Ein Raunen geht in der 14. Spielminute durch die Runde, die gebannt auf die Fernsehschirme schaut. Ein Stürmer der AC Milan hat im Champions-League-Halbfinal gegen den FC Barcelona den Pfosten getroffen. Beinahe hätte sich Martin Smahels Wunsch erfüllt: «Am besten wäre ein frühes Tor. Und kurz vor dem Abpfiff der Ausgleich.» Für welches Team, ist dem 29-jährigen Wiener egal. Er will einzig, dass das Spiel eng bleibt und Wendungen nimmt.

Ein solcher Verlauf ist für den Buchmacher bei der Sportwetten-Firma Interwetten gut fürs Geschäft: Wenn ungewiss bleibt, wie ein Match ausgeht, wird an den Heim-PCs der Wetter häufiger und risikoreicher gesetzt - und mehr Geld verloren. Und der Verlust der Spieler ist der Gewinn des Anbieters. Mit 50'000 Euro Einsatz rechnet Smahel fürs heutige Spiel. Wenn davon für die Firma eine Profitmarge zwischen sechs und sieben Prozent übrig bliebe, wäre er zufrieden.

«Ein Schmankerl nachlegen»
20 Minuten sind um. Auf dem Rasen des Mailänder Meazza-Stadions läuft das Spiel zäh, entsprechend stocken in Wien die Einsätze der Sportwetter. «Vielleicht ein Schmankerl nachlegen», denkt Smahel laut. Mit ein paar Tastengriffen korrigiert sein Kollege Christian Zach die Quote für einen Milan-Sieg um 0,1 Punkte nach oben. Pro 100 Euro Einsatz liessen sich nun zehn Euro mehr verdienen als noch vor zehn Sekunden. Das verleitet auf der anderen Seite einige Spieler dazu, eine neue Wette abzuschliessen.

Live-Wetten sind wie ungleiche Fechtkämpfe übers Internet: ein Buchmacher gegen Tausende von Spielern, die ihren Einsatz mit seinen Quoten multiplizieren möchten. Wird hier eine Finte gesetzt, erfolgt dort eine Reaktion. «Ein guter Buchmacher bietet den Kunden immer einen neuen Reiz», umschreibt Martin Smahel das virtuelle Katz-und-Maus-Spiel um die Ziffern hinterm Komma. Und verhehlt nicht, dass die unsichtbaren Gegenüber in ihm den Wettbewerbsgeist wecken: «Ich will besser sein als die Wettkunden.»

Für den umsatzträchtigen Knüller Milan - Barcelona hat Interwetten gross angerichtet: Christian Zach kümmert sich um die Quoten für Spielausgang, Halbzeitstand, Penaltys und Verwarnungen. Georg Mayer ist zuständig für die Eckball- und Torschützenwetten. Um ja kein Ereignis zu verpassen, schauen die beiden jungen Männer mal auf die TV-Geräte, auf denen das Spiel läuft, und dann sofort wieder auf die Bildschirme ihrer Computer, in die sie die rasch wechselnden Quoten tippen.

Im schmucklosen Bürogebäude im 22. Wiener Bezirk, weit weg vom kaiserlich-königlichen Prunk der Innenstadt, herrscht eine konzentrierte Atmosphäre. Nur ab und zu imitiert Georg Mayer den schneidenden Ton des spanischen Kommentators. Die Buchmacher verfolgen den Match auf einem Privatkanal, dessen Signal etwa fünf Sekunden vor jenem auf ORF zu sehen ist. Das kann bei Live-Wetten entscheidend sein.

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Der «verrückte Deutsche» steigt ein
Mittendrin steht Martin Smahel, der bei Interwetten die Verantwortung für die wöchentlich rund 100 Live-Wetten trägt. Seit acht Jahren mit dabei, ist er in der noch jungen Branche ein alter Hase. Wie viel muss ein Buchmacher selber vom Sport verstehen? «Es ist bestimmt kein Nachteil, wenn man sich dafür interessiert», sagt Smahel, ein Anhänger des Fussballklubs Austria Wien. «Wichtiger ist aber sein Gefühl: Er muss in jeder Situation erkennen, wie ein Spiel in Quoten steht.» Aus Büchern lernen kann man das nicht - höchstens durch Zusehen und Ausprobieren.

Kurz vor Halbzeit. Der «verrückte Deutsche», wie Georg Mayer einen alten Bekannten nennt, taucht in der Liste der Wettspieler auf. Er setzt 700 Euro darauf, dass Milan den vierten Corner des Spiels treten wird. Tags zuvor wettete er bei einer Miniquote von 1,01 nicht weniger als 8’000 Euro auf einen Sieg von Tennis-As Roger Federer - was ihm vergleichsweise läppische 80 Euro Gewinn einbrachte. Unglaubliche Zahlen, aber nichts Aussergewöhnliches für Chef-Buchmacher Smahel: «Die meisten mit einem solchen Wettverhalten sind Berufsspieler, die sich keine Gelegenheit entgehen lassen.» Kein Anlass, der dafür zu unbedeutend wäre: Zur Not offeriert Interwetten in den sonst ereignislosen Nachmittagsstunden auch mal ein Frauen-Volleyballspiel aus Griechenland. Das interessiert zwar nur die Hardcore-Wetter, bringt aber unter Umständen mehr Gewinn als ein Fussballklassiker.

Zu Beginn der zweiten Hälfte, das Spiel steht zu Smahels Verdruss noch immer torlos, beginnt Barcelonas Star Ronaldinho aufzudrehen. Seine Zauberstücke lassen die Buchmacher vor Freude jauchzen - bei den kühlen Quotenrechnern dringt die Fussballerseele durch.

Dann die 57. Minute: das ersehnte Tor - 1:0 für die Katalanen. Jetzt kommt noch einmal Bewegung ins Wettportal: Spieler wie Buchmacher passen ihre Strategien der neuen Situation an. Die Wetteinsätze steigen sprunghaft an. Am Ende werden es 55’000 Euro sein, ein guter Umsatz für einen gewöhnlichen Dienstagabend. Doch der Gewinn für Interwetten bleibt mit 717 Euro bescheiden. Ein Eckball für Milan - der vierte wars, und der «verrückte Deutsche» wird gejubelt haben - hat kurz vor Schluss für einen empfindlichen Rückschlag gesorgt. Martin Smahel nimmt es sportlich: «Das Ausgleichstor hat gefehlt. Aber das passt schon.» Wäre es nämlich 0:0 geblieben, hätte gar ein Minus von 3000 Euro resultiert.

Noch während am TV die Schlusshymne läuft, machen sich die Buchmacher auf den Heimweg. Morgen früh um zehn gehts wieder los: Tennis aus Monaco. Die Sportwetter sollen nicht lange auf ihren nächsten Einsatz warten müssen.

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