgabe nicht selber lösen kann, weil sie zu komplex ist. Und dort, wo der Staat einen volkswirtschaftlichen Nutzen generieren kann. Mit Kinderkrippen beispielsweise: Das wäre eine hervorragende Aufgabe für den Staat.
Jacobs: Es ist ein politischer Entscheid, wo der Staat eingreifen soll und wo nicht. Es gibt Konstrukte, die in der heutigen Form keinen Sinn machen. So finde ich es auf gut Deutsch einen «Chabis», dass Krippen nicht Bestandteil des staatlichen Schulsystems sind. So könnten durch eine frühe und qualifizierte Betreuung Kinder von Immigranten besser als heute ins soziale System integriert werden. Es ist viel zu spät, wenn sie erst mit sieben in die Schule einsteigen, das muss früher passieren, mit zwei, drei Jahren.


Markus Gander redet schnell und lacht viel, zwischendurch steckt er sich immer wieder eine Zigarette an. Sein Terminkalender ist randvoll, und doch lässt er sich ausgiebig Zeit, um über sein Leben und seine Ansichten zu erzählen. Und darüber, was seine Hauptbotschaft ist: Stellt nicht immer die Probleme der Jugend in den Vordergrund, schaut lieber, was sie alles kann! Den Tatbeweis liefert sein Unternehmen Infoklick.ch, das der Innerschweizer in der Berner Agglomeration aufgebaut hat. Dafür hat der frühere Jugendarbeiter, der er im Grunde geblieben ist, einst sein Erspartes aus der Pensionskasse geopfert, und bis heute kennt er keinen geregelten Feierabend. Ferien schon gar nicht. Gander sieht sein Engagement freilich andersrum: «Eigentlich habe ich immer Ferien.»

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Beobachter: Herr Gander, Sie sind «Social Entrepreneur 2006». Populär wird das so definiert: eine Kombination aus Mutter Teresa und Bill Gates. Erkennen Sie sich wieder?
Markus Gander: Das ist natürlich sehr plakativ. Gut, wenn man etwas tut, das gesellschaftlichen Nutzen bringt und gleichzeitig nach marktwirtschaftlichen Kriterien funktioniert, dann mag das Bild zutreffen. Was nicht stimmt, ist der Vergleich mit Bill Gates. Denn in seinem Metier geht es um Gewinnmaximierung, das ist für uns kein Thema. Wir haben uns der Gemeinnützigkeit verschrieben - ich darf mich selber nie mit einem Bonus belohnen.

Beobachter: Also dann Mutter Teresa?
Gander: Auch nicht. Ich opfere mich nicht auf für meine Sache, so wie Mutter Teresa das getan hat. Klar, wir sind alle Enthusiasten, haben keine Nine-to-five-Jobs. Meine Intention ist, etwas Gutes zu tun für die Gesellschaft, aber es ist nicht so eine «heilige» Intention. Was ich mache, mache ich gerne, aber ich gebe mich als Person nicht auf. Wichtig ist mir, dass mein Unternehmen funktioniert. Wenn andere auch etwas davon haben - umso besser.

Beobachter: Was treibt Sie an, mehr zu tun, als Sie tun müssten?
Gander: Viele der jungen Leute, mit denen ich zu tun habe, werden zum ersten Mal mit jemandem konfrontiert, der sich für das interessiert, was sie können. Sonst sind sie nur interessant, wenn sie ein Problem haben. Und das gilt nicht nur für Jugendliche, sondern auch für viele Erwachsene in unserer Gesellschaft. Das ist doch ein Irrsinn! Damit sich das ändert, gebe ich viel.

Beobachter: Fühlen Sie sich als Wohltäter?
Gander: Ich zahle mir für meine Arbeit einen normalen Lohn aus, von daher: Nein, als Wohltäter fühle ich mich nicht. Viel eher ist ein Mäzen ein Wohltäter - er gibt sein Geld her, ohne direkt etwas davon zu haben.

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Klaus Jacobs ist ein aufmerksamer, ruhiger Gesprächspartner. Routiniert beantwortet er die Fragen, Persönliches lässt er sich aber nicht entlocken. Selbstdisziplin und eine straffe Haltung kennzeichnen ihn, den Erben der Bremer Kaffeedynastie Johann Jacobs. Das Büro des 70-Jährigen in seiner Jacobs-Stiftung ist gediegen, stilisierte Kaffeebohnen zieren den hellen Teppichboden. Zeit hat Jacobs kaum, in einer Stunde muss er zum Flughafen, ein Freund in Prag feiert Geburtstag. Das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» schätzt Jacobs’ Vermögen auf drei bis vier Milliarden Franken, damit ist er einer der reichsten Schweizer - und gleichzeitig einer der grosszügigsten sozialen Gönner des Landes.

Beobachter: Herr Jacobs, fühlen Sie sich als Wohltäter?
Klaus Jacobs: Wohltäter? Das kann nur einer beurteilen, dem ich wohltue

Beobachter: Wieso engagieren Sie sich eigentlich speziell für Jugendliche?
Jacobs: 1988, als ich die Stiftung aufbaute, überlegte ich mir, was denn die grössten Probleme sind, wo es etwas zu tun gibt. Ich habe eine Konferenz mit Wissenschaftlern organisiert, und die Spezialisten kamen zum Schluss, dass im Bereich Jugend ein starkes wissenschaftliches Manko mit allen negativen Konsequenzen für die Praxis besteht. Wir wissen nicht, was genau in der Pubertät passiert, wie der Übergang von Schule zu Job aussieht und so weiter.

