Viele Anleger verscherbeln momentan ihren Aktienbesitz nach dem Spatz-in-der-Hand-Prinzip – heute noch mitnehmen, was man bekommen kann, bevor die Titel morgen noch weniger wert sind. Nachdem die Kurse seit Sommer 2000 kontinuierlich sanken, folgte nach den Attentaten in den USA auch in der Schweiz ein Kurssturz um 15 Prozent innert zehn Tagen. Seit Anfang Jahr hat die Schweizer Börse rund 30 Prozent an Wert verloren; ehemals als sicher geltende Titel wie «Zürich», Swatch, ABB, Rentenanstalt sind nicht einmal mehr die Hälfte wert.

Tausende Schweizerinnen und Schweizer stecken mit ihren Aktienfonds tief in der Verlustzone. Sie beschäftigt deshalb nur eine Frage: Ist das nun der Talboden – oder wird es noch weiter runtergehen?

Die Banken mahnen seit Wochen, trotz Verlusten weiter an der Börse auszuharren. «Anleger sollten in diesem Börsentief vor allem eines nicht tun: ihre Aktien verkaufen», rät zum Beispiel Alois Bischofberger, Chefökonom der Credit Suisse.

Andere Fachleute zweifeln an solchen Empfehlungen, etwa der ETH-Professor Harald A. Mieg: «Die Banken und Experten können und dürfen nicht anders als zum Durchhalten raten. Ansonsten würden sie in einem unsicheren Markt das falsche Signal setzen und den Ausverkauf beschleunigen.» Ein Banker, der noch vor wenigen Wochen zum Aktienkauf aufgefordert habe, könne jetzt nicht einfach zum Verkauf derselben Titel raten, denn das würde das Vertrauen in seine Beratungskompetenz völlig untergraben. «Wir sollten uns deshalb nicht auf die Durchhalteparolen verlassen», folgert Mieg.

Gewiss ist wohl einzig, dass «auf schlechte Zeiten auch wieder bessere Tage folgen werden», wie es in einer Analyse der Zürcher Kantonalbank heisst. Die Frage ist bloss, wann. In einem Monat oder in zehn Jahren? Es gibt nur eine ehrliche Antwort: Niemand weiss es.

Gegen 80 Prozent aller Experten sprechen derzeit von einer kommenden Rezession in den USA. Auch für Europa und die Schweiz häufen sich die Zeichen einer Krise. Ein Krebsgang der Wirtschaft hätte tiefere Unternehmensgewinne zur Folge, was auf die Aktienkurse drückt. Denn der Wert der Aktien einer Firma hängt hauptsächlich davon ab, wie viel Gewinn sie künftig abwerfen wird.

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Wie stark und wie lange die Gewinne schrumpfen, steht jedoch in den Sternen. Darum kann im Moment niemand wissen, ob Aktien zurzeit an der Börse billig oder immer noch viel zu teuer sind. Deshalb ist zu befürchten, dass an den Börsen auch in den kommenden Monaten nicht wirtschaftliche Fakten, sondern die Psychologie regieren wird. Hier hat in den letzten Monaten eine 180-Grad-Kehrtwendung stattgefunden: Waren es bis Mitte 2000 Spieltrieb und Gier, die die Aktienmärkte in ungeahnte Höhen hievten, so schicken jetzt Angst und Verunsicherung die Börsen auf Talfahrt.

Auch Resignation schwingt mit: Zahlreiche Anleger, die erst vor zwei, drei Jahren in den Aktienmarkt eingestiegen sind, haben der Börse bereits wieder den Rücken gekehrt, weil ihre Erwartungen alles andere als eingetroffen sind. Im Vergleich zum Risiko, noch einmal 15 oder mehr Prozent mit Aktien zu verlieren, bieten Bundesobligationen und selbst das Sparkonto mit zwei Prozent sicherem Zins plötzlich wieder attraktive Alternativen.

Gut informiert ist halb investiert
Das Herdenverhalten verstärkt solche Trends und führt zu Übertreibungen: Einem Schwarm Vögel gleich, zogen alle euphorisch beim Erklimmen neuer Börsenhöhen mit und drehen jetzt ab, wo die Angst umgeht. Die Kleinanleger triffts meist am stärksten: Sie kaufen nahe dem Höchstpunkt und verkaufen erst, wenn die Profis längst schon abgesprungen sind.

Wer nicht in solche Anlegerfallen tappen will, der sollte sich gerade in schwierigen Börsenzeiten gründlich über die Funktionsweise der Finanzwelt und über Risiken und Chancen bei der Geldanlage informieren. Der neue Beobachter-Ratgeber «Das Abc der Geldanlage» enthält die wichtigsten Tipps zum Sparen, Investieren und Vorsorgen.