Beobachter: Zuerst war die Absicht da, etwas Gemeinnütziges zu tun, und danach kam das Thema?
Jacobs: Genau, ich habe mich beraten lassen. Und einige der Wissenschaftler sind dann Stiftungsräte der Foundation geworden, was sehr gut für unser Image war, denn es kannte uns ja damals niemand.

Beobachter: Was ist der Unterschied zwischen gemeinnütziger Arbeit und der Führung eines kommerziellen Unternehmens?
Jacobs: Das eine ist immer ganz klar mit Geldverdienen verbunden, das andere dagegen ist sinnvolle Geldausgabe.

Beobachter: Ihr Wirken wurde auch schon auf die Kurzformel «Wallstreet und Caritas» gebracht. Sind Sie damit einverstanden?
Jacobs: Ja und nein. Man muss dazu stehen, was man macht. Es braucht Leistung und Engagement, um Geld zu verdienen. Genauso braucht es Leistung und Engagement im sozialen Bereich. Diesbezüglich ist der Unterschied nicht riesig.

Beobachter: Spendierfreude und Philanthropie kann Ihnen leicht auch als Scheinheiligkeit ausgelegt werden: Als reicher Mann ist es ja nicht so schwierig, Gutes zu tun.
Jacobs: Ich akzeptiere alle Kommentare und nehme das sportlich. Es geht um die Frage, was ich mit meinem Leben mache - das muss jeder selbst entscheiden. Ich wünsche mir allerdings mehr private Initiative, dann würde die Wiese bunter, das wäre schön.

Beobachter: Gibt es in der Schweiz eine Entwicklung wie in den USA, wo privates Engagement mangelnden staatlichen Einsatz kompensiert?
Jacobs: In Europa können wir uns nicht mit den USA vergleichen. Dort gab es vor 150 Jahren letztmals Krieg, hier vor 60 Jahren. Die Geschichte der USA ist eine der Auswanderer, die sich gegenseitig halfen, um zu überleben. Daher ist die Philanthropie dort viel stärker verankert. Bei uns ist eine ganz andere Basis. Je länger wir aber Frieden haben, umso besser wird es - für alle. Das private soziale Engagement wird zunehmen, da bin ich optimistisch.

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14-07-Beobachter01.jpgDer Macher Markus Gander, geboren 1964, stammt aus Unterägeri ZG. Nach der Matur besucht er in Bern die Jazzschule, studiert Soziologie und erwirbt das Sekundarlehrerpatent. Anfang der neunziger Jahre steigt er in der Berner Vorortsgemeinde Moosseedorf (3'400 Einwohner) als Jugendarbeiter ein. Diese Tätigkeit stellt er auf zwei Standbeine: Mitwirkung und Informationsvermittlung. Darauf stützt sich heute auch der gemeinnützige Verein Infoklick, den Gander ab 2001 von einer kleinen lokalen Initiative zu einem national agierenden Netzwerk für Kinder- und Jugendförderung sowie zu einer Art Gründerzentrum für Jugendprojekte aufgebaut hat. Infoklick, ein Unternehmen mit 14 Angestellten und einem Budget von 1,2 Millionen Franken, begleitet auf Auftragsbasis jugendspezifische Projekte und übernimmt langfristige Mandate, ganz neu etwa den Betrieb der Beratungsplattform Tschau.ch. Diesen Januar wird Markus Gander von der Schwab-Stiftung zum Schweizer «Social Entrepreneur» (Sozialunternehmer) des Jahres 2006 gekürt.

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14-07-Beobachter02.jpgDer Mäzen Klaus J. Jacobs wird am 3. Dezember 1936 in Bremen geboren, seit 1983 ist er Schweizer Staatsangehöriger. Nach dem Abitur macht er eine Lehre in Import/Export, dann studiert er Betriebswirtschaft. Er tritt ins Familienunternehmen ein und wird 1970 Sprecher der Geschäftsführung der Kaffeefirma Jacobs. 1982 fusioniert die Firma zu Jacobs Suchard, es entsteht das drittgrösste Kaffeeunternehmen der Welt. 1988 gründet er die Jacobs Foundation, eine gemeinnützige Vereinigung, mit einem Stiftungskapital von 1,5 Milliarden Franken. Schwerpunkttätigkeit der Stiftung ist die Verbesserung der Lebensbedingungen junger Menschen in aller Welt. 1991 kauft Jacobs Adia, 1996 fusioniert er Adia mit Ecco zu Adecco, dem weltgrössten Zeitarbeitskonzern. 1996 kauft er Barry, fusioniert mit Callebaut und beherrscht so den Kakao- und Schokolademarkt. 2006 spendet er der International University Bremen 200 Millionen Euro - die höchste je in Europa von einer Privatperson geleistete Zuwendung im Bildungsbereich. 2007 tritt Jacobs zurück. Er hat sechs Kinder aus zwei Ehen.

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Ausgezeichnete Projekte:
Zur Nachahmung empfohlen

Der Beobachter würdigt privat initiierte Sozialprojekte aus den Bereichen Familie, Arbeit, Jugend, Nachbarschaftshilfe, Pflege und Ausländerintegration - auch als Muster zur Nachahmung.
«Dossier Sozialprojekte»

Quelle: Thomas Buchwalder